Irland 2003, Teil 3

Tralee und Kilrush

Am nächsten Morgen war die Küche wieder von Franzosen belagert, die nicht nur mit ihrem Frühstück, sondern auch mit der Zubereitung ihrer Verpflegung für ihren Ausflug beschäftigt waren. Einer aus der Gruppe grinste uns an uns sprach aus, was wir gerade dachten: „Se French are olways eatíng“, und hatte damit natürlich alle Lacher auf seiner Seite.

Das Wetter war immer noch nicht besser, und auch der Herbergsvater konnte uns nichts Erfreulicheres mitteilen, außer: „We must take it as it comes.“ Wir beschlossen, nach Tralee weiter zu fahren, anstatt besseres Wetter abzuwarten. Dann hätten wir doch zumindest mehr Dinge nicht gesehen.

Im Nieselregen fuhren wir an die Nordküste der Dingle-Halbinsel, und ohne Zwischenfälle erreichten wir gegen Mittag Tralee. Plötzlich brach die Sonne zwischen den Wolken durch, und nach kurzer Zeit waren diese weitgehend verschwunden. Es herrschte strahlender Sonnenschein.

Der Campingplatz war leicht zu finden, und wir hängten als erstes die Wäsche auf, die wir in der Jugendherberge nicht ganz trocken bekommen hatten. Vom Platzwart erfuhren wir auch, dass es in Kilrush einen Campingplatz gibt, der aber nicht im Campingführer steht. Wieder eine Sorge weniger, bei Regen ist eine allzu lange Strecke nämlich nicht besonders lustig.

Dann erkundeten wir Tralee, ein nettes Städtchen. Wir besichtigten die St. John’s Church und bummelten durch die Innenstadt, wo uns das Schaufenster eines Spirituosenhändlers besonders auffiel, da es mit Erdinger Weißbier und den dazu passenden Accessoires dekoriert war. Dies musste natürlich fotografiert werden. Bei einem Picknick im Park genossen wir dann den strahlenden Sonnenschein in vollen Zügen.

Am nächsten Morgen ging es weiter nach Norden. Im großen und Ganzen war die Strecke recht unspektakulär. Allerdings  begegneten wir nicht nur Schafen auf dem Weg, sondern auch Hunden, und dies ist nicht immer angenehm, wie der Radführer beschreibt: „In Irland gibt es unzählige, teils streunende  bellende Vierbeiner, deren liebstes Vergnügen das Ankläffen von Radlerbeinen ist. Vor allem die Bauern- und Dorfköter pflegen wild japsend aus Einfahrten und Hecken zu schießen und den Fahrradfahrer ein Stück des Weges zu begleiten, sprich ihn zu jagen. Kann der einzelne Radtourist diesem Schicksal meist noch wegen der verzögerten Reaktion der Hunde entgehen, ist für nachfolgende Teilnehmer einer Gruppe das Schicksal unabwendbar. Da helfen nur gute Nerven und Weiterfahren. Absteigen und Beruhigungs- oder Verscheuchungsversuche sind erfahrungsgemäß sinnlos.“ Gelegentlich hilft ein scharfes „Hei!“, bei dem der Hund kurz innehält. Diese Schrecksekunde kann man dann zur Flucht nutzen. Meist verlieren die Hunde recht schnell die Geduld und lassen sich abschütteln. Aber man erschrickt doch jedesmal, wenn so ein Köter aus einer Einfahrt rennt.

Kurz vor Tarbert, wo wir die Fähre über den Shannon nehmen wollten, machten wir einen Abstecher zur Lislaughtin Abbey. Von diesem Kloster sind nur noch die Mauern und Torbögen erhalten, und im Inneren befindet sich ein Friedhof. Vorsichtig gingen wir durch das Gemäuer, und es war nicht einfach, nicht auf ein Grab zu treten.

