Südostengland 2010, Teil 2

Canterbury Tales

Nachdem wir die Fähre verlassen hatten, hieß es erst einmal den Weg aus dem riesigen Hafen zu finden, vorzugsweise, ohne dabei überfahren zu werden. Wir mussten erst einer roten Linie folgen, dann irgendwo an der Seite durch eine winzige Pforte, dann um einen gigantischen Kreisverkehr herum, bis wir auf dem richtigen Weg waren. Mühsam arbeiten wir uns den langen, steilen Hügel zum Dover Castle hinauf, von wo uns die Route über ruhige Nebenstraßen nach Canterbury bringen sollte.

Eigentlich war die Strecke nicht so lang, aber sehr hügelig. Leider war meine Kondition nicht ganz so gut wie ich optimistisch gehofft hatte, so dass es zwischendurch mal wieder hieß: Wer sein Rad liebt, der schiebt. Und irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich fast nicht mehr weiter konnte – ich hatte nicht mal mehr Pudding, sondern Vla in den Beinen! Inzwischen habe ich gelesen, dass das sogar auf der vorletzten Etappe einer 6000-km-Tour passieren kann, aber auch damals hätte mir dieses Wissen wohl nicht wirklich weiter geholfen. Wir befanden uns mitten in der Pampa, und so langsam wurde es dämmrig. Dummerweise hatten wir nicht daran gedacht, dass wir durch das Zurückstellen der Uhr zwar eine Stunde gewinnen, dass es aber entsprechend früher dunkel wird. Und als wir dann durch ein finsteres Waldstück mussten, in dem unsere einzige Beleuchtung die Fahrradlampen waren, hatte ich doch etwas Muffensausen.

Endlich erreichten wir den Stadtrand von Canterbury, und wir sahen auch sofort ein Schild zum Campingplatz, dem wir folgten. Wir wurden um verschiedene Ecken geleitet, und waren plötzlich wieder in einer recht ländlichen Gegend. Und der Campingplatz wollte und wollte nicht kommen. Wir fragten einen Herrn, der uns sagte, dass es noch einige Meilen bis dorthin war, und dass wir noch über einen „nasty hill“ mussten. Seine Anweisungen klangen sehr nach Bill Brysons „Notes from a Small Island“: „[…] just past the turnoff for Little Puking but before the B6029 mini-roundabout. By the dead sycamore. […] Well, about a quarter of a mile past there, not the first left turning, but the second one, there’s a lane between two hedgerows – they’re mostley hawthorn with a little hazel mixed in. Well, if you follow that road past the reservoir and under the railway bridge, and take a sharp right at the Buggered Ploughman…“ . Nur dass das Pub nicht “Buggered Ploughman”, sondern “The Chequers” hieß.

Da man jetzt auch außerhalb des Waldes fast nichts mehr sah, reichte es mir. Wir bogen von der Hauptstraße in das winzige Dörfchen Nackington ab. Dort klingelten wir an einem Haus, um weitere Erkundigungen ein zu ziehen. Doch die Dame war mit Entfernungen und Zeitangaben etwas überfordert, da sie, wie auch ihre Nachbarn, nur mit dem Auto unterwegs war.

Aber man gestattete uns, das Zelt auf einem Stückchen Wiese neben einem der Häuser aufzustellen, und wir durften auch unsere Wasserflaschen nachfüllen. Hatte ich vor einer Stunde noch von einer erfrischenden Dusche geträumt, war mir inzwischen alles egal, ich wollte nur noch schlafen. Im Schein einer Taschenlampe bauten wir unser Zelt auf. Gut zu wissen, dass wir das auch können, aber ich hoffe doch, dass wir diese Fähigkeit so schnell nicht mehr brauchen. Wir verkrochen uns in unsere Schlafsäcke und schliefen den Schlaf der Erschöpften.

Als ich am nächsten Morgen aus dem Zelt kroch, landete gerade ein Heißluftballon fast nebenan. Ob das so geplant war?

Nach einem Gespräch mit einer Dorfbewohnerin und einem improvisierten Frühstück machten wir uns auf die Suche nach dem Campingplatz. Tatsächlich war er noch knapp fünf Meilen entfernt, und der „nasty hill“, sowie alles andere, was der Herr vom Vorabend beschrieben hatte, stimmte.

Als wir beim Einchecken gleich bezahlen wollten, war der 20-Pfund-Schein, den wir noch vom letzten Mal hatten, nicht mehr gültig. Komisch, das passiert uns öfter, wenn wir in England sind. Aber bei der Bank kann man die ja problemlos umtauschen. Nachdem wir das Zelt aufgebaut und geduscht hatten, erfuhren wir von einem Nachbarn, dass es noch einen Campingplatz in Zentrumnähe gab. Den hatten wir eigentlich auch gesucht, aber die Schilder hatten uns mal wieder in die Irre geführt.

Auf einer gemütlichen Nebenstraße fuhren wir Richtung Canterbury, aber ein Stück vor der Stadtmitte mussten wir doch auf einer stark befahrenen A-Road weiter. Beim Stadtmuseum parkten wir unsere Räder, beschafften uns bei der Tourist Information einen Stadtplan und gingen erst mal zur Bank und zum Einkaufen. In den großen Supermärkten kann man inzwischen auch mit ausländischen Bankkarten zahlen, so dass man weniger oft nach Geldautomaten suchen muss. Mit unseren Vorräten von Marks und Spencer suchten wir uns ein ruhiges Plätzchen im Dane Jon’s Garden und stärkten uns für die bevorstehende Stadtbesichtigung. Zumindest bei diesem schönen  Wetter scheint das eine beliebte Art zu sein, die Mittagspause zu verbringen. Auf den Bänken saßen zahlreiche Geschäftsleute und Büroangestellte und verzehrten ihren Imbiss.

Danach besichtigten wir die berühmte Kathedrale, in der die englischen Könige gekrönt werden und wo im Jahre 1170 der Erzbischof Thomas Becket von vier Rittern des Königs Heinrich II  ermordet worden war, da er gegen eine Lösung der weltlichen Rechtsprechung von der kirchlichen war. Drei Jahre nach seinem Tod wurde er heilig gesprochen und seiner Grabstätte wurden wunderbare Kräfte zugesprochen. Bald pilgerten die unterschiedlichsten Leute in Scharen nach Canterbury, eine Tatsache, die von Geoffrey Chaucer sehr anschaulich beschrieben wurde. Beckets Grab wurde auf Geheiß Heinrich VIII zerstört, und an dieser Stelle brennt heute eine Kerze.

Nach der Besichtigung bummelten wir noch etwas durch die Stadt, deren Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern durchaus ihren Charme hat, aber an meine Lieblingsstadt York reicht es doch nicht heran.

Dann fuhren wir auf einer Nebenstraße zurück zum Campingplatz. Leider mussten wir unseren Schleichweg mit recht vielen Autos teilen. Können die nicht auf ihren Hauptstraßen bleiben?

Abends aßen wir im „Chequers“, wo wir von einem Verwandten von Butler James bedient wurden. An der Wand hingen Zeitungsausschnitte und Fotos, denen wir entnahmen, dass im Jahr 2007 die Tour de France dort vorbeigekommen war. Anscheinend sind die Leute noch genialere Kartenleser als wir, und ordentlich links fuhren sie auch nicht! Bei einem Bierchen ließen wir den Tag gemütlich ausklingen.

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