„Deaf Sentence“ von David Lodge

Desmond Bates, frühpensionierter Linguistikprofessor in einer nordenglischen Stadt, kämpft nicht nur mit dem Älterwerden, sondern auch mit zunehmender Schwerhörigkeit. Beides wird durch die Tatsache, dass seine zweite Frau Winifred um einiges jünger und beruflich sehr erfolgreich ist, nicht gerade einfacher.

Bates hat Schwierigkeiten mit hohen Frequenzen und kann Konsonanten kaum noch voneinander unterscheiden. Oft kann er nur raten, um was es geht, und dabei liegt er meistens daneben. So unterhält er sich auf einer Party längere Zeit angeregt mit einer attraktiven jungen Amerikanerin, kriegt aber wegen des Geräuschpegels nicht viel mit. Da er das nicht zugeben will, nickt er ein paarmal zu oft zustimmend. Als sie ihn am nächsten Tag anruft, stellt er fest, dass er anscheinend zugesagt hat, ihr bei ihrer Doktorarbeit über Selbstmordnotizen zu helfen.

Diese Zusammenarbeit steht allerdings von Anfang an unter keinem guten Stern. Erstens hat  Bates seiner Frau die peinliche Situation verschwiegen und muss nun ständig befürchten, dass sie dahinter kommt und das Ganze missversteht. Außerdem erweist sich Alex Loom als sehr anhänglich und mit einem seltsamen, anstrengenden Humor gesegnet. Wie soll er  aus dieser misslichen Lage wieder herauskommen?

Daneben geht es in diesem Roman vor allem um die kleinen Ärgernisse und Missverständnisse, die sich aus Bates‘ Schwerhörigkeit ergeben. Da ist der ständige Kampf mit den Hörgeräten, die leider auch unerwünschte Nebengeräusche verstärken und deren Batterien ständig leer sind. Oder die kleinen Irritationen am Frühstückstisch, wenn seine Frau ihn etwas fragt, was er falsch interpretiert, bis sie schließlich genervt aufgibt.

Da es sich um einen Roman von David Lodge handelt, kommt der Humor jedoch nicht zu kurz: Wenn Bates mit seinem Vater, der ebenfalls nicht mehr so gut hört, essen geht, die beiden über ihre Mahlzeiten hinweg eine lautstarke Diskussion über die Unterbringung in einem Seniorenheim führen, hat das durchaus Unterhaltungswert. Auch die Gruppensitzungen im Kurs Lippenlesen, den Bates schließlich besucht, sind mit liebevollem Humor beschrieben.

Und obwohl auch dem Thema Tod und dem Nachdenken darüber ein breiter Raum gewährt wird (die Selbstmordnotizen, lebensverlängernde Maßnahmen, Sterbehilfe), schafft Lodge es, dass der Roman nie schwermütig wird und doch zum Nachdenken anregt.

Lodge widmet diesen Roman seinen Übersetzern und entschuldigt sich bei ihnen, da er weiß, dass es sehr schwierig ist, die ganzen Wortspiele und Missverständnisse zu übersetzen. Ein gutes Beispiel dafür ist eine Szene am Frühstückstisch. Winifred fragt Bates, wo die „non-stick saucepan“ (ein beschichteter Topf) ist. Bates versteht „long stick“ (langer Stock) und belehrt seine Frau, dass das doch dann „long handle“ (langer Griff) heißen müsste. Ich bin wirklich neugierig, wie Renate Orth-Guttmann dies in der deutschen Version mit dem Titel „Wie bitte“  gelöst hat.

David Lodge wurde 1935 in London geboren und war von 1960 bis 1987 Universitätsdozent für Englisch an der Universität Birmingham. Er gilt als Meister des Universitätsromans (campus novel), und einige seiner Romane spielen im fiktiven Rummidge, das die Züge von Birmingham trägt, und in Euphoria, das an die Universität von Berkely (Kalifornien) angelehnt ist. Zu seinen Werken gehören u. a. die Romane „Changing Places“, „Small World“ und  „Nice Work“ sowie Sachbücher wie „The Language of Fiction. Essays in Criticism and Verbal Analysis of the English Novel” und „Consciousness and the Novel”.

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