In Tarbert ging es auf  die Fähre nach Kilimer. Auf diese Weise spart man sich den Umweg über Limerick, wo man eigentlich auch nicht hin zu wollen hat. Zumindest wurde mir bei meinem ersten Irlandbesuch davon abgeraten, und auch der Reiseführer empfiehlt es nicht wirklich. Nicht auszuschließen, dass nach dem Erfolg von „Angela’s Ashes“ die Stadt mehr Touristen anzieht, aber wir ließen es trotzdem nicht drauf ankommen.   Laut Reiseführer verkehrt die Shannonfähre stündlich und fährt in Tarbert zur halben Stunde ab. In der Hochsaison setzen sie jedoch zwei Schiffe ein, so dass wir sofort mitkonnten.

Nach einer knappen halben Stunde erreichten wir das andere Ufer des Shannon und waren auch bald in Kilrush. Als wir uns dem Campingplatz näherten, beschlich uns ein ungutes Gefühl, da wir nur Wohnwägen sahen. Hoffentlich nicht wieder so einer, wo man nicht zelten darf. Doch als wir der älteren Dame am Empfang mitteilten, dass wir gerne unser Zelt hier aufstellen würden, meinte sie, dass wir hier genau richtig wären, doch dafür wäre der Chef zuständig. Und schon ging sie mit uns im Schlepp über den nicht allzu großen Platz und rief dabei lauthals: „Eric! Eeeriiic!“. Doch besagter Eric ließ sich nicht  blicken. Wir fragten vorsichtig, ob es wirklich kein Problem wäre, dass wir hier zelten. Nein, absolut nicht, aber wir müssten auf den geheimnisvollen Eric warten. „Eeeeeriiic!!!“ Endlich kam ein schon etwas tattriger Herr aus einem der Wohnwägen. Er hatte wohl ein Nachmittagsschläfchen gemacht und, um nicht gestört zu werden, sein Hörgerät abgeschaltet. Er wies uns unseren Platz an und wir bauten das Zelt auf.

Danach erkundeten wir Kilrush, ein nettes kleines Städtchen mit farbenfrohen Häusern und einem alten Hafen.

Im Stadtzentrum wurde gerade bei einem Pub das Heineken-Schild gegen ein neues (leider auch Heineken) ausgetauscht. Es war  uns schon öfter aufgefallen, dass bei den Pubs neben Guinness die Heineken-Brauerei überproportional vertreten ist, eine Entwicklung, die ich nicht besonders gut finde. Das liegt nicht an meinem Wohnort und damit verbundenem Lokalpatriotismus, ich bin schon immer mehr für regionale und vielfältige Bierkultur gewesen.

In einem Pub gingen wir gemütlich essen und erwischten gerade noch die preisgünstigere Mittagskarte. Während wir noch beim Essen saßen, wurden die Tische bereits mit Weingläsern und liebevoll gefalteten Servietten gedeckt.

Bei der Tourist Information erkundigten wir uns nach weiteren Campingmöglichkeiten in der Gegend, um weiter planen zu können, doch alles, was nicht im Campingführer steht, wird anscheinend nach Kräften ignoriert. Die Dame sagte uns zwar, dass es im Ort einen Campingplatz gebe, fügte aber naserümpfend hinzu, dass der „not approved“ sei. Dies deckte sich mit unserem Eindruck, dass Eric nur noch das Notwendigste tat und darum auch Wohnwägen mit festen Gästen bevorzugte, aber immerhin durften wir dort stehen.

Wieder auf dem Campingplatz suchte Peter die Toilette auf. Als er wieder zurück kam, berichtete er, dass sich dort ein Schwalbennest befand. Vorsichtig schlichen wir in das Gebäude und versteckten uns in einer Waschkabine, um die Schwalbeneltern nicht zu erschrecken. Der Gedanke, dass ein Mann die Toilette aufsuchen und mich fragen könnte, was ich täte, hatte etwas Erheiterndes. Schließlich ist meine logische Antwort „Birdwatching“ in britischen Krimis immer eine beliebte Ausrede für Spanner und Erpresser, die an unwahrscheinlichen Plätzen mit ihrem Fernglas erwischt werden.

Abends machten wir noch einen Spaziergang ans Ufer der Shannon-Mündung, von wo aus man Scattery Island sehen konnte.

