Harry Mulisch

Am Samstag, den 31. Oktober 2010 verstarb der Schriftsteller Harry Mulisch im Alter von 83 Jahren.

Der Sohn einer deutsch-jüdischen Mutter und eines österreichisch-ungarischen Vaters, der mit den Nazis kollaborierte, um seine Frau und sein Kind zu schützen, sagte über sich selbst: „Ich bin der zweite Weltkrieg“. Und die Auseinandersetzung mit diesem Krieg beherrschte sein gesamtes Werk.

Bei  Fernsehauftritten und Interviews konnte er unglaublich arrogant wirken, aber irgendwie steckt da immer ein leichtes Augenzwinkern dahinter. Und er konnte es sich auch leisten. Er war eine elegante Erscheinung (meine Schwiegermutter sagte einmal: „Ein schöner Mann!“) und hatte ein unheimliches Wissen. Und nicht zuletzt konnte er fesselnd schreiben!

Ich hatte ihn in meiner Studentenzeit einmal persönlich getroffen, nämlich bei einer Lesung im Gasteig in München. Und nein, ich war nicht nur deshalb dort, weil die Veranstaltung den Titel „Literarischer Nachtisch“ trug. Mulisch las dort aus seinem Buch „Die Entdeckung des Himmels“ vor, das gerade auf Deutsch erschienen war. In ausgezeichnetem Deutsch und mit viel Humor führte er die Zuhörer durch seine komplexe Geschichte. Da dieses Buch allerdings erst als Hardcover-Ausgabe erschienen war und in meinem Bücherregal schon damals chronische Überfüllung herrschte, beschloss ich mir ein anderes signieren zu lassen und auf die Taschenbuchausgabe zu warten.

Gelesen hatte ich natürlich schon einiges von  ihm, z.B. „Zwei Frauen“ und „Das Attentat“. Vor allem letzteres gefiel mir sehr gut:  Antoon Steenwijks Suche nach einer Erklärung, warum das Haus seiner Eltern von den Nazis in die Luft gesprengt wurde und seine Familie sterben musste, beeinflusst sein ganzes Leben. Und zum Schluss muss er feststellen, dass es doch nicht so einfach ist, wie die Widerstandskämpferin Truus gesagt hatte: „Wer es getan hat, hat es getan. Und niemand anders.“

Als ich dann in den Niederlanden wohnte, stand „Die Entdeckung des Himmels“ auf der Liste des Literaturkurses, den ich besuchte. Nun erwarb ich den ungefähr 900 Seiten dicken Wälzer im Original, und kämpfte mich hindurch, obwohl meine Niederländischkenntnisse noch nicht so gut waren. Aber ich schaffte es und war sehr stolz. In diesem Buch kommt sein ganzes Werk zusammen. Ausgangspunkt der Handlung ist, dass Gott von den Menschen die Nase voll hat und den Bund mit ihnen aufkündigen will. Er gibt zwei Engeln den Auftrag, die beiden Tafeln mit den zehn Geboten wieder zurück zu holen. Diese nehmen darum massiven Einfluss auf das Leben der Hauptfiguren Max, Onno und Ada. Ich finde es ein phantastisches Buch, das den Leser immer wieder an die Grenzen seines Wissens führt und ihn ständig herausfordert.

Die beiden anderen Werke, die wir im Literaturkurs lasen, sagten mir allerdings nicht so zu: „Die Prozedur“ fand ich irgendwie unsorgfältig abgehandelt, und das „Steinerne Brautbett“  ließ mich sehr verstört zurück: So viel Zerstörung auf allen Ebenen! Auch meinem Dozenten war es aufgefallen, dass ich bei der Besprechung sehr still war.

Ein wichtiges Strukturprinzip seiner Werke darf hier nicht vergessen werden:  die „Oktavität“. Wie eine Oktave in der Musik können zwei Dinge dasselbe sein und doch nicht dasselbe – wenn sie sich z. B. in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft abspielen. In der „Entdeckung des Himmels“ heißt es: „Alles Alte war einmal neu, und alles Neue wird einmal alt sein. Das Allerälteste ist jedoch das Heute, denn es hat nie etwas anderes gegeben als die Gegenwart.“ Schon deshalb werde ich das Buch sicher bald wieder lesen!

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Kategorien: Literarisches und Kulturelles | Schlagwörter: , , | Ein Kommentar

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