Südostengland 2010 – Teil 8

Ausklang

Nun waren die letzten paar Tage angebrochen, in denen man schon irgendwie in Richtung Heimat unterwegs ist. Wir fuhren wieder nach Felixstowe, um mit der Fußgängerfähre nach Harwich überzusetzen.

Die Fähre legte unten am Strand an, und es war eine ziemliche Viecherei, die vollbepackten Räder durch den Sand ans Wasser zu schieben. Da die Fähre aber nur zwölf Passagiere fasste und ein paar Eltern mit Kindern natürlich zusammen hinüber wollten, konnten wir leider nicht mit. Aber der Schipper sagte uns einen Platz für die nächste Überfahrt in zwei Stunden zu. Kein Problem, wir hatten ja Zeit, und das Wetter war auch wunderbar.

Wir suchten uns ein schönes Plätzchen im benachbarten Naturgebiet, wo wir die Gewächse studierten, lasen und Fish and Chips verspeisten. Dann sahen wir uns noch ein bisschen im Ort um, bevor es Zeit wurde, sich wieder zur Anlegestelle zu begeben.

Diesmal durften wir zwar mit, aber dafür erwischte es ein paar andere Leute, die warten mussten. Einer von ihnen der richtig sauer war, rief dem Schipper zu: „We are not completely happy at the moment.“ Herrlich, dieses englische Understatement.

Die Überfahrt nach Harwich war etwas wellig, aber sehr nett. Wir unterhielten uns mit dem Fährmann, der öfters mal zum Segeln in die Niederlande fährt. Als wir angelegt hatten und aussteigen wollten, standen zwei Frauen, die mal gucken wollten, was sich hier so tut, natürlich genau an der einzigen Stelle, an der jeder vorbei musste und wir die Räder vom Schiff auf den Steg heben mussten. Irgendwie haben manche Leute einen Instinkt für sowas. Als Ausgleich half mir ein netter Herr, mein Rad die steile Rampe vom Steg zum Festland hoch zu schieben.

Bei kräftigem Gegenwind fuhren wir durch Harwich über diverse Hügel nach Bradfield, genossen aber trotzdem die Aussicht über die Stourmündung.

Dort befindet sich hinter einem Pub mit dem einladenden Namen „Strangers‘ Home“ ein Campingplatz. Diesen kannten wir schon von einer früheren Reise, aber inzwischen hatte man den Platz um einiges vergrößert.

Beim Einchecken kam ich mit einer Engländerin aus Ipswich ins Gespräch, die zusammen mit ihrem Freund nach Hoek van Holland und von dort aus am Rhein entlang nach Frankreich wollte. Einen Teil des Rheinradwegs sind wir ja auch schon gefahren, und ich konnte ihr die Route wärmstens empfehlen. Abends aßen wir im Pub, saßen dann noch mit einem Bierchen draußen im Garten und beobachteten die Kinder, die auf der Hüpfburg spielten. Dann gingen wir schlafen.

Gegen fünf Uhr morgens wurde ich aufgrund eines dringenden Bedürfnisses wach und schlurfte verschlafen vom Zelt zur Toilette. Unterwegs  kam mir ein männliches Wesen mittleren Alters entgegen. Dieses trug nur eine winzige Unterhose, über der sich ein imposanter Bauch wölbte. Und der Typ hatte tatsächlich die Hand in der Unterhose und kraulte hingebungsvoll sein Gemächt. Ich blinzelte verdutzt, brummelte etwas wie „A very good morning to you“ und machte, dass ich weiterkam. Manche Dinge will man lieber nicht mitkriegen, und schon gar nicht so früh am Morgen.

Das Schiff nach Harwich fuhr erst abends, und so hatten wir noch viel Zeit zum Erledigen der Einkäufe: Minced Meat für eine Kollegin, Branston Pickles und diverse andere Dinge. Den Rest des Tages verbrachten wir in einem netten Park. Wieder beobachteten wir, was uns schon des Öfteren auf dieser Reise aufgefallen war: Erstens sind im Moment Tattoos wohl sehr beliebt, ich hatte den Eindruck, dass mehr als die Hälfte aller Leute unter fünfzig mindestens eine gut sichtbare Tätowierung trägt. Das zweite ist, dass die Eltern im Durchschnitt viel jünger sind als bei uns. Bei vielen kinderwagenschiebenden Paaren fragte ich mich, ob sie denn überhaupt schon mit der Schule fertig waren.

