Irland 2003, Teil 1

Irland: 29. Juni – 25. Juli 2003: Ein Bericht für Irland-Fans und Daheimgebliebene

„In Ireland the inevitable never happens and the unexpected constantly occurs“ (Sir John Pentland Mahaffy). Dieses Motto hatte ich zusammen mit einem meiner früheren Irlandfotos auf T-shirts drucken lassen und meinem Mann Peter eines davon zum Geburtstag geschenkt. Wie wahr der Spruch ist, sollte sich bald herausstellen.

Eigentlich wollten wir nicht nach Swords

Swords ist der am dichtesten am Dubliner Flughafen liegende Ort, und eigentlich wollten wir dort überhaupt nicht hin, sondern zu einem Campingplatz im Südwesten von Dublin, nicht allzuweit weg vom Heuston-Bahnhof. Von dort aus wollten wir so früh wie möglich mit dem Zug nach Killarney und unsere Fahrt entlang der Westküste antreten.

Damit auch wirklich nichts schiefgehen konnte, fuhren wir schon am Sonntag nach Schiphol, da für Montag diverse Bauarbeiten auf der Strecke und damit verbundene Zugverspätungen angekündigt wurden. Nach einer ziemlichen Sucherei fanden wir den Campingplatz in Halfweg in der Nähe des Flughafens. Wieder einmal wunderte ich mich, dass so viele Leute in dieser Gegend wohnen, ich fand es dort recht grauenvoll: Vor allem Industrie und Straßen.

Am Montag kamen wir viel zu früh am Flughafen an und hatten genügend Zeit, die Fahrräder für den Flug herzurichten. Das ganze ist ein furchtbarer Zirkus, da man die Pedale abschrauben der Lenker längs stellen und die Luft aus den Reifen lassen muss. Dann muss das Rad als „oversized baggage“ apart eingecheckt werden. Da man das linke und das rechte Pedal auf keinen Fall verwechseln darf, kamen wir auf die, wie es uns schien, glorreiche Idee, dass ich die beiden linken und Peter die beiden rechten einpacken sollte. Das würden wir uns sicher merken können. Die verschiedenen Fahrradtaschen packten wir in zwei große Säcke, so dass unser Gepäck auf vier Stücke reduziert wurde.

Der Flug selbst verlief ohne weitere Vorkommnisse, doch als wir in Dublin beim Gepäckband standen, kamen zwar die Fahrräder an, aber nur drei von unseren vier Taschen. Die größte, in der sich Peters Fahrradtaschen mit der Hälfte des Zeltes, dem Werkzeug, den rechten Pedalen und seinen Klamotten befand, fehlte. Wir gingen zum Schalter für verlorengegangenes Gepäck, bei dem ein ziemlicher Betrieb herrschte. Man vertröstete uns erst auf den nächsten Flug, da es öfter vorkommt, dass ein Gepäckstück versehentlich zurückbleibt. Doch auch mit dem nächsten Flug zweieinhalb Stunden später kam nichts.

Was tun? Mit zwei linken Pedalen und einem kaputten Ventil kann man nicht radfahren und  in den DART, der in die Innenstadt fährt, darf man keine Räder mitnehmen. Wir gingen zur Tourist Information, wo man erst mal den Kopf schüttelte und sich mühsam ein Grinsen verkniff, uns dann aber ein Bed and Breakfast in Swords besorgte, der einzigen Ortschaft, die vom Flughafen aus zu Fuß in unter einer Stunde zu erreichen ist.

Unser Landlord Jim empfing uns sehr freundlich. Er erzählte, dass bei ihm öfters Leute strandeten, deren Gepäckstücke oder Fahrräder nicht angekommen waren: „There are often problems with bicycles, and it’s always on the Amsterdam flight.“ Irgendwie logisch, wo sollen die verrückten Radfahrer sonst herkommen. Aber bisher wäre alles am nächsten oder übernächsten Tag wieder aufgetaucht, meinte Jim mit unerschütterlichem Optimismus und bot an, für uns am Flughafen anzurufen, er mache das öfter. „We’ll see, what tomorrow brings.“

Diesen Satz oder auch die Variante „We must take ist as it comes“ sollten wir noch oft zu hören bekommen.  Natürlich mussten wir oft an O’Reilly, den unfähigen irischen Maurer aus der Serie „Fawlty Towers“ denken, dessen Standardantwort auf alles war: „If the good Lord wanted us to worry, he would give us things to worry about.“ Irgendwann platzte dem cholerischen Basil Fawlty (John Cleese) der Kragen und er vervollständigte den Satz „If the good Lord…“ – „… is mentioned once more, I shall move you closer to him.“

