„Gezelligheid“ und Gastfreundschaft

Vor einigen Jahren zog ich aus dem Süden Deutschlands in die Niederlande um. Dies ist vielleicht kein so großer Schritt wie zum Beispiel ein Umzug nach Afrika, aber auch ich entdeckte in meiner neuen Heimat zahlreiche Dinge, die anders sind. Wie so oft steckt der Teufel im Detail und die Fettnäpfe stehen meist dort, wo man sie am wenigsten vermutet. Vor allem das Gast oder Gastgeber sein ist eine Wissenschaft für sich.

Eines der wichtigsten Wörter der niederländischen Sprache ist das Wort „gezellig“. Eine wirklich exakte Übersetzung dieses Wortes in Deutsche ist nicht möglich. Der Van Dale bietet als Übersetzungsmöglichkeiten an: gemütlich, behaglich, unterhaltsam, angenehm, gesellig. Die Einrichtung eines Zimmers kann „gezellig“ sein, eine Person ist „gezellig“ oder auch nicht, ein Abend mit Freunden, ein Kinobesuch oder auch ein Abend allein zu Hause vor dem Fernseher sind „gezellig“. Selbst sportliche Aktivitäten, die größere körperliche Anstrengungen und eine Menge Dreck mit sich bringen, können  „gezellig“ sein.

Eine Einladung oder den Vorschlag, etwas gemeinsam zu unternehmen, nimmt man mit den Worten „Ja, gezellig, hoor“ an, und  man kann einem Gastgeber kein größeres Kompliment machen, als wenn man beim Verabschieden sagt: „Het was gezellig“.

Gelegentlich wird den Niederländern der Vorwurf gemacht, dass sie nicht gastfreundlich sind. Dieser Vorwurf ist jedoch nicht ganz gerechtfertigt. Es ist richtig, dass sie mit der spontanen Gastfreundschaft, wie man sie oft in südlichen Ländern findet, wenig am Hut haben. Für den Niederländer ist die Privatsphäre ein hohes Gut. Deshalb wird er nicht bei seinem Nachbarn, Freund oder Verwandten unangemeldet vor der Tür stehen, denn dieser könnte ja im Moment mit anderen Dingen beschäftigt und nicht auf Besuch eingerichtet sein. Dasselbe Verhalten erwartet er auch von anderen. Ein Besuch wird fast immer mindestens einen Tag vorher verabredet. Dann kann man aber auch sicher sein, dass man wirklich willkommen ist.

Sollten Sie während Ihres Aufenthaltes in den Niederlanden zum Kaffeetrinken oder Abendessen eingeladen werden, seien Sie auf verschiedene Dinge gefasst, die anders als bei Ihnen zu Hause ablaufen.

Eine Einladung zum Kaffeetrinken ist auf jeden Fall ein Erlebnis. Im Prinzip gibt es zwei Varianten den Kaffeerituals. Bei der ersten Variante gibt es pro Person ein Stück Gebäck. Als Gast isst man bei der ersten Tasse die Hälfte und bei der zweiten Tasse den Rest, da man bei schnellerem Verzehr dem Gastgeber mit dem unausgesprochenen Vorwurf, nicht mehr im Haus zu haben (was auch meistens der Fall ist), in Verlegenheit bringt.

Doch selbst wenn genügend Kuchen im Haus ist, bleibt es bei einem Stück pro Gast. Sollten mehrere Sorten vorhanden sein, wird man gefragt, welche man denn gerne hätte, und dabei bleibt es auch. So passierte es mir einmal, dass ich bei einer Geburtstagsfeier etwas in die Küche brachte und dort vier verschiedene Kuchensorten erspähte. Unerfahren, wie ich damals war, stellte ich mich auf einen gemütlichen und nahrhaften  Nachmittag ein. Doch jeder bekam, wie üblich, ein Stück. Man kann sich vorstellen, dass mir das Wissen um das Vorhandensein größerer Kuchenmengen in der Küche keine Ruhe ließ.

Bei der zweiten Variante geht der Gastgeber mit einer Keksdose (koekjestrommel), aus der sich jeder einen Keks nehmen darf, von Gast zu Gast, wobei er die Dose auf keinen Fall aus der Hand gibt. Erwischt der Gast versehentlich zwei zusammenklebende Kekse, wird die peinliche Situation mit den Worten „Du darfst ruhig zwei nehmen“ gerettet. Manchmal, vor allem wenn es sich um kleine Kekse handelt, wird auch sofort gesagt, dass man gleich  zwei oder drei Stück aussuchen darf. Als wohlerzogener Gast werden Sie dies aber nicht zum Anlass nehmen,  interessiert in der Dose herum zu kramen. Danach wird die Dose sofort wieder verschlossen, wobei man in manchen Fällen froh sein darf, wenn man seine Finger noch retten konnte. Hier kann es vorkommen, dass die Dose noch eine zweite Runde macht, es muss aber nicht.

