Irland 2003, Teil 4

Inishmore

Am Sonntagmorgen fuhren wir nach Inishmore, der größten der Aran Islands.

Pünktlich waren wir im Hafen, doch die Fähre war ein paar hundert Meter vom Pier entfernt und kam nicht näher. Leute von der Küstenwache ließen ein kleines Motorboot zu Wasser. Seltsam, das Ganze. Nach einer Weile kam jemand und erklärte uns, dass der Wasserstand zu niedrig sei und die Fähre deshalb nicht an den Pier heranfahren konnte. Die Passagiere sollten mit Motorbooten an Bord gebracht werden. Wir erhielten Anweisungen, die Fahrräder abzupacken und an den Rand zu stellen, da diese als letztes befördert würden. Dann wurden Schwimmwesten ausgeteilt, was aber eine reine Formsache war. Trotzdem wurde mir etwas mulmig, da ich mir gut vorstellen konnte, beim Einsteigen in das Motorboot ins Wasser zu fallen. Die Leute von der Küstenwache, die uns beim Einsteigen behilflich waren, hatten die Sache aber bestens im Griff und los ging’s durch ziemlich hohe Wellen und aufschäumendes Wasser zur Fähre, die den netten Namen „Happy Hooker“ trug.  Dies löste bei uns erst mal einen Lachanfall aus. Erst später, im Souvenirshop von Inishmore, entdeckten wir, dass „hooker“ auch eine Bezeichnung für ein Fischerboot ist und nicht nur „Nutte“ bedeutet. Wieder was gelernt.

Wir waren unter den ersten an Bord der Fähre, und ich suchte mir einen Platz, von dem aus ich die weiteren „Transportarbeiten“ gut beobachten konnte. Endlich kamen auch die Fahrräder, die in einem großen unordentlichen Knäul im Boot lagen. Es vergingen noch einige bange Minuten, da mein Rad sehr dicht an der Reling des Motorbootes lag als eines der letzten an Bord gehoben wurde. Das hätte mir gerade noch gefehlt, dass es zur Halbzeit unserer Reise auf dem Grund des Atlantiks landete. Aber alles ging gut und die Fähre fuhr los.

Da die Wellen hoch waren und es sich um eine kleine Fähre handelte, verlief die Überfahrt nicht gerade ruhig. War am Anfang die Stimmung an Bord noch fröhlich, da das Ganze doch recht abenteuerlich war, wurde es bald immer stiller. Auch Peter wurde etwas von der Seekrankheit geplagt. Meine Versuche, ihn abzulenken und aufzumuntern, stießen aber seltsamerweise nicht gerade auf Begeisterung, so dass ich mich wieder an meinen „Aussichtsplatz“ an der Reling verzog, aber nicht, um Fische zu füttern.

Nach knapp eineinhalb Stunden legten wir in Kilronan an und konnten direkt von der Fähre an Land gehen, worüber viele Fahrgäste, ich eingeschlossen,  sehr erleichtert waren. Viel länger hätte die Fahrt nicht mehr dauern dürfen. Bei der Tourist Information konnten wir nicht nur unser Gepäck abgeben, sondern entdeckten auch, dass es in Kilronan einen Geldautomaten gibt. Zu unserer großen Freude funktionierte er, so dass unsere Geldsorgen behoben waren. Als wir auch noch einen Campingplatz entdeckten, beschlossen wir, gleich zwei Tage auf der Insel zu bleiben.

Der Campingplatz war zwar nur eine Wiese mit einem Klohäuschen und einer Dusche, allerdings gab es kein warmes Wasser. Aber für zwei Tage geht das schon. Der Bauer, dem die Wiese gehört, ist ein fröhlicher, ziemlich rundlicher Herr. Er wohnt auf einem Hügel, von dem aus er den Platz gut überblicken kann, und jedesmal, wenn ein neues Zelt aufgebaut wird, fährt er mit dem Auto hinunter, um zu kassieren. Da der Platz der einzige auf der Insel ist, läuft er recht gut, und wir dachten, dass der Mann sicher gertenschlank wäre, wenn er jedesmal runter laufen würde.

Hier machte ich die gleiche Erfahrung wie bei Jugendherbergen. Je einfacher die Einrichtung, umso netter die Leute und umso besser die Stimmung. Ein zusätzlicher Pluspunkt war, dass es nur Radtouristen und Wanderer gab, so dass die Gespräche ganz anders sind als auf „normalen“ Campingplätzen. Nett waren auch die Kühe auf den umliegenden Weiden, die abends laut zu muhen anfingen. Peter kann das sehr gut nachahmen und schaffte es tatsächlich, dass ein Mädchen aus dem Nachbarzelt kam und sich erstaunt umschaute, da das Muhen aus einer Richtung kam, in der gar keine Kühe waren. Wir haben uns schlapp gelacht.