Um es gleich zu sagen, das Gepäck kam weder am nächsten noch am übernächsten Tag. Die Leute am Flughafen hatten uns gesagt, dass wir auf jeden Fall Geld für zusätzliche Ausgaben zurückfordern konnten, und falls das Gepäck überhaupt nicht mehr auftauchen sollte, würde unsere Reiseversicherung das regeln. So beschlossen wir, uns eine Notausrüstung zusammen zu stellen.

In Swords gibt es einen Fahrradladen und gleich daneben ein Geschäft für Campingausstattung. Die Leute waren alle sehr hilfsbereit, und jeder konnte Geschichten über verlorengegangenes Gepäck erzählen, so dass es uns am Ende wie ein Wunder vorkam, dass überhaupt noch etwas ankommt. Auch hatten wir mehr und mehr den Eindruck, dass das halbe Dorf von gestrandeten Flugpassagieren lebt. Wir entdeckten einen Friseursalon mit einem eindeutig niederländischen Namen und vermuteten, dass die Besitzerin es irgendwann aufgegeben hatte, auf ihre Koffer zu warten, und sich in Swords eine neue Existenz aufgebaut hatte.

Da uns die Leute von der Gepäcksuche baten, mit dem Kauf größerer Dinge noch einen Tag zu warten, fuhren wir mit dem Bus nach Dublin. Erst stöberten wir in verschiedenen Kaufhäusern nach Unterwäsche, T-shirts und Socken. Dann besichtigen wir das Trinity College und das Schloss von außen, da wir für Führungen etwas spät dran waren,  und die  Christchurch Cathedral von innen. Zum Radfahren schien Dublin uns nicht gerade geeignet.

Im Bus nach Swords befanden sich auch zwei Stewardessen von Aer Lingus. Wir überlegten, ob es sinnvoll wäre, sie zu kidnappen und erst wieder frei zu lassen, wenn wir unser Gepäck wieder hatten. Aus verschiedenen Gründen führten wir den Plan nicht aus.

Obwohl Swords ein netter Ort mit einem Schloss ist, hatten wir nicht die Absicht, unsere vier kostbaren Urlaubswochen dort zu verbringen. Am nächsten Morgen riefen wir zum letzten Mal beim Flughafen an und erklärten ihnen, dass Jim das Gepäck in unserer Abwesenheit in Empfang nehmen würde. Sie nahmen es zur Kenntnis und gaben uns den Rat, alle Quittungen aufzuheben, aber das hätten wir sowieso gemacht.

Wir ließen die Fahrräder in Ordnung bringen, kauften ein neues Taschenset und ein Zelt, wobei uns der Fahrradhändler einen Sonderpreis machte, verabredeten mit Jim, dass wir am Tag vor dem Abflug wieder bei ihm übernachten würden und ließen das unbrauchbare Innenzelt in seiner Obhut. Dann ging es los.

Das Boyne-Tal

Eigentlich hatten wir nicht beabsichtigt, ins Boyne-Tal nördlich von Dublin zu fahren, da es sich nicht annähernd in der Nähe unserer geplanten Strecke befand. Da wir aber ein neues Zelt hatten, wollten wir es lieber in der Nähe des Geschäfts testen, damit wir im Notfall schnell reklamieren konnten. Also fuhren wir auf einer Landstraße in Richtung Drogheda, wie es sich gehört auf der linken Seite, keine allzu schwierige Umstellung.

Was die Routenplanung anging, verließen wir uns auf das Buch „Irland per Rad“ vom Kettler-Verlag, da wir mit dieser Reihe in England und Dänemark gute Erfahrungen gemacht hatte. Leider gab es keine aktuellere Ausgabe als die von 1999, aber zumindest, was die Streckenführung betrifft, sollte das nicht so ein Problem sein, vor allem in Kombination mit einer guten Straßenkarte.

Schon bald stellten wir jedoch  fest, dass wir ziemlich naiv an das Unternehmen herangegangen waren.  Wir hatten zwar durchaus einige Erfahrungen mit Radwanderungen im Allgemeinen und England im Besonderen, aber Irland ist doch wieder eine ganz andere Sache. Und natürlich war uns klar, dass Irland viel dünner besiedelt ist als die Niederlande, aber was das in der Praxis bedeutete, sollte uns erst in den nächsten Tagen deutlich werden.

