Südostengland 2010, Teil 1

Südostengland: 1. – 22. August 2010
Der Weg ist das Ziel

Der Sommerkurs war wieder geschafft, alle Examen korrigiert und die Listen abgegeben, und so konnten wir uns am frühen Morgen auf den Weg nach Großbritannien machen. Hin wollten wir mit der Fähre von Dunkerque (oder Duinkerken oder Dünkirchen) nach Dover, zurück von Harwich nach Hoek van Holland. Es sollte meine erste längere Tour mit meinem neuen Rad und Vortaschen auf sogenannten Lowridern werden. Wenn man plötzlich zwei Taschen mehr zur Verfügung hat, gerät man natürlich in Versuchung, mehr einzupacken, aber das wurde mir nicht gestattet, schließlich merkt man jedes zusätzliche Kilo.

Bei der Vorbereitung halfen uns wieder einmal die Bücher „England per Rad“ vom Kettler-Verlag und der „Lonely Planet“-Führer „Cycling Britain“, zusammen mit der OS-Karte für Südostengland.

Vier Länder in zwei Tagen

Am Vormittag machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Bis Rotterdam ging alles problemlos, und auch das Umsteigen dort war wie immer recht einfach. Trotz Umbauarbeiten am Bahnhof gab es noch den riesigen Lastenaufzug, der sich ächzend von Stockwerk zu Stockwerk arbeitete.
Unser Anschlusszug nach Vlissingen hielt plötzlich auf halber Strecke. Der Zugführer dachte, dass er ein Tier angefahren hatte, und die Zugbegleiterin stieg aus, um den Streckenabschnitt zu kontrollieren. Sie konnten jedoch nichts finden. Hoffentlich war es nur falscher Alarm.
So erreichten wir mit einer halben Stunde Verspätung Vlissingen und nahmen von dort die Fähre „MS Prinses Maxima“ über die Westerschelde nach Breskens. Unterwegs trafen wir die „MS Prins Willem Alexander“, die in Gegenrichtung unterwegs war. Ich musste an die beiden Königskinder denken, die nicht zueinander kommen konnten.

Als die Fähre am gegenüberliegenden Ufer angelegt hatte, rannten wie üblich alle erst mal wie aufgescheuchte Hühner durcheinander. Nachdem sich das Ganze etwas sortiert hatte, machten wir uns mit kräftigem Gegenwind auf den Weg nach Knokke. Die Hauptstraße dieses belgischen Seebades war für mich der reinste Albtraum: In der Mitte ein Grünstreifen und die Spuren auf beiden Seiten gerade mal breit genug für ein Auto. Die Autofahrer saßen den Radfahrern die ganze Zeit im Nacken, und jeder war genervt. Auf den Gehweg ausweichen konnte man auch nicht, denn der war voll von Strand- und Casinobesuchern. Das hätten sich unsere Stadtväter mal anschauen sollen, bevor sie in einem Stadtteil einen ähnlichen Murks veranstalten.
Vor lauter Stress verpassten wir die Abzweigung zum Campingplatz, was wir erst merkten, als wir schon fast in Heist waren. Dort gab es aber auch einen, wo wir freundlich empfangen wurden. Als das Zelt stand, suchten wir uns ein nettes Lokal am Stand und aßen leckeren Fisch, wie sich das an der Küste gehört, und an den netten Singsang und das „zachte g“ der Belgier gewöhnt man sich auch schnell.
Am nächsten Morgen wurden wir um sechs Uhr von einem gewaltigen Radau geweckt. Anscheinend waren einige Zeltplatzbesucher gerade erst von ihrem nächtlichen Treiben zurück gekehrt. Ich war kurz versucht, nachzuschauen, wo ihr Zelt wohnt, so dass wir uns eine Stunde später rächen konnten, aber ich war noch zu müde. Außerdem regnete es. Dann stellte ich fest, dass mein rechter Daumen dicker als sonst und blau war, ich nehme an, dass ich ihn beim Zeltaufbauen gequetscht hatte. Er tat zwar nicht sehr weh, störte aber bei allem.
Als es wieder trocken war, fuhren wir zur nächsten Kartenverkaufsstelle der Kusttram, einer Straßenbahn entlang der belgischen Küste, mit der wir bis zur Endstation De Panne wollten. Von dort sind es nur noch ungefähr dreißig Kilometer bis zum französischen Dunkerque, um dort die Fähre nach Dover zu nehmen. Obwohl auf der Website der Kusttram stand, dass man Fahrräder mitnehmen darf, waren wir etwas unsicher, ob es mit der ganzen Bepackung möglich war. Aber als wir dem Kartenverkäufer erzählten, was wir vorhatten, war er ganz stolz, dass wir uns mit „seiner“ Straßenbahn auf den Weg nach England machten.

In etwa zweieinhalb Stunden fuhren wir die belgische Küste entlang, vorbei an Hotelburgen, die teilweise den Charme von Parkhäusern hatten, gemütlichen alten Städtchen und jeder Menge Dünen.


In De Panne war es dann vorbei mit der Gemütlichkeit, wir mussten selbst wieder in die Pedale treten. Da der Kartenausdruck aus dem Internet nicht ganz deutlich war, fuhren wir eine ganze Weile auf der falschen Seite des Kanals, bis der Weg plötzlich endete. Danach verfranzten wir uns noch in Dunkerque selbst, da die Schilder zum Hafen uns immer auf die Autobahn schicken wollten. Dies bescherte uns einen ziemlichen Zeitverlust, so dass wir, als wir endlich in den Hafen einrollten, der Fähre noch beim Ablegen zuschauen konnten. Aber wir hatten ja nichts reserviert, und die nächste ging in zwei Stunden.
Wir vertrieben uns die Zeit mit einem Buch und einen Imbiss, bis wir um 16 Uhr zusammen mit einigen anderen Radfahrern an Bord durften. Die ruhige und angenehme Überfahrt dauerte etwa zwei Stunden, und nach einer Weile tauchten vor uns die imposanten Kreidefelsen von Dover auf. Leider konnte man nicht nach draußen, so dass man das Schauspiel durch die Panoramascheibe fotografieren musste, was der Qualität der Fotos nicht zugute kam.

Aber egal, wir waren in England, dem vierten Land unserer zweitägigen Anreise.

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