Südostengland 2010, Teil 3

Das Marschland und Eastbourne

Am Morgen brachen wir wieder auf und folgten der Stone Street in Richtung Süden. Wir nahmen an, dass es sich um eine Römerstraße handelte, nicht nur wegen ihres Namens, sondern auch weil  sie fast schnurgerade von Canterbury zu den Romney Marshes führt. Wikipedia bestätigte diese Vermutung. Die Bäume an der Straße bilden hier grüne Bögen, und gelegentlich passierten wir eine Hopfendarre mit ihrer charakteristischen Spitze, die an einen Hexenhut erinnert. Später erfuhren wir, dass diese Gebäude hier „oast houses“ genannt werden, und dass man den „Hexenhut“, der an einer Seite offen ist, drehen kann, um für die bestmögliche Ventilation zu sorgen, während der Hopfen über dem Feuer getrocknet wird. Sowohl Verkehr als auch Steigungen hielten sich in Grenzen, so dass das Radeln ein richtiger Genuss war.

In Lympne mussten wir ein Stück auf einer Hauptstraße fahren. Ein Rennradler fuhr an uns vorbei und rief uns über die Schulter zu: „You guys are tough!“ Gut, dass er uns vorgestern nicht gesehen hatte, aber so eine Bemerkung freut einen natürlich.

An den Linksverkehr hatten wir uns schnell gewöhnt, nur auf freiliegenden Radwegen ertappte ich mich manchmal dabei, bei Gegenverkehr nach rechts ausweichen zu wollen. Die Radwege sind allerdings ein Kapitel für sich. Die Organisation Sustrans, die sich für Radfahrer einsetzt, hat zwar in den letzten Jahren gute Arbeit geleistet, vor allem, was die Radfernwege angeht, aber auch sie sind natürlich auf die Mithilfe der Grafschaften (counties) und Gemeinden angewiesen. Und deren Ideen sind manchmal etwas seltsam: So kann es vorkommen, dass der Radweg unvermittelt an der verkehrsreichsten Stelle abbricht, oder dass man alle paar hundert Meter die Straßenseite wechseln muss. Dies ist meiner Meinung nach der Verkehrssicherheit nicht wirklich dienlich.

Inzwischen hatten wir die Küste erreicht, dachten wir zumindest. Auf der Karte sah es auch so aus, als ob unsere Straße direkt am Strand entlang führt, aber in der Realität befand sich zwischen dem Weg und dem Strand ein militärisches Übungsgelände, das auf der Karte nicht verzeichnet war, und auf dem gelegentlich geschossen wurde. Das scheint öfter vor zu kommen, denn in ihrem Buch „Slow Coast Home“ beschreibt Josie Dew ein ähnliches Erlebnis.  Doch nach einer Weile hatte der Weg tatsächlich die Küste erreicht. Man konnte das Meer zwar hören und riechen, aber leider nicht sehen, da sich zwischen ihm und uns eine hohe Mauer befand. Bei einer Auffahrt fuhren wir darum auf die Küstenpromenade.

Der Blick über die See war phantastisch, nur leider kam auch der Wind ungebremst von derselben, so dass wir nicht besonders gut voran kamen. Die zahlreichen Baustellen, die wir dort umfahren mussten, taten ein übriges, und so beschlossen wir, als wir das Dorf St. Mary in the Marsh erreicht hatten, die Aussicht wieder gegen die relativ windgeschützte Straße einzutauschen.

Nach einer Weile erreichten wir das Dorf New Romney und bald darauf den Campingplatz Romney Farm. Ich betrat das Café, wo mich die Dame an der Theke nach meiner Reservierung fragte. Da wir diese aber nicht hatten, wurde der Chef herbei telefoniert, der uns „lots of pitches“ anbieten konnte. Auf einem klapprigen Fahrrad fuhr er voraus, um ein einigermaßen windgeschütztes Plätzchen zu suchen. Dies war auch notwendig, denn inzwischen wehte eine ziemlich steife Brise. Wir warfen alle Fahrradtaschen auf das Zelt, damit es nicht davonflog. Der Boden erwies sich als ziemlich hart, aber zum Glück lag auf dem Tisch vor dem Nachbarzelt ein Hammer, den wir uns ausborgten. Wir mussten uns ganz schön anstrengen, um das Zelt fest zu halten, bis es ordentlich mit Heringen verankert war, da sich der Wind sich immer wieder darin verfing und mit aller Kraft daran zerrte. Aber wir schafften es. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.

Wir fuhren zurück ins Dorf, um einzukaufen. Bei Sainsbury’s  gab es eine Art Dreikomponenten-mahlzeit für zwei Personen. Dabei konnte man für nur fünf Pfund bestimmte Salate, Hauptgerichte und Nachtische miteinander kombinieren. Um diese zu finden, musste man natürlich den gesamten Supermarkt absuchen, eine Art Schnitzeljagd also. Dass die Campingplatzküche sogar über eine Mikrowelle verfügte, vergrößerte die Auswahl.