Von England waren wir z. B. gewöhnt, dass jede Ortschaft, so klein sie auch ist, ein Pub hat, in dem sie meistens auch Mittagessen servieren. Auch sind die Ortschaften deutlich zu erkennen, da sich meist am Anfang und am Ende ein liebevoll mit Blumenkübeln dekoriertes Schild mit der Aufschrift „Welcome to Upper Shackleton – Village of the year 1997“ oder etwas in der Art befindet. Hier hingegen sind die Abstände zwischen den Ortschaften und auch den einzelnen Häusern größer, und Ortsschilder sind auch nicht immer vorhanden. So merkten wir oft erst, wenn auf der Straße stand „Slow! School ahead“ oder wir an einem Gebäude mit der Aufschrift „Ballymuffy Post Office“ vorbeikamen, dass wir uns in einem Dorf befanden, wenn wir es überhaupt merkten. Lediglich die größeren Ortschaften, die Gastgeber der 2003 Special Olympics World Games vom 21. bis 29. Juni gewesen waren, hatten noch Schilder mit Aufschriften wie „Drogheda, host town to Costa Rica“ oder „Tralee, host town to El Salvador“. Leider waren auch die Pubs mit „Bar Meals“ viel dünner gesät als in England, eine Tatsache, die eine andere Logistik erforderte. Auch gab es gelegentlich einige lange Steigungen, so dass die Devise galt: „Wer sein Rad liebt, der schiebt“. Aber das war schließlich zu erwarten.

Außerdem machten wir Bekanntschaft mit der Straßenbeschilderung. Sobald es etwas touristischer wird, stehen an den Kreuzungen mindestens drei Pfosten, von dem jeder fünf bis acht Schilder trägt. Auf diesen stehen Hotels, B&B’s, Restaurants, Museen und dergleichen, nur die Schilder, die die Ortschaften anzeigen, gehen oft in diesem Schilderwald unter oder sind gar nicht vorhanden. Wenn es sie denn doch gibt, ist es nicht immer deutlich, ob die Entfernungen in Meilen oder Kilometern angegeben sind. Häufig finden sich die Kilometerangaben auf den neuen Schildern mit der aufgedruckten Schrift, während auf den alten Schildern mit eingeprägter Schrift Meilen stehen. Oft hatten wir aber das Gefühl, dass man die Zahl einfach stehen gelassen und „km“ darüber geschrieben hatte. Wir kamen auf die Idee, analog zum Konzept der „gefühlten Temperatur“ die „gefühlte Entfernung“ einzuführen.

Unser schlaues Buch nannte zwei Campingplätze in der Nähe von Drogheda, doch der eine war inzwischen ein Containerdorf für Asylbewerber, der andere akzeptierte keine Zelte mehr. Im Tourist Office von Drogheda schickte man uns zur Jugendherberge von Slane, die auch Camper aufnimmt. Auf der Karte entdeckten wir einen Schleichweg, der jedoch gesperrt war. Da man aber als Radfahrer meistens durchkommt, versuchten wir es und entdeckten, dass ein Stück weiter die Straße gerade eingeebnet und geteert wurde. Sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden hätten die Arbeiter uns wohl den Kopf gewaschen und uns zurückgeschickt, aber hier wurde der Bagger angehalten und man winkte uns durch. Nett.

In Slane angekommen trugen wir erst mal zur Erheiterung der anderen Camper bei, da wir unser neues Zelt zum ersten Mal aufbauten. Jeder, der das einmal versucht hat, weiß wahrscheinlich, dass es am schwierigsten ist, die etwas umständliche Gebrauchsanweisung zu kapieren und entsprechend umzusetzen. Zum Glück ist es danach wesentlich einfacher.

Die Campinggäste durften die Einrichtungen der Jugendherberge mit benutzen, was einiges, z. B. das Kochen, vereinfacht. Wir unterhielten uns mit anderen Gästen, z. B. ein paar Australiern, die ihre unvermeidliche Veggiemite dabei hatten, und tauschten Erfahrungen aus. Als ich vom dortigen Münztelefon aus meine Eltern anrufen wollte, wurde dieses ewig von einem der Gäste blockiert. Zu allem Überfluss klingelte auch noch sein Handy, so dass er Stereo telefonieren musste und ich einen Lachkrampf bekam.

