Südostengland 2010, Teil 4

Grenzwanderungen zwischen Kent und East Sussex

Der Wind hatte nachgelassen, aber es war noch etwas bewölkt. Wir  verließen St. Norman‘s Bay und radelten teils über Hauptstraßen, teils über idyllische Landwege nach Norden, wobei wir wieder einmal die South Downs überqueren mussten. Unser Lonely-Planet-Führer stellt die interessante Frage „Why ‚Downs‘, when they are up?” und beantwortet sie auch gleich selbst. Das Wort „Downs“, das abgerundete, mit Gras bewachsene Kalkhügel bezeichnet, hat hier nämlich nichts mit dem englischen Wort für „hinunter“ zu tun, sondern kommt von dem altenglischen Wort „dun“, das „Hügel“ bedeutet und seinerseits wieder von dem altsächsischen Wort „duna“ abstammt. Ich vermute, dass auch das Wort „Düne“ sich irgendwie davon ableitet. Auf jeden Fall muss man bei diesen Downs kräftig in die Pedale treten und freut sich über eine gute Gangschaltung.

Nach einer Weile  erreichten wir  die Ortschaft Battle, wo 1066 die berühmte Schlacht von Hastings stattgefunden hatte, in der König Harold von William the Conqueror besiegt wurde. Der Altar der Abteikirche steht angeblich an genau der Stelle, an der Harold sein Leben ließ. Da wir aber noch ein ziemliches Stück vor uns hatten, begnügten wir uns mit einer Sitzbesichtigung (dieses Wort habe ich nach der Lektüre von Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ in meinen Sprachschatz aufgenommen).

In Battle scheint man jedoch der Ansicht zu sein, das jeder, der diese Stadt betritt, sie so schön findet, dass er nie wieder weg will – zumindest waren die Straßen aus der Ortschaft so spärlich beschildert, dass wir eine extra Runde drehen mussten, bis wir  auf dem Weg nach Bodiam Castle waren. Wir passierten das märchenhafte Wasserschloss, das auch zahlreiche Reisebusse anlockte und fuhren weiter Richtung Norden.

Irgendwo unterwegs passierten wir auch wieder die Grenze zwischen East Sussex und Kent. Wir folgten einem schmalen Waldweg und hatten gelegentlich eine wunderschöne Aussicht auf den See. Nach einer geraumen Weile erreichten wir die stark befahrene Hauptstraße und entschieden uns dafür, nach rechts zu fahren, da auf unserer Karte ein Campingplatz eingezeichnet war. Dieser Platz („tents only“), der zu einem Motel gehört, lag direkt an der Hauptstraße, war aber groß genug, dass der Verkehr nicht wirklich störte. Nach den zahlreichen Auf-und Abbauaktionen beschlossen wir, zwei Nächte zu bleiben, da die Gegend ja wirklich sehr schön war. Die anfängliche Bewölkung war inzwischen auch strahlendem Sonnenschein gewichen.

Zu unserer Verwunderung hingen an allen Bäumen Schilder, dass man diese nicht umsägen und verfeuern durfte. Anscheinend gibt es tatsächlich Leute, die so etwas machten.

Einige Campinggäste hatten auch bereits beeindruckende Feuerchen entfacht und begannen zu grillen. Wir suchten uns ein Plätzchen in ausreichender Entfernung und bauten unser Zelt auf.

Als ich später zur Dusche ging, schaute ich mir das Gelände an. Die Motel-Anlage sah einfach, aber gepflegt aus, der Sanitärbereich des Campingplatzes war allerdings ein wahres Abenteuer. Dusche und Toiletten befanden sich in einem Bauwagen, dessen Boden nicht mehr ganz stabil war. Als ich die Duschkabine betrat, knirscht es bedrohlich, und in einer Ecke sackte der Boden ein Stück weg. Dann hatte ich den richtigen Punkt gefunden, auf dem man stabil stehen konnte, und drehte den Wasserhahn auf. Ein ziemlich heißer Strahl schoss hervor, doch wegspringen war wegen des Wackelbodens nicht zu empfehlen. Vorsichtig bewegte ich mich zur Seite und drehte am Thermostat. Verflixt, war das plötzlich kalt! Sebastian Kneipp hätte sicher seine wahre Freude an dieser Anlage gehabt. Doch nach einer Weile hatte heraus, wie man den Boiler richtig einstellen musste. Die Klospülung war ebenfalls eine Konstruktion, die  sehr viel Fingerspitzengefühl erforderte.

