Hill und Hill – britische und amerikanische „Ghost Stories“

Neulich war ich mal wieder in der Bibliothek und stöberte wie immer auch bei der englischsprachigen Literatur. Friedlich nebeneinander standen da im Regal die Bücher „The Small Hand“ von Susan Hill und „Heart-Shaped Box“ von Joe Hill. Da auf beiden Buchrücken das Ikon für Gespenstergeschichten prangte, nahm ich sie mit. Von der Engländerin Susan Hill ist mir ja einiges bekannt, z. B. „I’m the King of the Castle“, aber das Buch de Amerikaners Joe Hill wurde als vielversprechendes Erstlingswerk beschrieben.Nach ein paar Tagen hatte ich sie beide gelesen. Obwohl sie irgendwie beide um Schuld und Sühne gehen, können sie unterschiedlicher nicht sein.

„The Small Hand“ von Susan Hill

Adam Snow, Buchhändler, der sich auf seltene antiquarische Bücher spezialisiert hat, verfährt sich auf dem Heimweg nach einem Kundenbesuch und steht bei Einbruch der Dunkelheit vor einem verfallenen Haus mit einem verwilderten Garten. Ein Schild zeigt an, dass der Garten früher besichtigt werden konnte, doch jetzt scheint das Gelände unbewohnt zu sein. Während er noch überlegt, was er als nächstes tun soll, spürt er, wie eine Kinderhand vertrauensvoll in seine gleitet, doch zu sehen ist niemand.

Es gelingt ihm, den Weg aus dem Wald zu finden, doch in den nächsten Tagen spürt er immer wieder die kleine Hand in seiner. Dieses Gefühl ist eigentlich nicht unangenehm, er ist sicher, dass das Kind ihm nichts Böses will.

Nach dem Besuch bei einem befreundeten Bibliothekar in Oxford geht er dort noch in den botanischen Garten. Plötzlich überfällt ihn der starke Drang, sich in den Teich zu werfen, auf den Grund sinken zu lassen und zu ertrinken. In Panik kämpft er gegen diesen Drang an und schafft es schließlich, sich vom Wasser zu lösen. Dass sein Bruder Hugo früher unter ähnlichen Selbstmordneigungen gelitten hatte, macht ihm noch mehr Angst. Liegt das etwa in der Familie? Ein Gespräch mit Hugo bringt ihn nicht wirklich weiter, er erfährt nur, dass es irgendwann von selbst vorbei war, und dass es bei ihm wohl auch vorübergehen würde.

Kurze Zeit später fährt er nach Frankreich, um für einen Kunden ein Shakespeare-Folio zu erwerben, dass sich in der Bibliothek eines abgelegenen Klosters befindet. Auf seiner Fahrt durch die Berge gerät er in ein fürchterliches Gewitter und sieht plötzlich ein Kind direkt vor ihm über die Straße rennen. Hat er es geschafft, rechtzeitig zu bremsen, oder hat er das Kind angefahren? Als er aussteigt, um nachzusehen, fühlt er wieder die kleine Hand in seiner. Doch diesmal ist sie nicht freundlich und vertrauensvoll, sondern versucht ihn mit sich in den Abgrund zu ziehen.

Nach und nach erfährt Adam mehr über das Haus im Wald und seine Bewohner, aber jede neue Erkenntnis wirft auch wieder neue Fragen auf: Wer ist der dritte Junge auf dem Kinderfoto von ihm und seinem Bruder? Lebt die frühere Besitzerin wirklich noch in dem Haus? Was ist damals passiert, als Adam und Hugo noch Kinder waren und mit ihrer Mutter den Garten besucht haben? Das Ende ist auf jeden Fall überraschend, und einige Dinge werden Adam und der Leser wohl nie erfahren, aber das macht nichts, bei einer guten Gespenstergeschichte ist das erlaubt.

Obwohl die Geschichte in unserer Zeit spielt (sogar die Mönche haben Internet und E-Mail), atmet sie die traditionelle britische Atmosphäre von Charles Dickens, M.R. James etc. Für Liebhaber guter Gespenstergeschichten auf jeden Fall zu empfehlen.

„Heart-Shaped Box“ von Joe Hill

Nun, das ist eine ganz andere Geschichte. Der Anfang klingt sehr vielversprechend: Jude Coyne, alternder Rockmusiker, ersteigert ein Gespenst bei einer Internetauktion. Er hat bereits eine ganze Sammlung makaberer Dinge, wie z. B. das handgeschriebene Geständnis einer zum Tode verurteilten Hexe, einen Schädel und sogar einen Snuff-Film. Da passt ein Gespenst doch wunderbar dazu.

Leider ist aber das Gespenst, der Stiefvater der Verkäuferin, nicht der gutmütige alte Herr aus der Beschreibung, der eigentlich nur irgendwo sitzen möchte, sondern er hat eine Mission. Er und die Verkäuferin wollen sich nämlich dafür rächen, dass sich seine andere Stieftochter Anna das Leben genommen hat, nachdem Jude sich von ihr getrennt hatte. Craddock Mc Dermott war zu Lebzeiten Hypnotiseur, hatte viele Tricks im Vietnamkrieg gelernt und beherrscht sie auch nach dem Tod noch ausgezeichnet. Was er will, ist schnell deutlich: Jude soll erst seine Freundin Marybeth alias Georgia, die viel zu schnell Annas Platz eingenommen hat, umbringen und dann sich selbst.

Um zu erfahren, wie man das Gespenst wieder los wird, fahren Jude und Marybeth in Begleitung der beiden Schäferhunde Bon und Angus nach Florida, wo die Verkäuferin wohnt. Diese Reise wird für beide ein ständiger Kampf gegen den Hypnotiseur, der sie immer wieder zu grauenhaften Gewalttaten gegen einander anstiften will. Als sie endlich das Haus von Annas Schwester erreichen, erfahren sie, dass alles ganz anders zusammenhängt als sie denken. Doch sie müssen erst weiter zu Judes Elternhaus, wo es ihnen mit Annas Hilfe gelingt, den Geist ihres Stiefvaters zu überwinden und auch mit ihrer eigenen Vergangenheit abzurechnen.

An sich ist die Idee sehr gut und das Buch ist auch sehr spannend geschrieben. Aber die Beschreibung der Gewalt der Personen gegen sich selbst und andere ist mir einfach zu plastisch. Nach dem ersten Drittel wollte ich das Buch schon weglegen, die Bilder im Kopf wurden mir einfach zu viel. Trotzdem habe ich ihm noch eine Chance gegeben, und es hat sich durchaus gelohnt. Weniger wäre allerdings mehr gewesen. Vielleicht liegt es auch daran, dass mir der subtile britische Horror einfach mehr liegt.

Interessantes Detail am Rande: Als ich das Buch weglegen wollte, dachte ich, dass mir genau diese expliziten Beschreibungen von Verletzungen eigentlich auch bei Stephen King irgendwann zu anstrengend waren. Und heute googelte ich nach Joe Hill, und was verriet mir Wikipedia: Joseph Hillstrom King alias Joe Hill ist der Sohn von Stephen und Tabita King. Der Apfel fällt also nicht weit vom Pferd.

Kategorien: Literarisches und Kulturelles | Hinterlasse einen Kommentar

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