Irland 2003, Teil 2

Irrwege durch Killarney und seine Umgebung

Nach unserem Abstecher ins Boyne-Tal fuhren wir am Freitag mit dem Zug nach Killarney. Das Umsteigen in Dublin war etwas schwierig, da wir von der Connolly Station zur Heuston Station fahren mussten und die Straßen der irischen Hauptstadt zu jeder Tageszeit verstopft sind. Aber wir schafften es, ohne überfahren zu werden. Die Zugschaffner sind auch sehr gerne beim Verladen der Räder in den Gepäckwagen behilflich, das bin ich von zu Hause nicht gerade gewöhnt.

In Killarney wartete erst mal eine große Enttäuschung auf mich. Wie McCarthy in seinem Buch „McCarthy’s Bar – A Journey of Discovery in Ireland“ bemerkt, war es zu Thackerays Zeiten schon häßlich: „‚A hideous row of houses informed us that we were at Killarney‘, observes Thackeray, and you know what? He wasn’t wrong. ‚Killarney Looking Good‘, says the sign, but, whichever direction you approach from … you are greeted by rows and rows of B&Bs.“ Ich hatte es von meinem Besuch vor elf Jahren als recht schnuckliges Städtchen in Erinnerung, aber inzwischen ist es vom Tourismus völlig überrollt worden. Am Ufer des Lough Leane erstrecken sich die Hotels fast bis zu den Ruinen der Muckross Abbey. Meine Eltern hatten mich zwar gewarnt, aber so schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt. Andererseits ist Killarney mit seiner guten Verkehrsanbindung ein geeigneter Ausgangspunkt für Ausflüge.

Am Abend fuhren wir ein Stück am Seeufer entlang und gingen dann in die Stadt, wo es allerdings rappelvoll und die Restaurants sauteuer waren. Man kann sich vorstellen, dass unsere Stimmung nicht besonders gut war.

Am nächsten Tag  besorgten wir uns erst mal einen aktuellen Campingführer, da wir eine Wiederholung der Sucherei an der Ostküste vermeiden wollten. Dann ging es weiter auf der Straße der Erinnerung. Wie damals wollte ich durch das Gap of Dunloe und um den Lough Leane radeln. Und wieder wunderte ich mich. Wie hatte ich es damals geschafft, nur mit einer „Touristenkarte“ bei der Beschilderung dort alles zu finden? Die Fahrt über das Gap war sehr anstrengend, aber das hatte ich auch so in Erinnerung. Allerdings waren auch hier mehr Menschen unterwegs, und die Kutscher der Jaunting Cars (einspännige Pferdewagen) waren nicht mehr so freundlich. Aber was soll’s.

Gelegentlich war es so steil, dass wir schieben mussten. Gerade in einem solchen Moment sprach mich eine Frau an: „I don’t think I could do this on a bike.“ Schnaufend antwortete ich: „Apparently I can’t either“, was für lautes Gelächter bei allen in Hörweite sorgte. Aber dafür ging es mit Schwung hinunter zum Ufer des Upper Lake. Dort hatten wir allerdings ein Problem mit der Beschilderung und merkten viel zu spät, dass wir auf einem Wanderweg gelandet waren, der sich als immer ungeeigneter zum Radfahren herausstellte. Da wir aber schon recht weit waren, wollten wir nicht umkehren und kämpften uns mühsam über Steine und durch Gewächse mit und ohne Dornen. Zwei Wanderer erklärten uns, dass der Weg auf die Straße nach Kenmare führte und dass es nicht mehr allzu weit sei. Trotzdem wurde Peter von einer gewissen Niedergeschlagenheit befallen und meinte, dass Irland wohl doch kein Radlerland wäre, da recht wenig Radfahrer zu sehen seien. Doch ich war sicher, dass dies daran lag, dass die anderen nicht so dämlich waren, sich auf den Wanderweg zu verirren.

Endlich erreichten wir die Straße und stellten fest, dass wir nicht weit vom Ladies‘ View entfernt waren. Wir hatten eigentlich vorgehabt, noch nach Kenmare zu fahren, doch wegen unserer „Dschungelexpedition“  hatten wir recht viel Zeit verloren und waren auch etwas erledigt. Also beschlossen wir, an den Seen entlang über die Torc Waterfalls und Muckross House zurück nach Killarney zu fahren.

