Südostengland 2010, Teil 6

Nördlich der Themse

Am nächsten Morgen brachen wir früh auf und fuhren zum Bahnhof. Der Zug stand bereits auf dem richtigen Gleis, war aber noch abgeschlossen. Der Mitarbeiter auf dem Bahnsteig erklärte uns, wo wir einstigen konnten, aber wir mussten erst noch auf den Lokführer warten.

Der kam zwei Minuten vor Abfahrt des Zuges, wies auf seine volle Kaffeetasse und meinte: „Sorry, there has been a technical problem.“ Wir bugsierten die Räder in den Zug und sicherten sie. Dann zuckelte der „High Speed Service“ gemütlich durch die Lande.

In Gravesend angekommen rollen wir vom Bahnhof hinunter zum Hafen, wo schon eine größere Gruppe wartete, die allerdings nicht nach Tilbury, sondern nach Greenwich wollte. Doch dann kam schon unsere Fähre, voll beladen wie ein Flüchtlingsschiff.

Bei dem Strom, der sich über die Gangway an Land wälzte, wunderten wir uns, wie diese Manschen alle auf dem Boot Platz hatten.  Zurück ans Nordufer wollte außer uns nur noch eine Handvoll Leute. Dies wunderte uns immer weniger, je mehr wir uns Tilbury näherten – ein unglaublich trostloser Hafen und ein ausgedehntes Industriegebiet.

Nach den üblichen Anlaufschwierigkeiten hatten wir es geschafft, das Hafengebiet zu verlassen und befanden uns auf einer Landstraße Richtung Brentwood. Verglichen mit Kent war es flach, und wir kamen gut voran, bis wir plötzlich an der A127, einer vierspurigen Hauptstraße, standen. Laut Karte und Schildern konnte man sie überqueren, und an der Stelle waren die Leitplanken, die den Grünstreifen in der Mitte begrenzten, unterbrochen. Es sah zwar nicht gerade vertrauenserweckend aus, aber eine Alternative gab es in der Nähe nicht. Also hieß es auf eine ausreichend große Lücke im Verkehr warten und dann im Schweinsgalopp auf die andere Seite wetzen. Zum Glück gab es den Mittelstreifen. Danach folgen einige langgestreckte Hügel, die aber ganz gut zu bewältigen waren.

Ein junger Mountainbiker fuhr ein Stück neben mir her und wollte genau wissen, wo wir her kamen, wo wir gewesen waren und wo wir noch hin wollten. Dann erreichten wir Brentwood, wo ich in der Tourist Information nach dem Weg zum Campingplatz fragte. Die freundliche Dame zeigte mir den Weg auf der großen Wandkarte, druckte mir eine ausführliche  Routenbeschreibung aus und erklärte mir den Weg zum nächsten Supermarkt, der fast an der Strecke lag. Dort stürzte Peter sich in das Einkaufsgetümmel und ich wartete bei den Rädern, wobei mir ein älterer Herr eine Weile Gesellschaft leistete.  Anscheinend sind die Leute hier tatsächlich um einiges offener und freundlicher als in Kent. Auch der Campingplatz war schön angelegt, gemütlich und Preisträger des „Loo Award 2007“.

Abends gingen wir in ein chinesisches Restaurant in der Nähe. Vor dem Parkplatz wartete eine Gruppe sehr schick angezogene junge Leute, und gerade kam ein Kleinbus mit einer weiteren Gruppe an. Wir gingen vorsichtig hinein und wurden erst einmal gefragt, ob wir reserviert hatten. Natürlich nicht. Man fand für uns noch einen freien Zweiertisch am Rand, und wir sahen uns um. Das Restaurant war riesig, über all standen Tische für größere Gesellschaften, die unterschiedlich dekoriert waren. In der Mitte gab es eine Tanzfläche und aus den Lautsprechern tönte Gerard Joling. Wo waren wir da bloß hineingeraten?

Wir beobachteten das Treiben und stellten fest, dass hier wohl zahlreiche Junggesellenpartys und sonstige Feste gleichzeitig stattfanden. Uns fiel auf, dass die Damen sehr aufwendig, wenn auch nicht immer geschmackvoll gekleidet waren, während die meisten Herren ein eher lässiges Outfit bevorzugten. Neben uns stand ein runder Tisch für zwölf Personen, an dem eine einzelne Dame noch die letzten Dekorationen vornahm. Dann setzte sie sich hin, bestellte einen Drink und wartete. Inzwischen kam zwar unser sehr leckeres Essen, aber niemand für den Nebentisch. Die Dame telefonierte und wartete weiter. Was war hier wohl los? Stand die Gesellschaft im Stau, oder hatte es ein Missverständnis bei der Zeit gegeben oder war es ein schlechter Scherz? Ich hoffte, dass es nicht die letzte Möglichkeit war und erinnerte mich an ein chinesisches Essen mit Kollegen, bei dem zwei ziemlich lang nicht auftauchten. Die eine saß bei einem Chinesen ähnlichen Namens am anderen Ende der Stadt und die andere hatte zwar die Straße richtig notiert, war aber davon ausgegangen, dass wir uns in der Nachbarstadt treffen wollten. Ob hier etwas Ähnliches der Fall war? Zum Glück trudelten die Leute bald nach und nach ein.

Unsere nächste Tagesetappe begann gemütlich, wir fuhren über Landstraßen und begegneten vor allem Radfahrern und Reitern. Doch bei Chelmsford gerieten wir auf eine Hauptstraße. Dort gab es wenig Platz, aber viel Verkehr, Lärm und Gestank, es war einfach grauenhaft. Schon nach ein paar Kilometern hatte ich Kopfschmerzen. Ich vermute, dass das Jenseits für jeden seine persönliche Hölle bereithält und befürchte, dass meine so aussehen wird. Ich war heilfroh, als wir die Abzweigung nach Danbury erreichten.

Zur Mittagszeit kamen wir in Maldon an, wo wir auf der vor dem Polizeihauptquartier eine Sitzbesichtigung machten und uns einen Imbiss genehmigten.

Dann wollten wir die Stadt wieder verlassen, was sich als gar nicht so einfach herausstellte: Wir mussten nämlich die Brücke über den Blackwater finden. Nach einigen vergeblichen Versuchen, die uns immer wieder zur Rückkehr zum Polizeipräsidium zwangen (die Mitarbeiter dort werden sich auch ihren Teil gedacht haben), schafften wir es. Wir folgten ein Stückchen der Sustrans-Radroute und gelangten dann nach Colchester.

Nachdem wir uns einen supersteilen Hügel zur Tourist Information hochgearbeitet hatten, reservierten sie dort für uns einen Zeltplatz und gaben uns eine gute Umgebungskarte mit. Die brauchten wir auch, da der Campingplatz ein ganzes Stück außerhalb der Stadt an der Hauptstraße lag. Er hatte riesige Stellplätze und saubere, wenn auch nicht preisgekrönte Sanitäranlagen. Und dass das Licht ausging, wenn man das warme Wasser andrehte, war wohl Zufall.

Am frühen Abend fuhren wir noch einmal in die Stadt, wo wir oben auf dem Hügel ein schönes Irish Pub fanden. Dort ließen wir den Tag mit einem leckeren Essen und ein paar Bierchen bzw. Irish Cider ausklingen.

Kategorien: 2010 - Südostengland | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Beitragsnavigation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: