Mein Handy und ich

Jahrelang hatte ich mich mit Händen und Füßen gegen den Erwerb eines Handys gewehrt. Ich habe keine Lust, ständig erreichbar zu sein, und überhaupt gehen mir die Leute, die ständig mit so einem Gerät am Ohr durch die Gegend dackeln und die Mitwelt mit ihrem Geblöke belästigen, gewaltig auf den Senkel. Nee, sowas kommt mir nicht ins Haus!

Irgendwann aber kamen mehrere Umstände zusammen, und in mir reifte die Überzeugung, dass es zumindest im Urlaub nicht verkehrt wäre, im Notfall für meine Familie erreichbar zu sein, anstatt in regelmäßigen Abständen Telefonzellen zu suchen, die dann überhaupt nicht oder nur mit Karte funktionierten. Und wenn man ein funktionstüchtiges Exemplar gefunden hat, wird einem mitgeteilt, dass man mit dem Anrufbeantworter verbunden sei und gerne eine Nachricht hinterlassen dürfe. Dann ist es doch das kleinere Übel, selbst erreichbar zu sein.

Nachdem ich dies meinem Mann dargelegt hatte, reagierte er zwar erst verdutzt, da er das von mir nicht erwartet hatte, begab sich aber dann mit mir in die Stadt, um so ein Gerät zu erwerben. Im Geschäft erklärten wir einem netten jungen Verkäufer, dass es sich um eine Erstanschaffung handelte, womit wir zwar einen erstaunten Blick ernteten, aber er verkniff sich Bemerkungen wie  „Ach so, Sie sind die zwei, die noch keins haben!“ und tat sein Bestes, uns durch den Dschungel der Möglichkeiten zu lotsen. Prepaid oder Abonnement, welches Modell, welche Extras, Speicherplatz, Batterie etc. Bald schwirrte mir der Kopf. Nach einer Weile hatten wir uns auf ein relativ unkompliziertes Modell geeinigt, und mein Mann stellte mir die entscheidende Frage: „Schwarz oder Silbergrau?“ Es wurde die silbergraue Variante.

Zufrieden trabten wir nach Hause und vertieften uns in die Gebrauchsanweisung. Dabei merkten wir, dass diese schon ein gewisses Grundwissen voraussetzte, denn es wimmelte von Sätzen wie „Wählen Sie im Menü die Option xyz“, aber keinerlei Erklärung, wie man überhaupt in dieses Menü kam. Wir stellten fest, dass das Paar auf dem Titelblatt der Gebrauchsanweisung wohl um einiges glücklicher aussah als wir im Moment. Aber endlich bekamen wir heraus, wie man das Gerät ein- und ausschalten, anrufen und Anrufe empfangen und die Mailbox abhören konnte. Mehr wollten wir im Moment auch gar nicht. Die schwierigeren Dinge wie SMS und dergleichen wollten wir uns für später aufheben.

Ein paar Tage später kam die erste Nagelprobe: Ich musste ein paar Dinge kombinieren, bei denen es genug Gelegenheiten gab, sich zu verpassen oder ähnliches. Also nahm ich das Handy zum ersten Mal zu einer Besprechung mit, in der Hoffnung, dass es damit ähnlich wäre wie mit einem Regenschirm, den man meist dann braucht, wenn man ihn nicht dabei hat. Bevor ich mich auf den Weg machte, erfolgen mehrere Anrufe vom Festanschluss aus, um den Klingelton so einzustellen, dass nicht gleich sämtliche Kollegen vor Schreck in den Gardinen hängen, aber dass ich einen eventuellen Anruf trotzdem mitkriege. Doch alles verlief glatt, ich wurde nicht angerufen.