Abends gingen wir wieder in die Stadt, wo wir uns das Straßentheater im Rahmen des Sommerfestes anschauten. Es war eine Gruppe auf Inline-Skates in Barockkostümen, deren Stück vor allem um die Probleme der königlichen Verdauung und die Heilungsversuche des Leibarztes ging. Es war unglaublich derb, aber trotzdem saukomisch.

Die Dingle-Halbinsel, von der wir leider nicht viel sahen

Am Sonntagmorgen verließen wir Killarney und fuhren über eine ruhige Nebenstraße an der Jugendherberge Aghadoe House (wieder ein bekannter Ort) vorbei nordwärts nach Castlemaine. Dort bogen wir ab nach Westen auf die Dingle-Halbinsel. Das Radfahren ging gar nicht schlecht, die Hügel waren erträglich. Und dass gelegentlich Schafe auf der Straße spazieren stehen und nicht aus dem Weg gehen wollen, ist nicht weiter tragisch. Auch die Autofahrer sind meistens sehr nett. Sie sitzen einem auf schmalen Straßen nicht demonstrativ im Nacken und grüßen auch freundlich. Wahrscheinlich denken sie: „Ah, schon wieder zwei Verrückte, die sollte man besser wie ein rohes Ei behandeln.“ Unheimlich wurde es gelegentlich, wenn sie uns überholen wollten und unser Tempo beziehungsweise das des Gegenverkehrs unterschätzten. Das sah oft recht gefährlich aus, ging aber immer gut.

Wir fuhren an der Küste entlang über Inch, wo wir eigentlich Mittagspause machen wollten, aber das Pub war geschlossen. Wahrscheinlich waren die Leute noch in der Kirche.  Ein paar Kilometer weiter in Anascaul entdeckten wir ein Pub namens „The South Pole Inn“, die dem Südpol-Entdeckungsreisenden Tom Crean gewidmet ist. Inzwischen hatte es zu tröpfeln angefangen, und wir beschlossen, hier Pause  zu machen.

Als nach dem Essen der Regen noch nicht aufgehört hatte, erkundigten wir uns nach der Jugendherberge mit Campingplatz, von der wir am Ortseingang ein Schild gesehen hatten. Da wir sowieso auf unserer geplanten Weiterfahrt nach Tralee wieder  über Annascaul  mussten, war es recht sinnvoll, gleich hier zu bleiben und ohne Gepäck einen Tagesausflug nach Dingle zu machen.

Die Jugendherberge war zwar geöffnet, aber der dazugehörige Campingplatz nicht, da es noch zu früh im Jahr war. Aber wir bekamen einen „private room“ mit WC und Dusche und  nutzten die Gelegenheit, ein paar Sachen zu waschen.

Beim Abendessen in der Jugendherbergsküche machten wir, zum ersten Mal auf dieser Reise, mit dem Phänomen „Französische (Jugend-)Gruppen“ Bekanntschaft. Einzeln sind die Leute ja meistens sehr nett, aber sobald sie in Rudeln unterwegs sind, werden sie etwas anstrengend, da sie Meister im Verbreiten von Hektik sind. Es kann natürlich auch sein, dass dies mein subjektives Empfinden ist, da ich die Sprache nie besonders gemocht habe (und in der Schule auch entsprechend schlecht war).  Jedesmal, wenn jemand den Raum betrat und „Bonjour“ in die Runde grüßte, musste ich an den Ausspruch meines Bruders denken: „Geh, schleich di mit deine Baar Schuah!“.

Nach dem Abendessen fuhren wir, da es inzwischen aufgehört hatte zu regnen, zwischen meterhohen Fuchsienhecken, die es dort überall gibt,  zum Lough Anascaul, einem idyllisch gelegenen Bergsee. Danach genehmigten wir uns noch ein Bierchen in Dan Foleys Pub. Ein Foto der farbenfrohen  Fassade ist auch im Baedeker zu bewundern.