Mit den Rädern ist es recht einfach, die Insel zu erkunden, wenn man erst mal die ganzen Reisegruppen hinter sich gelassen hat. In Kilronan gibt es eine Fahrradvermietung, die großen Anklang findet, da man sein Auto nicht mit auf die Insel nehmen kann. Die besagten Reisegruppen bestehen vor allem aus Franzosen, Amerikanern und, neu für uns,  Italienern. Da sie offensichtlich zu Hause nicht Rad fahren, außerhalb ihrer Busse nie wirklich mit dem Linksverkehr in Berührung gekommen sind und sich im Rudel unverwundbar fühlen, sind sie etwas anstrengend. Aber zum Glück verläuft sich alles, sobald man Kilronan verlassen hat, und montags ist es auf der Insel sowieso sehr ruhig im Vergleich zum Wochenende.

Wir besichtigten die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Inishmore, unter anderem das Steinfort Dún Aengus, die Seven Churches und eine Bienenkorbhütte in Trockenbauweise, wie man sie auch auf Skellig Michael findet. Ihr Eingang ist so niedrig, dass Peter sie auf allen Vieren verlassen musste.

Außerdem fiel uns auf, dass es sehr viele Ruinen von Wohnhäusern gibt. Nur die Mauern stehen noch, Dach und Fenster fehlen. Bei manchen Leuten steht so eine Ruine einfach im Garten hinter oder neben einem relativ modernen Wohnhaus. Die ganze Insel macht den Eindruck vergangener Größe, es wirkt gelegentlich etwas traurig. Außerdem wurden natürlich die Souvenirläden abgeklappert und wir erstanden günstig, da im Doppelpack,  zwei Aran-Sweater. Das scheint sich langsam zu einer Tradition zu entwickeln, bei Radurlauben auf den Britischen Inseln habe ich bisher noch jedesmal einen Pullover gekauft.

Dass wir nach Rossaveel fahren wollten, hatten wir schon beschlossen. Aber wir mussten auch eine Entscheidung treffen, wie es weitergehen sollte: Die Küste entlang Richtung Clifden oder nach Galway? Da die Campingplätze an der Küste von Connemara nicht sehr dicht gesät waren und ich außerdem Galway noch sehen wollte, beschlossen wir, dorthin und später ins Landesinnere an den Seen entlang zu fahren. Alles ist leider auch in vier Wochen nicht möglich.

Spiddal, Galway und der große Regen

Am Dienstag verließen wir Inishmore mit der 12-Uhr-Fähre, die allerdings schon um kurz nach 11 Uhr ablegte. Gut, dass wir schon im Hafen waren, da wir noch Schiffe beobachten wollten. Es kamen zwar so viele Leute an, dass wir uns wunderten, dass sie auf das Schiff passten, aber Richtung Rossaveel waren höchstens 20 Passagiere an Bord.

Im Hafen von Rossaveel ließen wir uns den Weg nach Spiddal erklären. Im Grunde ist das nicht so schwer, aber an der ersten Kreuzung fehlten mal wieder sie Schilder, so dass die Chancen, gleich am Anfang falsch zu fahren, nicht gering sind. Außerdem ging es mal wieder durch gälisches Sprachgebiet. Nach der Ruhe und Idylle auf Inishmore fiel es mir schwer, mich wieder an den Autoverkehr zu gewöhnen, der zunahm, je mehr man sich Spiddal näherte.

Spiddal selbst war auch nicht gerade der Brüller. Es ist ein Feriendorf, das fast nur aus einer vollgeparkten Hauptstraße besteht und vor allem für Angler interessant ist. Trotzdem beschlossen wir, dort zu übernachten, da der Campingplatz beinahe am Weg lag.

Allerdings waren die Wege auf dem Campingplatz für Radfahrer lebensgefährlich: enge Kurven und Kies, der unter den Reifen wegrutschte. Im Campingführer wurde dieser Platz als „gaelic speaking camping site“ angepriesen, aber zum Glück sprachen die Leute da trotzdem Englisch. Trotzdem schafften wir es, irgendetwas falsch zu verstehen, und stellten unser Zelt an so ziemlich der einzigen Stelle auf, an der wir nicht stehen durften. Dies trug uns einen Rüffel der Platzwärtin ein und wir mussten umziehen. Außerdem hatten wir, da es im Laden im Dorf keine irische Zeitung mehr gab, eine englische gekauft, was den vorbeikommenden Platzwart zu dem Hinweis veranlasste, dass „man so etwas nicht tut“. Au weia, hier hatten wir wohl verschissen. Gut, dass wir nur eine Nacht bleiben wollten.