Zum Abendessen fuhren wir ins nächste Dorf, wo es ein gutes Pub gab, und überquerten dabei wieder die Grenze nach Sussex. Das Pub war tatsächlich sehr gemütlich und das Essen gut. Und da es schon relativ spät war, schafften wir es, die Straße recht flott zu überqueren. Dies ist bei weitem nicht immer der Fall, wie wir am nächsten Tag feststellen sollten.

Der nächste Tag war ein Sonntag, und wir wollten erst an den See. Unterwegs fiel uns auf, dass eine ganze Menge Minis unterwegs waren, auch auf dem Waldweg zum See. Kurz bevor wir das Ufer erreichten, stießen wir auf eine Absperrung, wo man uns erklärte, dass am Seeufer eine Mini-Show stattfand, die zehn Pfund Eintritt pro Person kostete. Und es gab auch keine andere Möglichkeit, zum See zu kommen. Eigentlich finde ich die Minis wirklich nett, vor allem die in er Farbe Oxford Green, aber zwanzig Pfund sind eine Menge Geld, und sooo interessant sind sie auch nicht.

Also fuhren wir zurück und folgen der Hauptstraße nach Lamberhurst. Dieses Dorf liegt auf einem steilen Hügel und besteht nur aus ein paar Straßen, einer Kirche und einer Schule.

Es würde die ideale Kulisse für eine folge der Krimiserie „Midsomer Murders“ abgeben. An der Kreuzung der zwei Hauptstraßen hing ein Umgebungsplan, den wir konsultierten.

Wir beschlossen, Scotney Castle zu besichtigen, das in der Nähe lag. Und das lohnte sich wirklich! Der alte Teil des Schlosses geht bis ins 14. Jahrhundert zurück und wurde später immer wieder erweitert. Heute ist er nur noch eine Ruine, die allerdings sehr geschickt in die Gestaltung der Gärten integriert wurde. Neben dem noch erhaltenen Treppenhaus gibt es auch einige Priesterverstecke.

Das neue Herrenhaus wurde im 18. Jahrhundert erbaut. Bis ca. 2005 wurde das Schloss sogar noch von der Familie Hussey bewohnt, und das konnte man auch an der Einrichtung sehen.

Auch die weitläufige Gartenanlage mit alten Bäumen und einem „Quarry Garden“ in einem ehemaligen Steinbruch ist wunderschön.

Wir verbrachten einen großen Teil des Nachmittags dort.

Als wir zurückfahren wollten, war der Parkplatz brechend voll, und einige Autofahrer drehten wohl schon eine Weile ihre Runden und warteten auf eine Parklücke. Eine Frau sprach uns hoffnungsvoll an, ob sie unseren Platz haben könnte, doch wir mussten sie leider enttäuschen – zwei Räder brauchen nun mal viel weniger Platz als ein Auto. Beim Verlassen des Parks kamen wir zu der Schlussfolgerung, dass Kent mit Recht der „Garden of England“ genannt wird: Alles Schöne und Sehenswerte ist eingezäunt.

Abends wollen wir in einem Wegrestaurant der Kette „Little Chef“ essen gehen. Das war allerdings nicht so einfach, da wir fast nicht über die Straße kamen. Für einen Sonntagabend war da ganz schön was los. Endlich erbarmte sich ein Lastwagenfahrer und blieb gnadenlos stehen. Hinter ihm bildete sich schon eine etwas längere Schlange, doch er wollte nicht weiter fahren. Nach einer Weile hatte auch ein Autofahrer aus der Gegenrichtung die Situation richtig eingeschätzt und hielt an. So kamen wir endlich über die Straße.

Im Restaurant wurden wir an einen Tisch gebeten, und ein eifriger junger Kellner nahm unsere Bestellung entgegen. Er hatte wohl eine leichte geistige Behinderung und vergaß oder verwechselte gelegentlich etwas. Aber einer seiner Kollegen behielt ihn im Auge, um notfalls einzugreifen. Und der Kellner verrichtete seine Arbeit mit großer Begeisterung, so dass man ihm kleine Fehler einfach nicht übel nehmen konnte. Und dass er mir statt dem bestellen „Hot Chocolade Pudding“ einen „Sticky Toffee Pudding“ brachte, hätte ich ohne Nachfrage des Kollegen wohl gar nicht bemerkt, mit den ganzen Feinheiten der englischen Nachtische kenne ich mich nicht so gut aus. Lecker war er auf jeden Fall, egal, was es war.

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