Am nächsten Tag erkundeten wir das Boynetal. Da unser schlaues Buch darauf hingewiesen hatte, dass man sich die Karten für die Ganggräber Knowth und Newgrange rechtzeitig besorgen muss, da die Führungen schnell ausverkauft sind, fuhren wir erst zum Brugh na Bóinne, dem Palast des Boyne, wo sich auch das Visitor’s Centre befindet und erstanden die begehrten Eintrittskarten für Newgrange. Man erhält einen Sticker mit einer Uhrzeit, zu der man pünktlich an der Bushaltestelle sein muss. Mit dem Bus geht es dann zu dem 5000 Jahre alten  Hügelgrab, wo wir von einem Führer in Empfang genommen wurden.

Erst erhielten wir einige allgemeine Informationen über das Grab, dann wurde die Gruppe geteilt, da nicht alle gleichzeitig ins Innere konnten. Die Leute mit dem roten Sticker durften als erstes hinein, aber ich wurde wieder zurückgeschickt, da mein Sticker nicht rot, sondern dunkelorange war. Wir nutzten die Gelegenheit, ein paar Fotos von dem großen Stein am Eingang mit seinen interessanten Symbolen zu machen. Darauf setzen durfte man sich allerdings nicht.

Dann waren wir an der Reihe. Der Eingang war so niedrig, dass man eine Angestellte des Irish Heritage Service dort postiert hatte, die darauf achten musste, dass niemand sich den Kopf stieß. Durch einen schmalen Gang gelangten wir in eine kreuzförmige Grabkammer, an deren Ende sich ein schmaler Spalt in der Wand befindet, durch den am Tag der Wintersonnenwende kurz nach Sonnenaufgang das Licht einfällt. Da dies nur einmal im Jahr stattfindet, wurde uns eine Simulation vorgeführt, die auch beeindruckend war.

Während der Vorführung stand ich neben einem Mann, der aussah wie Ludwig Haas. Aber als wir wieder draußen waren und ich ihn vorsichtig fragen wollte, ob er es sei und ob er vielleicht etwas dagegen hätte, sich mit Fanmailerin scrooge fotografieren zu lassen, war er leider schon wieder in einem der Busse verschwunden.

Nach einem Picknick fuhren wir weiter durch das Boynetal, an verschiedenen Plätzen der Schlacht von 1690 vorbei, deren Jahrestag vor allem in Nordirland immer wieder für Ärger sorgt. Wir besichtigten den Friedhof des Klosters Monasterboice mit seinem Rundturm und den drei großen Hochkreuzen, den ersten unserer Reise. Als wir zur Mellifont Abbey wollten, fehlte mal wieder an entscheidender Stelle ein Schild und wir fuhren in die falsche Richtung, aber da uns wir rechtzeitig nach dem Weg erkundigten, hielt sich der Schaden in Grenzen.

Dann fuhren wir nach Drogheda und suchten einen Fahrradladen, da das Kabel meiner rechten Gangschaltung nicht mehr besonders stabil aussah. Dort erhielt mein Stahlross auch ein neues Zahnradblatt.

In der Wartezeit gingen wir zum Bahnhof und besorgten unsere Fahrradkarten für Killarney. Für uns selbst brauchten wir keine, da wir Euro-Domino-Ticktes hatten. Danach besichtigten wir noch einer der zwei St. Peter’s Churches von Drogheda, nämlich die katholische. Dort zündete ich vor dem Heiligen Antonius ein Kerzlein an, damit er unserem Gepäck etwas auf die Sprünge hilft. Außerdem befinden sich hier auch die Überreste des heilliggesprochenen Erzbischof von Armanagh, Oliver Plunkett. „Sein einbalsamiertes Haupt bewahrt man als Reliquie in einem Schrein in der Kirche auf“, heißt es im Baedeker. Ich hatte mir aufgrund der Beschreibung eine Art Schrumpfkopf vorgestellt und war etwas enttäuscht, dass besagtes Haupt nur noch mit viel Mühe als solches zu erkennen war.

Dann holten wir mein Fahrrad ab, und um etliche Euro leichter, aber in der Hoffnung, dass jetzt eine Zeitlang Ruhe bezüglich anfallender Reparaturen sein würde,  begaben wir uns zurück nach Slane.

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Kategorien: 2003 - Irland | Ein Kommentar

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