Auch wenn Ihnen dieses Verhalten „ungastlich“ erscheint, es ist keinesfalls so gemeint. Es hat, wie so vieles in den Niederlanden, seine Wurzeln in der kalvinistischen Lebensart. „Doe maar gewoon (Benimm dich normal)“ und „Geen kapsones (Keine Angeberei)“, dies gilt auch für Gast und Gastgeber.

Nach dem Kaffeetrinken bedankt und verabschiedet man sich natürlich mit den Worten „Het was gezellig.“

Ist die Einladung zum Kaffee noch eine recht einfache Angelegenheit, so sieht es bei einer Einladung zu Abendessen schon ganz anders aus. Die Tatsache, dass diese Einladung in den seltensten Fällen spontan erfolgt, sondern oft erst nach einer intensiven Konsultation des Terminplaners zustande kommt und deshalb gelegentlich etwas auf sich warten lässt,  sollte Sie nicht entmutigen. Es bedeutet nicht, dass sie dem Gastgeber nicht wichtig sind, im Gegenteil. Er hält sich den ganzen Abend frei, um Sie zu bewirten, und tut dies auch mit großem Aufwand. Es wird meist ein exotisches Gericht zubereitet, der Tisch vornehm gedeckt, passende Musik ausgesucht. Diese intensive Vorbereitung lässt natürlich wenig Raum für spontane Einladungen.

Es gibt ein paar Dinge, die bei einer Einladung zum Essen zu beachten sind. Warten Sie auf jeden Fall, bevor Sie zu Messer und Gabel greifen, ab, ob Ihre Gastgeber ein Tischgebet sprechen. Auch wünscht man vor dem Essen den anderen noch einen guten Appetit: „Eet smakelijk“, „Smakelijk eten“ oder „Eet ze“. Zwischendurch und natürlich beim Verabschieden lobt man die „Gezelligheid“.

Werden Sie zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, so sind auch hier einige Dinge zu beachten. Als Geschenk bringen Sie eine Kleinigkeit mit, zum Beispiel Blumen oder eine Flasche Wein. Kennt man das Geburtstagskind etwas besser, darf es ruhig auch  ein persönlicheres Geschenk sein.

Gratulieren Sie auf jeden Fall dem Geburtstagskind, auch wenn die Feier aus zeitlichen Gründen vor dem eigentlichen Geburtstag stattfindet. In dieser Hinsicht sind die Niederländer nicht abergläubisch. Man gratuliert jedoch, anders als in Deutschland, nicht nur demjenigen, der Geburtstag hat, sondern völlig demokratisch auch allen anderen Anwesenden zum Geburtstag ihres Bruders, Vaters, Onkels, Cousins, Trauzeugen und so weiter, abhängig davon, in welcher Beziehung derjenige zum Geburtstagskind steht. Da dies einige Zeit in Anspruch nimmt, wird der Satz „Gefeliciteerd met de verjaardag van je vader – Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag deines Vaters“ oft verkürzt zu „Gefeliciteerd met je vader – Herzlichen Glückwunsch zu deinem Vater“. Dieses Ritual ist etwas gewöhnungsbedürftig und kann gelegentlich  zu Missverständnissen führen. So passierte es mir vor kurzem, dass mir, als ich zur Geburtstagsfeier meiner Schwiegermutter kam, mein Neffe schon an der Tür strahlend entgegen rief: “ Herzlichen Glückwunsch zu deiner Schwiegermutter!“ Da die Feier auch noch einen Tag vor dem Geburtstag stattfand, dauerte es etwas, bis ich die Bemerkung richtig einordnen konnte, und ich fragte mich, warum mein Neffe mir, obwohl ich schon mehrere Jahre verheiratet bin, zu der Tatsache, dass ich eine Schwiegermutter habe, gratulieren sollte.

Die Feier selbst ist eine Art offenes Haus. Bei der Einladung wird der früheste Zeitpunkt angegeben, an dem man sich einfinden darf, und so herrscht dann auch ein ständiges Kommen und Gehen.  Im Wohnzimmer sind Stühle in einem Kreis aufgestellt, und jeder Neuankömmling macht eine Runde, schüttelt den anderen Gästen die Hand, stellt sich, wenn nötig, vor und gratuliert ihnen zum Geburtstag des Gastgebers. Danach erhält man, je nach Tageszeit, eine Tasse Kaffee und ein Stück Gebäck oder ein Glas Bier, Wein oder Limonade und ein paar „hapjes“. Da meistens kein Tisch in unmittelbarer Nähe des Stuhlkreises steht, sitzt jeder  mit Teller und Tasse oder Glas auf seinem Stuhl, und man muss über ein ziemliches akrobatisches Geschick verfügen, will man die Neuankömmlinge begrüßen und ihnen gratulieren, ohne dabei sein Getränk zu verschütten oder den Teller fallen zu lassen.  Der Rest der Feier wird mit Konversation verbracht, die gelegentlich von Geburtstagsliedern wie „Lang zal hij / zij leven“ unterbrochen wird. Dann ist es wieder Zeit, sich zu verabschieden. Het was gezellig.

Dezember 2002

Advertisements
Kategorien: Typisch Nederlands - typisch deutsch (?) | Hinterlasse einen Kommentar

Beitragsnavigation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: