Südostengland 2010 – Teil 7

Zeit für Kultur – Colchester und Ipswich

Der nächste Tag, bewölkt und windig, stand wieder mal im Zeichen der Kultur und des Schaufensterbummelns. Wir parkten die Räder beim Schloss und besuchten als erstes den Campingladen. Passende Stöcke gab es zwar nicht, aber dafür nette, reduzierte T-shirts. Die Ladenkette „Jumpers“, wo ich mir bei mehreren Englandurlauben einen Pullover gekauft habe, schien es aber nicht mehr zu geben – schade.

Dann besuchten wir das „Castle Museum“, das uns ausführlich über die Geschichte Colchesters informierte, die bis in die Bronzezeit zurückgeht, als die erste Siedlung am Fluss Colne errichtet wurde. Im Jahr 43 gründeten die Römer die Siedlung Camulodonium, die 19 Jahre später im Druidenaufstand unter der Führung der keltischen Königin Boudicca zusammen mit Verulamium (St. Albans) und Londidium (London) erobert und  zerstört wurde. Letztendlich siegten jedoch die Römer und bleiben weitere 350 Jahre im Land. Das Schloss selbst geht zurück auf die Normannen und ist noch heute das Wahrzeichen der Stadt.

Im Museum gab es neben den üblichen römischen Scherben und dergleichen einen Film über Königin Boudicca mit einem Gebärdendolmetscher, eine Ausstellung über die Hexenprozesse im 17. Jahrhundert mit ausführlichen Darstellungen der üblichen Foltermethoden (für kleine Kinder und Leute mit schwachen Nerven nicht geeignet) und die Nachbildung eines Gefängnisses, wo man auch das Ächzen der Gefangenen hörte. Doch auch die Kinder kamen nicht zu kurz, sie konnten ausprobieren, wie man sich eine römische Toga umwickelt (gar nicht so einfach!), eine Schlossmauer aus Schaumgummisteinen bauen und überall gab es Touchscreens, wo man etwas Interaktives machen kann.

Als wir alles gesehen hatten, genehmigten wir uns erst mal einen Lunch im Schlosspark und besuchten dann das Hollytrees Museum. Dieses Haus im georgianischen Stil beherbergt eine große Sammlung von Spielzeug und Alltagsobjekten und vermittelt einen guten Eindruck des Lebens im frühen 20. Jahrhundert.  Zu den Höhepunkten gehören ein Puppenhaus, das ein exaktes Modell des Hollytrees Museum ist, und ein bootförmiger Kinderwagen aus dem 19. Jahrhundert.  Außerdem gab es eine Ausstellung über englische Pfadfinderinnen und einen Film zu einem Projekt der Gesellschaft für Gebärdensprache (Sign Language). Dieser zeigte, wie Kinder das Lied „Twinkle, twinkle, little star“ mit Gebärden unterlegten, so dass ein richtiges Gesamtkunstwerk entstand.

Natürlich mussten wir auch das „Dutch Quarter“ besuchen, das Ende des 16. Jahrhunderts von vertriebenen calvinistischen Webern und Textilhandwerkern aus den Niederlanden und Flandern erbaut worden war. Es ist wie zu Hause, wenn man lange genug sucht, hat alles irgendwie mit Textil zu tun.

Danach stöberten wir noch in verschiedenen Buchhandlungen und anderen Geschäften, bevor wir uns wieder auf den Weg zum Campingplatz machten.

Am nächsten Tag nieselte es leicht, aber laut Wettervorhersage sollte es bald besser werden. Wir brachen früh auf und fuhren um Colchester herum nach Norden, um nicht im Berufsverkehr den steilen Hügel hinauf zu müssen. Wir radelten über Nebenstraßen durch einige nette Dörfer, vorbei an der Mündung des Stour und Flatford, wo John Constable gelebt und gemalt hatte.

Da der Nieselregen inzwischen nachgelassen hatte, suchten wir nicht den dortigen Campingplatz auf, den wir von einem früheren Besuch kannten, sondern fuhren weiter. Wir passierten das Alton Water Reservoir und erreichten schließlich den Fluss Orwell, über den eine gewaltige Brücke ans andere Ufer nach Ipswich führte. Leider gab es von unserer gemütlichen Landstraße keine Auffahrt zu dieser Brücke, und wir mussten ein Stück außen herum radeln, um über den Fluss zu kommen.

Wieder steuerten wir als erstes die Tourist Information im Zentrum an. Dort musste ich eine Weile warten, da man sich für jeden Gast viel Zeit nahm – auch für mich! Die Dame suchte in einem Verzeichnis ein paar Campingplätze und rief den ersten an. Dieser war ziemlich teuer, da dort die Preise für alle Stellplätze gleich waren, ob man mit einem riesigen Wohnwagen oder einem Einmannzelt kam. Sie telefonierte weiter, und beim nächsten Platz kostete die Übernachtung weniger als die Hälfte. Es gab allerdings keinen Stromanschluss für Zelte, aber sie hatten Duschen, erklärte sie mir. Wunderbar, mehr wollten wir ja gar nicht. Wieder erhielt ich einen Umgebungsplan, diesmal mit den örtlichen Radrouten, und dann fragte sie mich vorsichtig: „What do you do with your bikes at night? Do you lock them?“ Ich erklärte ihr, dass wir sie in der Tat ab- und, wenn möglich an einen Pfosten anschließen würden. Dann ging ich wieder hinaus.

Draußen gönnten wir uns, inzwischen bei strahlendem Sonnenschein, noch eine Sitzbesichtigung und einen Imbiss, dann machten wir uns auf die Suche nach dem Campingplatz. Nachdem wir es geschafft hatten, uns an einer Baustelle vorbei auf die richtige Ausfallstraße zu schlängeln, war es nicht mehr schwer, diesen zu finden. Er lag auch wieder in der Nähe einer Hauptstraße und gehörte zu einem Obstbauernhof mit Treibhäusern und einer liebevoll angelegten Wiese, wo schon einige Zelte standen.