Als wir im Dorf essen gehen wollten, wurden wir von einer aushängenden Speisekarte mit vergleichsweise günstigen Menüs angelockt. Als wir im Restaurant Platz nahmen, wurde uns allerdings eine Karte mit wesentlich höheren Preisen ausgehändigt. Auf unsere Nachfrage erklärte die Kellnerin, dass die niedrigen Preise nur bis 16 Uhr gültig seien, danach gäbe es aber auch größere Portionen. Aber um gut 5 Euro mehr pro Mahlzeit zu rechtfertigen, müssten die Portionen schon gigantisch sein. Höflich wiesen wir darauf hin, dass wir vor 16 Uhr gekommen waren und es nicht unsere Schuld sei, dass die Bedienung erst fünf Minuten nach vier zu unserem Tisch gekommen war. Widerstrebend bot sie daraufhin an, dass wir noch zum Nachmittagspreis essen durften.

Während wir auf das Essen warteten, schauten wir uns um und stellten fest, dass mehrere Kellner eifrig dabei waren, die Tische vornehmer zu decken, mit Weingläsern und gefalteten Servietten. Das Gleiche hatten wir auch schon in Kilrush beobachtet, und wir schlossen daraus, dass die Servietten sozusagen den Abendtarif ankündigten. Das Essen war übrigens sehr gut und die Portionen auch so groß genug.

Nach einer durchregneten Nacht fuhren wir weiter nach Galway, der Hauptstadt der gleichnamigen  Grafschaft, die zusammen mit dem Vorort Salthill die größte Stadt Westirlands ist. Das merkten wir auch, da wir uns ziemlich schnell in einem Gewurschtel von Straßen und Roundabouts verfranzten. Um den Campingplatz zu finden, mussten wir erst in die Innenstadt, wo wir eine genaue Wegbeschreibung erhielten. Wenn man sich erst mal durch die Vorstadtsiedlungen durchgekämpft hat, ist das Stadtzentrum recht nett.

Nachdem wir den Campingplatz gefunden und unser  Zelt aufgebaut hatten, fuhren wir noch einmal in das Stadtzentrum. Dort konnten wir im Rahmen des Galway Arts Festival Straßenmusik und -theater bewundern, unter anderem einen sehr guten Marionettenspieler. Er konnte seine Puppe so natürlich bewegen, dass man fast vergaß, dass sie an Fäden hing. Die Puppe war übrigens nicht besonders nett, da sie die Zuschauer gegen das Schienbein kickte oder versuchte, den Damen unter den Rock zu schauen. Wenn es einen selbst nicht trifft, ist es natürlich sehr komisch.

Außerdem besichtigten wir noch die Fußgängerzone,  die St. Nicholas Church und das Eyre Street Shopping Centre. Dort gefiel mir besonders, dass man einen Teil der alten Stadtmauer restauriert und in eine moderne Einkaufspassage integriert hatte.

Da es wieder zu regnen angefangen hatte und auch nicht so aussah, als ob es bald wieder aufhören würde, fuhren wir zum Campingplatz zurück und verbrachten den Abend im Zelt. Seltsamerweise hatten sie bei der Wiese für Zelte nur jeweils eine Dusche und Toilette für Männlein und Weiblein. Als ich zum Zähneputzen dorthin ging, waren da schon, wie sollte es auch anders sein, einige Französinnen, die sich wegen des  Regens wohl langweilten und sich lautstark durch die Klo- und Duschentür unterhielten. Ich war ganz überrascht, wie viel ich verstand oder zumindest glaubte, zu verstehen, da es mit meinem Französisch nicht mehr sehr weit her ist.

Die ganze Nacht über regnete es, und auch am nächsten Tag hörte es nicht auf. Als es zwischendurch kurz nachließ, fuhren wir wieder in die Innenstadt und besichtigten die Universität und die Kathedrale. Dann begann es wieder zu schütten und wir flüchteten ins Shopping Centre zum Mittagessen. Da mir der Lesestoff ausgegangen war, erstand ich bei den Second-Hand-Büchern einen Krimi über einen ermordeten Professor einer Dubliner Universität. Dann wollten wir ins Stadtmuseum, doch die hatten noch Mittagspause. Da es inzwischen wie aus Eimern schüttete, standen wir gut eine halbe Stunde unter der Brücke neben dem Museum, bis es endlich öffnete. Es war klein und übersichtlich und zeigte verschiedenes zur Stadtgeschichte von Galway. Außerdem hing an der Wand ein Gedicht, verfasst von einem amerikanischen Paar, über das Gespenst des Museums, dem ich aber leider nicht begegnete.

Dann begaben wir uns zum Campingplatz. Der Regen wurde immer stärker, und wir fanden uns schon damit ab, dass wir noch einen Tag bleiben mussten. Wenn man schon im Regenmantel vom Zelt zum Klo muss, ist es wirklich nicht möglich, weiter zu fahren, schon gar nicht die knapp 80 km nach Cong, die wir uns vorgenommen hatten.

Kategorien: 2003 - Irland | Hinterlasse einen Kommentar

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