Auf dem Weg zurück begann es zu tröpfeln, und als Peter mit seinem Duschzeug die Waschräume erreichte, brach ein Platzregen los. Dieser wurde von der Putzfrau mit einem fröhlichen „There you have your shower“ kommentiert.

Als der Regen nachgelassen hatte, schwangen wir uns noch einmal auf die Räder und erkundeten die Umgebung. Wir fuhren durch das pittoreske Dörfchen Lydd bis zur Dungeness Power Station.   Das flache, dünn besiedelte Marschland hatte in der Abenddämmerung etwas Unwirtliches und sogar Unheimliches. In dieser Gegend könnte Charles Dickens‘ kleiner Pip aufgewachsen und dem entflohenen Strafgefangenen Magwitch begegnet sein. Dann trieben uns der Wind und der Hunger zurück zum Campingplatz.

Am nächsten Morgen war es noch immer ziemlich windig. Wir brachen auf und fuhren über Camber nach Rye und passieren unterwegs die Grenze zwischen Kent und East Sussex.  In der kleinen Stadt, die laut unserem Lonely-Planet-Führer „so Olde Englishe it’s almost twee“ ist, wollten wir bei der Tourist Information eine Karte der regionalen Fahrradrouten erwerben, um zu wissen, ob es sich lohnt, den Schildern zu folgen. Leider war das, was sie dort im Angebot hatten, zu lokal für unsere Zwecke. Nach einer kurzen Mittagspause  beschlossen wir, nicht wie geplant über Battle nach Eastbourne zu fahren, sondern weiterhin der Küste zu folgen.

Zwischen Fairlight Cove und Hastings mussten wir uns noch den Battery Hill, eine lange Steigung, hinaufarbeiten. Die Straße war von hohen Bäumen gesäumt, und jedes Mal, wenn man Licht sah und dachte, dass man oben war, erwies es sich als eine Kurve, nach der es fröhlich weiter aufwärts ging. Doch endlich hatten wir es geschafft, und wir sausten hinunter in die Stadt.

Hastings ist nicht nur aufgrund des „Battle of Hastings“ im Jahre 1066 bekannt, sondern rühmt sich auch, die erste der „Cinque Ports“ zu sein. Dabei handelt es sich um einen Bund von ursprünglich fünf Hafenstädten in Kent und Sussex, der wohl schon vor der normannischen Invasion bestand. Außer Hastings gehören Dover, Hythe, New Romney (früher Roniney) und Sandwich zu den Gründungsmitgliedern. Inzwischen umfasst dieser Bund vierzehn Städte, u. a. Lydd, Deal und Rye. Gesehen hatten wir die Schilder an den Ortseingängen natürlich schon früher und sollten auch später immer wieder darauf stoßen.

Auf der Strandpromenade fuhren wir durch die sehr touristische Stadt, vorbei an den typischen Kirmesattraktionen englischer Seebäder, die von Scharen von Touristen frequentiert werden, weiter nach Bexhill. Der Ortsteil machte natürlich seinem Namen alle Ehre. Ich hätte den Hügel allerdings fast geschafft, wäre mir nicht so ein dämlicher Hund in die Quere gekommen. Laut Gatten hätte ich schneller fahren müssen, dann wäre das nicht passiert. Nee, ist klar.

Danach ging es weiter über flache Landwege nach Pevensey, wo sich in der Nähe des Schlosses der Campingplatz „Fairfield Farm“ befand. Da wir nur eine Nacht bleiben wollten, durften wir einchecken.  Als das Zelt stand, telefonierte ich mit Beate aus London, mit der wir uns am Wochenende in Brighton treffen wollten. Leider musste sie uns mitteilen, dass ihr etwas dazwischen gekommen war. Ob sich in diesem Urlaub noch eine Gelegenheit ergeben würde, wollten wir abwarten, da Peter und ich unsere Streckenführung nicht genau voraussagen konnten. Unterwegs hatten wir  auch gehört, dass in Brighton gerade die Pride Week, eine Festivalwoche, stattfand, und wohl alle Übernachtungsmöglichkeiten ausgebucht waren. Außerdem habe ich ein gestörtes Verhältnis zu großen Menschenansammlungen auf begrenztem Platz. Also beschlossen wir, noch einen Tag in Eastbourne zu bleiben und dann nach Norden zum Naherholungsgebiet Bewl Water zu fahren, das wir auf der Karte entdeckt hatten.

Dann gingen wir in ein nettes Pub mit einem Biergarten. Die Bedienung machte mich darauf aufmerksam, dass man hier das Chili auf einem Berg Pommes servierte. Eine interessante Variante, die gar nicht mal schlecht schmeckte. Danach gingen wir wieder zum Campingplatz und schauten einigen Familien beim Cricket zu. Sehr treffsicher waren sie nicht, einmal landete der Ball fast in unserem Zelt, aber sowohl die Spieler als auch die Zuschauer hatten eine Menge Spaß.