Höhepunkte im doppelten Sinne: Die Cliffs of Moher und der Burren

Am Donnerstag fuhren wir von Kilrush nach Doolin. Am Morgen regnete es noch etwas, aber sonst war es bewölkt bis sonnig. Vor unserem Aufbruch lernten wir Mario aus Luzern kennen, der ebenfalls mit dem Rad unterwegs war. Allerdings hatte er seine Reise in den Wicklow Mountains begonnen. Na ja, als Schweizer muss man das können. Unsere Wege sollten sich  im Verlauf unseres Urlaubs noch drei weitere Male kreuzen (im wahrsten Sinne des Wortes, da er immer dann die Küstenstrecken fuhr, wenn wir ins Landesinnere gingen und umgekehrt), nämlich auf Inishmore, in Westport und zuletzt auf dem Flughafen. Interessanterweise kam sein Fahrrad beim Hinflug mit Verspätung an, so dass er, ähnlich wie wir, zwei Tage zum Warten in Dublin verdammt war. Aber bei ihm kam es immerhin an!

Die Strecke führte uns teilweise an der Küste entlang. In dem pittoresken Dorf Quilty machten wir beim Hafen Pause und amüsierten uns über eine englische Reisegruppe, die zwei Hunde zu füttern versuchte, doch diese wollten einfach nur im Schatten liegen und ihre Ruhe haben.

Unser schlaues Buch wollte uns auch über die Cliffs of Moher dirigieren, aber da es in der Beschreibung hieß: „(Die Etappe)  führt durch das Fischerdorf Liscannor in einer recht steilen und rund 5 km langen Steigung hinauf zu den Cliffs of Moher. Auch nach dem Cliffs-Parkplatz geht es noch 1 km weiter bergan. …. Die Straße (nach Doolin) ist extrem steil und hat sehr enge Kurven. Bremsenkontrolle ist also angesagt.“, beschlossen wir, uns die Cliffs lieber am nächsten Tag ohne Gepäck anzutun.

Doolin ist ein kleines Fischerdorf, das hauptsächlich aus ein paar Souvenirläden und Pubs besteht. Der Rest sind vor allem Hotels und B&B’s. Ohne den Tourismus würde der Ort wahrscheinlich nicht mehr existieren. Der Baedeker schreibt folgendes: „Bekannt ist Doolin aber vor allem wegen seiner Pubs, in denen man in den Sommerabenden allabendlich irische Volksmusik zu hören ist. Manche Touristen kommen von weit her, um an den Folkmusic Sessions teilzunehmen.“ Das ist noch milde ausgedrückt, sie werden busweise angekarrt, so dass das Gus O’Connor’s abends gesteckt voll ist. Aber das tut dem Können der Musikanten keinen Abbruch. Manchmal haben sie es allerdings nicht einfach, z. B. wenn eine Gruppe in einer anderen Ecke begleitet von Gitarrenschrammelmusik lauthals „Country Roads“ und ähnliches schmettert.

Mit der Livemusik, die wir gelegentlich erleben konnten, ist es sowieso so eine Sache: Leider fangen sie meistens recht spät an, so ab 22 Uhr. Wenn man für den nächsten Tag dann eine Etappe von ca. 70 km vor hat, ist das nicht gerade ideal.  Aber nett  ist es meistens schon.

Wie bereits gesagt begaben wir uns am nächsten Tag zu den Cliffs of Moher und stellten fest, dass der Reiseführer nicht übertrieben hatte. Es war wirklich recht anstrengend, aber dafür ist die Aussicht atemberaubend. Auf dem Parkplatz und um den O’Brien’s Tower sehr viele Leute waren, folgten wir dem Rat des Baedeker und gingen in Richtung Hag’s Head, wo der Rummel bald nachließ. Allerdings mussten ein paar Jugendliche auf dem Bauch möglichst nah an den Rand der Klippen robben und sich auch noch gegenseitig anstoßen. Zum Glück passierte nichts, wir hätten es beide nicht so toll gefunden, mitten in unserem Urlaub Zeugen eines Sturzes von den Klippen zu werden. Aber Deppen gibt’s halt überall.