Nach und nach hatte ich mir die wichtigsten Dinge angeeignet. Inzwischen kann ich SMS schreiben, meine Mailbox abhören und – last but not least – telefonieren. Und natürlich konnte ich es nicht lassen, bei meinem ersten Anruf vom Zug aus fröhlich in den Hörer zu tröten: „Ja, ich bin’s, ich sitze jetzt im Zug! Das wollte ich schon lange mal sagen.“ Vielleicht kann mein Handy ja auch noch mehr, aber mir langt das vorläufig.

Erreichbarer bin ich trotzdem nicht geworden. Zu Hause liegt das Gerät meist ausgeschaltet in einer Schublade, denn wenn ich zu Hause bin, kann man mich ja über das Festnetz erreichen. Daran, dass andere Leute ja nicht wissen, wann ich wo bin, denke ich nicht immer. Und wenn ich unterwegs bin, habe ich das Ding zwar mit, aber meistens ausgeschaltet. Ich glaube nicht an Multitasking im Verkehr. Oft genug wurde ich von Autofahrern mit Handy am Ohr fast von den Socken gefahren oder hatte einen Radfahrer vor mir, der schwankend wie ein betrunkener Gartenzwerg vor mir her schlingerte. Dass es einen umhaut, habe ich zwar noch nicht erlebt, aber das kommt sicher noch. Nett sind auch die Fußgänger, die mir vor das Rad rennen und mich dann noch vorwurfsvoll anschauen, als ob sie sagen wollen: Kannst du nicht aufpassen, du siehst doch, dass ich telefoniere! Also bleibt das Handy aus, und wenn ich am Ziel angekommen bin, vergesse ich natürlich, es wieder einzuschalten. Manchmal hängt es auch gemütlich zu Hause am Ladegerät, oder ich habe es mit und der Akku ist leer. Ich fürchte, das wird sich in diesem Leben auch nicht mehr ändern.

Wer mich auf dem Handy erreichen will, muss also eine größere Portion Geduld mitbringen. Am Besten ruft man mich zwei Tage vorher auf dem Festnetz an, oder schickt mit eine Mail, wann man beabsichtigt, mich auf dem Handy zu kontaktieren. Dann kann ich es rechtzeitig aufladen und einschalten – wenn ich dran denke.

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Kategorien: Ganz "normaler" Alltag | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Mein Handy und ich

  1. *hihi*, das kenne ich. Weil ich so gut wie nie mit meinem Handy telefoniere – entweder es ist nicht aufgeladen oder ich hab’s nicht dabei – hat sich der Gatte erbarmt und gemeint, er nimmt jetzt ein paar Tage mal meins mit und labert das Guthaben ab, ehe es verfällt.

    Das kann er.

    Am Samstag also war er noch in der Stadt, als ein Freund der Familie bei uns daheim auf dem Festnetz anrief.
    „Oh“, sag ich, „G. ist noch unterwegs. Aber er hat mein Handy mit statt seinem – und meine Nummer weiß ich nicht.“

    Der Kumpel hat nur gelacht. Wir kennen uns schon ewig, er kennt meine Handy-Muffeligkeit. Und ich kann ja jetzt sagen: „Weißt du, das ist nix mehr für mich. Ich bin schon eine alte Schachtel.“ 😀

  2. Meine Handynummer weiß ich auch nicht, ich ruf da ja nie an. Das Ganze ist vielleicht auch nicht so sehr eine Alters- als eine Typenfrage.

  3. Möglicherweise auch eine Typfrage. Aber ich denke, da wir nicht mit der Möglichkeit und „sozialen Notwendigkeit“ aufgewachsen sind, immer und überall erreichbar zu sein, ist uns der Handyzirkus eher lästig bis wurscht. Ham wir 30, 40, 50 Jahre lang nicht gebraucht, ist jetzt auch nicht soooo wichtig.

    Wir sehen gar keine Veranlassung, uns mit den achthundertdreiunddrölfzig Funktionen so eines Geräts zu beschäftigen – weil uns rein gar nix abgeht, wenn wir sie nicht zur Verfügung haben.

  4. Pingback: Chiemgauer Streifzüge – Teil 3 « Grenzwanderer

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