Als wir ankamen, war dort erst einmal niemand zu finden, bei dem wir einchecken konnten, nur eine andere Camperin suchte ihr Handy. Nach einer Weile kam ein junger Mann australischem Akzent, zeigte uns unseren Stellplatz und gab uns die Zugangscodes für die Waschräume. Bezahlen konnten wir dann bei einer Kollegin, die später vorbeikommen würde – no problem! Er empfahl uns ein Pub in der Nähe, wo sie „do a decent carvery.“ Diesen Ausdruck hatten wir zwar schon öfter gehört, konnten uns aber bisher wenig darunter vorstellen. Zeit also, dies zu ändern.

Im Pub wurden wir erst einmal eingewiesen: Wir mussten mit unserem Teller an einer Theke vorbei, an der mit riesigen Messern von einem großen Braten zeremoniell  dünne Scheiben Fleisch abgeschnitten wurden. Man hatte die Wahl zwischen Rind, Schwein und Pute, dazu gab es die sogenannten „trimmings“, nämlich ein Würstchen und ein Yorkshire Pudding. Dann konnte man sich am Buffet mit Beilagen aller Art bedienen: Kartoffelbrei, geröstete Kartoffeln, verschiedene Gemüsesorten und mehrere Soßen. Es war „delicous and nutricious“, wie Basil Fawlty so schön sagte, und vollgefressen kehrten wir wieder auf den Campingplatz zurück.

Die nächsten Tage waren wieder der Kultur,  dem Einkaufen und dem Erkunden der näheren Umgebung gewidmet. Wir fuhren zum Hafen und suchten einen Platz für unsere Fahrräder. Ein riesiges modernes Gebäude, halbrund und mit viel Beton und Glas, beherrschte erst einmal die Szene. Ein Schild wies aus, dass es sich um das „Waterfront Building“ handelte, das zur Universität gehörte. Nicht schlecht! Auch sonst ist der Hafen von vielen Hochhäusern umgeben, und einige der alten Speicher wurden gerade umgebaut und modernisiert. Trotzdem hat er eine sehr gemütliche Ausstrahlung, hier könnte man durchaus wohnen.

Wir sahen uns das recht überschaubare Zentrum mit interessanten alten Gebäuden an und bummelten durch zahlreiche Geschäfte.

Dann besichtigten wir Christchurch Mansion, ein imposantes Herrenhaus in einem weitläufigen Park. Das Haus ist von der Architektur her schon sehr interessant, da die verschiedenen Flügel in der viktorianischen und georgianischen Periode erbaut wurden. Außerdem beherbergt es zahlreiche verschiedene Sammlungen: Puppenhäuser, Gemälde (vor allem von Constable und Gainsborough), Porzellan, Spielzeug und andere Dinge. Wir schlossen uns einer Führung durch das Gebäude an, die sehr ausführlich war. Auch gab es wieder Aktivitäten für Kinder, so durften sie in der Gemäldegalerie malen und basteln. Sehr passend.

Auf dem Weg zum Campingplatz kamen wir noch an einem Homebase-Baumarkt vorbei. Natürlich  mussten wir dort Erkundigungen einziehen, was in England gerade modern ist. Die Tapeten gefielen mir nicht so besonders, zu viel Lila, bordeaux und dergleichen.

Am nächsten Tag war Superwetter, und wir erkundeten die Umgebung. Erst fuhren wir nach Felixstowe, wo wir entdeckten, dass man von dort mit einer Fußgängerfähre nach Harwich kann. Dies erschien uns sehr praktisch, da wir dann nicht wieder um die Mündungen der Flüsse Orwell und Colne mussten. Dann machten wir einen ausgedehnten Strandspaziergang, wobei wir die üblichen Fahrgeschäfte, Strandkörbe und Buden passierten, die zu einem typischen Seebad gehören.

Als unsere Füße zu protestieren anfingen, schwangen wir uns wieder auf die Räder und fuhren durch idyllische Dörfer, vorbei an Schweinen, die draußen – grasten ist nicht das richtige Wort, denke ich – im Schlamm wühlten oder ein Schläfchen machte.

Dann kamen wir an einer grauenhaft stinkenden Mülldeponie vorbei, und gerade, als es etwas besser wurde, stellten wir fest, dass wir uns in eine Sackgasse manövriert hatten. Also Nase zu und durch den Gestank zurück!

Den Rest des Tages verbrachten wir mit gemütlichem Zeitunglesen vor unserem Zelt. Wie immer verfolgte ich mit Begeisterung die Leserbriefe, da diese einen Eindruck vermitteln, was die Bewohner des Landes wirklich beschäftigt. Zur Zeit sorgten vor allem Tony Blairs Autobiografie und seine Rolle im Irakkrieg für Aufregung und Empörung. Die Tatsache, dass er einen Teil der Einkünfte  für eine Organisation zur Unterstützung schwerverwundeter Veteranen spenden wollte, machte es nicht besser. „Hätte er unsere Jungs nicht dorthin geschickt, wäre das gar nicht nötig“ lautete der Tenor der Beiträge. Doch auch die bereits erwähnten Teddybären beschäftigten noch immer die Gemüter. Viele Leser outeten sich, ebenfalls einen Bären o. ä. mit auf Reisen zu nehmen. Wir fanden das nicht weiter seltsam, schließlich darf Struppie ja auch mit, wenn wir mit dem Auto unterwegs sind. Mit dem Rad ist es leider etwas unpraktisch.

Der Tag endete wieder mit einem schönen Sonnenuntergang.

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