Als wir am Morgen aufwachten, war der Himmel zwar noch stark bewölkt, doch die Sonne versuchte zaghaft, durch die Wolkendecke zu dringen. Voller Optimismus, dass es nur besser werden könne, machten wir uns auf den Weg zur Westspitze der Dingle-Halbinsel. Der Weg zwischen Anascaul und Dingle führte recht lang bergauf, aber wir schafften es, ohne schieben zu müssen.

Ungefähr auf halben Weg kamen wir an einem Schild mit der Aufschrift „An Gaeltacht“ vorbei. Wir befanden uns also zum ersten Mal in rein gälischem Sprachgebiet. Was dies bedeutete, sollten wir schon bald merken. Alle Hinweisschilder waren Gälisch, und obwohl wir eine zweisprachige Karte dabei hatten, war es etwas gewöhnungsbedürftig, dass auf den Schildern nicht mehr „Dingle“ oder „Dunquin“ stand, sondern nur noch „An Daingean“ und „Dún Chaoin“. Und dass „Ceann Trá“ Ventry ist, darauf kommt man auch nicht sofort, denke ich.

In Dingle machten wir eine kurze Pause und deckten uns im Supermarkt mit Verpflegung ein. Inzwischen hatten wir das irische Sodabrot zu schätzen gelernt, es schmeckt gut, sättigt und die Verdauung flutscht auch.

Leider hatte sich das Wetter nicht, wie erhofft, gebessert, im Gegenteil, es war sogar noch neblig geworden. Doch wir bleiben optimistisch und machten uns auf den Weg zum Gallarus Oratory, einem Bethaus in Trockenbauweise, dass die Form eines umgedrehten Bootes hat. Wegen der schlechten Sicht hatte ich es aufgegeben, Fotos zu machen und kaufte stattdessen ein paar Postkarten, die zeigten, was wir in dieser Gegend hätten sehen können.

Dann fuhren wir weiter über Ballyferriter und Clogher, wo wir uns in der Töpferei von Louis Mulcahy umsahen und auf neue Ideen für zu Hause kamen, nach Dunquin. Von dort aus hat man normalerweise eine sehr schöne Aussicht über die vorgelagerten Blasket Islands, aber das Wetter war immer noch gegen uns. Also machten wir einen Abstecher ins Blasket Centre, das sich mit dem Leben auf den Inseln beschäftigt. Vor unserem Urlaub hatte ich das Buch „The Islandman“ von Tomás O’Crohán gelesen, allerdings in der deutschen Übersetzung von Heinrich und Annemarie Böll „Die Boote fahren nicht mehr aus“. Dieses Buch beschreibt das harte Leben der letzten permanenten Bewohner der Blasket-Inseln. Im Blasket Centre gibt es eine Menge interessante Informationen über die erstaunlich große Zahl von Schriftstellern, die die Inseln hervorgebracht hatten.

Für die Weiterfahrt empfahl unser Reiseführer folgende Route: „Die Küstenstrecke südlich von Dunquin ist besonders sehenswert. Die Straße schlängelt sich ohne nennenswerte Steigungen zwischen Bergen und Meer an der Küste entlang und biegt am Slea Head ostwärts Richtung Dingle ab. Bei klarem Wetter können von hier aus die Skelligs gesehen werden.“ Da der Nebel noch dicker geworden war und man nur noch wenige Meter weit sehen konnte, verzichteten wir darauf nahmen den direkten Weg von Dunquin nach Ventry, eine schmale Straße, die recht lang bergauf führte. Dies ist eine etwas unheimliche Sache, wenn man fast nichts sieht, da man keine Ahnung hat, wie lange es noch bergauf geht und was entgegen kommen könnte. Und wenn es wieder bergab geht, ist extreme Vorsicht geboten. In Dingle blieben wir noch eine Weile am Hafen sitzen und beobachteten das Treiben.

Auf der Rückfahrt nach Anascaul ging in recht rasantem Tempo bergab. Unten angekommen schauten wir uns erstaunt an und fragten uns, wie wir auf der Hinfahrt diesen Berg hinaufgekommen waren. Wir nahmen an, dass unsere Kondition sich langsam aber sicher verbesserte.


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Kategorien: 2003 - Irland | Hinterlasse einen Kommentar

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