Dann fuhren wir zum  Hafen. Wie immer waren wir viel zu früh, da wir etwas Schiss haben, dass im letzten Moment etwas schiefgeht und wir die Fähre verpassen. In der Warteschlange unterhielten wir uns mit einigen anderen Radlern. Eine Familie war in der Nähe von Cambridge unterwegs gewesen, und ein Vater-Sohn-Gespann hatte die Scottish Borders erkundet.

Dann durften wir an Bord. Unten im Bauch des Schiffes gab es hypermoderne Fahrradständer, bei denen man das Rad am Lenker aufhängen und einklinken konnte, so dass es richtig stabil hing. Leider waren die Aufhängungen für einen ganz bestimmten Typ Lenker konzipiert, den keiner von den anwesenden Radlern hatte. Einfach an eine Stange lehnen und festbinden wir früher konnte man die Stahlrösser nicht mehr. Also wurde alles improvisiert mit Tauen, Expandern und ähnlichem befestigt. I was not completely happy at that moment.

Nach einigem Suchen fanden wir unsere Kabine, deren Tür mit einer KeyCard in Millimeterarbeit geöffnet werden musste – genau das richtige für einen Grobmotoriker wie mich. Aber die Dusche und die Betten waren super. Nach einem Spaziergang an Deck und einem Bierchen gingen wir schlafen. Morgens waren wir unter den ersten im Frühstücksraum, wo wir uns mit einem „Full English Breakfast“ auf den Tag vorbereiteten. Durch das Fenster sah man die heranrückende niederländische Küste, nicht so spektakulär wie die Kreidefelsen von Dover, aber angenehm vertraut.

Vom Hafen aus ging es dann zum Bahnhof, wo uns der erste Zug nach Rotterdam vor der Nase wegfuhr, weil ich erst wieder mit der Chipkarte rumfriemeln musste. Aber da der nächste bald kam, war das kein Drama. Ein paar Plätze weiter saß dann eine amerikanische Familie. Der Vater las konzentriert in der Bibel und die etwa 25-jährige Tochter widmete sich der Zubereitung eines Imbisses für ihre Mutter und sich selbst. Aus einem großen Joghurtbecher wurde die Hälfte in eine Plastikschüssel gekippt. Dann öffnete die Tochter ihren Rucksack, und zum Vorschein kamen eine Menge Plastiktüten, in denen sich handliche Tupperware-Behälter befanden. Aus dem ersten Behälter wurde etwas Müsli in die Schüssel und den Joghurtbecher gekippt, dann wurde mit einer praktischen Löffel-Messer-Kombination eine Banane geschlachtet und die Hälfte davon verteilt. Mit einem Taschenmesser wurde ein dünner Schnitz von einem Apfel geschnitten, aus einem Behälter kamen Trauben zum Vorschein, dann wurde ein weiteres Näpfchen geöffnet, etwa siebzehn Heidelbeeren abgezählt und als Krönung kamen noch ein paar Haselnüsse darauf. Der bibellesende Vater wurde mit einem einfachen Apfel abgespeist. So ging die Zeit bis Rotterdam schnell vorbei.

Die weiteren Umstiege klappten problemlos, doch zwischen Apeldoorn und Deventer gab es wieder eine Verspätung. Diesmal spazierte jemand auf den Gleisen herum und musste erst von der Polizei und dem psychiatrischen Dienst aufgesammelt werden, bevor es weitergehen konnte. Zum Glück war niemand zu Schaden gekommen.

Am späten Nachmittag erreichten wir wohlbehalten unser Zuhause, wo Struppie, ein Blumenstrauß der Nachbarn und ein Riesenstapel Post auf uns warteten. Der Urlaub war zwar komplett anders verlaufen als ich es mir im Vorfeld vorgestellt hatte. Wir hatten eigentlich der Südküste folgen wollen (in meinem Größenwahn hatte ich sogar an die Isle of Wight und den New Forest gedacht), aber schön war es trotzdem. Wer die Strecke auf der Karte betrachtet, wird sie wahrscheinlich für komplett unlogisch halten, aber der Weg ist ja schließlich das Ziel. Und so schön Kent und East Sussex sind, für einen Radurlaub bietet sich die Gegend nicht so sehr an, da wirklich alles auf den Autoverkehr ausgerichtet ist und man mit Zelt lang nicht auf allen Plätzen willkommen ist. Aber Essex und Suffolk machten das auf jeden Fall wieder wett – dort fühlt sich der Radler noch wohl! Und wie heißt es so schön?

There’ll always be an England
While there’s a country lane,
Wherever there’s a cottage small
Beside a field of grain.


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