Am nächsten Morgen fragten wir an der Rezeption, ob wir noch eine Nacht bleiben durften, aber leider waren sie für dieses Wochenende „fully booked“. Aufgrund der Wirtschaftslage machten verständlicherweise sehr viele Engländer Urlaub im eigenen Land und bevölkerten die Campingplätze. Also mussten wir unser Zelt abbrechen und eine andere Bleibe suchen. Wir fuhren ein paar Kilometer zurück zum Campingplatz St. Norman’s Bay. Dort wurden wir freundlich empfangen, mussten aber mit dem Einchecken warten, bis die ersten Leute abgereist waren. Wir überquerten also die Straße, suchten uns ein nettes Plätzchen am Strand, rollten unsere Isomatten aus, lasen und machten ein Nickerchen in der Sonne. After all, we were at the seaside!

Nach einer Weile war wieder Raum in der Herberge, so dass wir aufbauen konnten. Der Platzwart suchte für uns ein geschütztes Plätzchen, da es im Lauf des Tages wieder sehr windig werden sollte. Irgendwie war das wohl typisch für diese Gegend.  Auch hier wurde Cricket gespielt, diesmal nicht mit einem richtigen Bat, sondern mit einer Bratpfanne.

Inzwischen war es Nachmittag geworden und wir brachen auf Richtung Beachy Head, eine, eindrucksvollen Kreidefelsen auf der anderen Seite von Eastbourne, den man von St. Normans Bay gut sehen konnte. Dieser Felsen ragt 162 Meter über dem Meeresspiegel auf und bietet nicht nur eine phantastische Aussicht, sondern ist auch ein Anziehungspunkt für potentielle Selbstmörder. Leider war der Wind wirklich wieder ziemlich stark geworden, und auch mein Knie begann zu protestieren, so dass wir in Eastbourne aufgaben.

Wir suchten einen Supermarkt, und ich ging einkaufen, während Peter unsere Räder und Habseligkeiten bewachte. Es bot sich mir ein hochinteressantes Einkaufserlebnis. Der Tesco’s war so groß, dass man sich darin verlaufen konnte, und hatte eine Riesenauswahl. Außerdem war er bevölkert mit Gruppen von Einkäufern, von denen ein großer Teil ziemlich korpulent war. Nun habe ich auch nicht gerade die Figur einer Gazelle, aber hier fühlte ich mich mal wieder richtig schlank! Obwohl die Gänge wirklich sehr breit waren, wurde es doch manchmal schwierig, sich seinen Weg zu bahnen. Wenn eine fünfköpfige wohlbeleibte Familie vor dem Käseregal über das Abendessen debattiert, kommt man nicht vorbei, keine Chance. Da ich wohl auch noch eine der langsamsten Kassiererinnen  des Landes erwischt hatte, dauerte die Expedition ziemlich lange. Peter begann, sich Sorgen zu machen, und der vorfahrende Krankenwagen beruhigte ihn nicht wirklich. Gerade, als er sich hinein begeben wollte, kam ich jedoch wohlbehalten wieder zum Vorschein.

Als wir wieder auf dem Campingplatz waren, begann es zu regnen, und wir verkrochen uns in unser Zelt. Doch dann bekamen wir mit, dass zwei junge Frauen versuchten, ihr Zelt aufzubauen und heftig mit dem Wind zu kämpfen hatten. Wir zogen unsere Regenjacken an und kamen ihnen zur Hilfe. Zu viert schaffen wir es gerade, das Zelt festzuhalten und aufzubauen.

Dann gingen wir schlafen. Wegen der Windböen, die gegen das Zelt peitschten, schlief ich sehr unruhig und wurde von Alpträumen geplagt. An einen davon kann ich mich sogar noch erinnern: Ich unterrichtete gerade gemütlich meine Gruppe Studenten, als plötzlich von allen Seiten Handwerker in Schutzkleidung auftauchten, die überall Löcher bohrten und merkwürdige Stäbe hineinsteckten, die dann mit Kabeln verbunden worden. Auf meine Frage, was das sollte, erklärte man mir, dass das Gebäude am nächsten Tag gesprengt werden sollte und man schon mal dabei war, die Sprengsätze zu verlegen. Meine Studenten und ich rannten hinaus, und aus sicherem Abstand rief ich die Projektleitung an, die antwortete: „Oh, bist du immer noch dort? Dich haben wir total vergessen. Meinst du, du schaffst es noch, unsere Sachen zusammen zu packen und wegzubringen?“ Dann wachte ich auf und stellte erleichtert fest, dass es Morgen war und ich immer noch Urlaub hatte.

Kategorien: 2010 - Südostengland | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Südostengland 2010, Teil 3

  1. Habe mit viel Vergnügen über Eure Streifzüge mit dem Fahrrad durch England gelesen!

    Ich war selbst auch einmal mit dem Rad unterwegs in Süd-England. Allerdings hatte es es nicht so weit, da ich von Hoek van Holland mit der Fähre nach Harwich gefahren bin und dann meine Schwester in Ipswich besucht habe. An die diversen Hügel kann ich mich aber noch gut erinnern … 😉

    Muss auch mal wieder hin, ist schon viel zu lange her …

  2. Da hat sich deine Schwester eine schöne Gegend ausgesucht. 🙂 In Ipswich waren wir am Ende dieses Urlaubs auch.

  3. Ich freue mich auf den Rest des Berichts!

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