Am nächsten Tag erkundeten wir den Burren. Wir fuhren von Doolin an der Küste entlang nach Norden zum Black Head und nach Ballyvaughan. Es war fantastisch, auf der linken Seiten das Meer und auf der rechten Seite die Berge des Slieve Elva. Einer von Cromwells Soldaten sagte über den Burren: ”There is not a tree on which to hang a man, or enough water to drown him, or enough soil to bury him.“ Ganz unrecht hatte er damit nicht,  es ist eine karge und steinige Landschaft. Zwischen den Steinen, wo sich genügend Humus halten kann, gibt es jedoch sehr viele seltene Pflanzen.

Von Ballyvaughan fuhren wir an verschiedenen Schlossruinen, megalithischen Dolmen und Steinforts nach Caherconnell. Die Forts und Dolmen sind aber zwischen den Steinen des Burren nicht gerade einfach zu entdecken.  Auf einer einsamen Straße ging es dann über die Hochfläche des Burren weiter nach Kilfenora. Außer ein paar verirrten Touristen und einem Bauern mit seinem Sohn begegneten wir auf diesem Stück niemandem. Es war herrlich.

Während des Radelns träumte ich davon, in diese Gegend zu ziehen und eine Jugendherberge mit Campingplatz nur für Wanderer und Radfahrer zu eröffnen. Allerdings müsste ich dafür erst mal die Sofortrente der ARD-Fernsehlotterie (5000 Euro pro Monat bis an mein Lebensende) gewinnen, sonst dürfte das Ganze etwas schwierig zu finanzieren sein. Ein paar Tage später entdeckten wir in der Zeitung ein Schloss, das zum Verkauf stand, mit einigen Hektar Grund sowie einem geheimen Eingang zu einem Kerker, also genau richtig für mein Vorhaben. Leider war Peter von der Idee nicht besonders angetan und ließ sich nicht überreden, das Schloss zu kaufen.

In Kilfenora, einem nette kleinen Städtchen, wollten wir unsere Bargeldvorräte aufstocken. Leider konnten wir keine Bank und keinen Geldautomaten finden. Die nette Dame in einem Souvenirshop erklärte uns, dass die nächste Bank in Ennistimon oder Lisdoonvarna sei. Letzteres lag auf unserer Route. Lisdoonvarna ist der einzige Kurort Irlands, und im Herbst finden vor allem Veranstaltungen für Partnersuchende statt, für die bereits eifrig geworben wurde. In so einem Ort sollte es doch eigentlich einen Geldautomaten geben.

Es gab auch einen einzigen, und der war kaputt. Just our luck! Wir machten Kassensturz und stellten fest, dass unsere Bargeldvorräte reichten, um von Doolin nach Inishmore, der größten der Aran Islands, zu fahren, am Abend die Fähre nach Rossaveel zu nehmen und von dort aus so schnell wie möglich Richtung Galway zu fahren, wo wir unser Bargeldproblem sicher beheben konnten.

So kehrten wir nach einem Tag im Burren, einer wirklich faszinierenden Landschaft,  nach Doolin zurück. Ein paar Tage später entdeckte ich in der Irish Times einen Artikel, in dem Reporterin Rosita Boland die Lieblingsplätze ihrer Jugend wieder aufsucht, nämlich den Burren und die Cliffs of Moher. Sie bedauert die zunehmende Kommerzialisierung, die sich auch in der Tatsache manifestierte, dass es inzwischen 1,50 Euro kostet, um auf den O’Brien’s Tower zu steigen, womit sie nicht gerechnet hatte, da es in ihrer Kindheit noch kostenlos war. Aber ihr Artikel endet trotzdem optimistisch: „I knew this bit of the journey would be unpleasantly different to my memories and it was, but somehow it didn’t matter. You only have to walk away a bit to be alone. The light is still the same. The Burren still contains secrets. The Atlantic is still impressively unforgiving. The wind still roars there and will always roar there.“


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