Koninginnedag

Sowohl bei buurtaal als auch bei Hollander in Duitsland wurde in der letzten Zeit die Frage „Wann ist man eigentlich in seiner Wahlheimat angekommen, bzw. fühlt man sich dort wirklich integriert?“ eifrig diskutiert. Auch der heutige Tag hat sicher mit dieser Frage zu tun.

Der niederländische „Koninginnedag“ ist ein Nationalfeiertag, an dem die Niederländer den Geburtstag der Königin feiern. Eigentlich hat Königin Beatrix am 31. Januar Geburtstag, aber bei der Thronübernahme am 30. April 1980 beschloss sie, dass der Tag, als Respektsbezeugung an ihre Mutter Juliana, weiterhin am 30. April gefeiert werden sollte. Möglicherweise spielte auch die pragmatische Überlegung mit, dass die Chance auf gutes Wetter und damit „gezelliges“ Feiern im Frühling größer ist. An diesem Tag finden in allen Ortschaften die sog. „Freimärkte“ statt, wo jeder ohne amtliche Genehmigung seinen Ramsch verkaufen darf. Außerdem gibt es Konzerte, Kleinkunst und dergleichen. Der größte Freimarkt findet in Amsterdam statt, die öffentlichen Verkehrsmittel sind an diesem Tag gratis. Die Königin selbst und ihr Anhang besuchen jedes Jahr zwei andere Städte, die nicht allzu weit auseinander liegen. Dieses Jahr sind es die beiden limburgischen Gemeinen Thorn und Weert.

An meinem allerersten Koninginnedag im Jahr 1998 habe ich die Königin sogar live gesehen. Damals besuchte sie die Gemeinden Doesburgh und Zutphen in Gelderland. Ein ehemaliger Kollege meines Mannes wohnte damals in Zutphen direkt gegenüber dem Kaffee- und Teeladen „De Pelikaan“ direkt an der Route. Er hatte uns eingeladen, das Spektakel aus nächster Nähe anzuschauen.

Im Vorfeld wurde mir erklärt, dass es sicher „Oranje-Tompoezen“ geben würde. Diese zu verspeisen ist wahrlich eine höhere Kunst, da es sehr schwierig ist, die glasierte obere Teigplatte in mundgerechte Stücke zu zerteilen, ohne dass die Cremefüllung in alle Richtungen spritzt. Wahrscheinlich hatte der Gastgeber das auch gedacht und dieses Gebäck durch „Oranjecake“, eine Art orange eingefärbten Rührkuchen, ersetzt. Dazu wurde „Oranjebitter“, ein – natürlich orangefarbenes – etwas medizinisch schmeckendes alkoholisches Getränk gereicht.

Nach dieser Stärkung drängten wir uns auf dem Balkon zusammen, um die königliche Familie zu sehen. Königin Beatrix kam in Grün,während die Bürgermeisterin von Zutphen ein Kostüm in leuchtendem Feuerwehrrot trug („One has a duty not to clash“). Prinz Willem Alexander kam allein, da er noch keine richtig offizielle Partnerin hatte, und winkte artig in die Menge. Prinz Claus trödelte gemütlich hinterher und hielt gelegentlich ein Schwätzchen mit einem Zaungast. Ich finde ihn noch immer einen der sympathischsten Royals. Prinzessin Marilène, die damalige Verlobte von Prinz Maurits, nahm mit ihrem strahlenden Lächeln das Publikum sofort für sich ein. Auf der Straße und den Balkons wurde lauthals „Oranje boven! Lang leve de koningin!“ gesungen.

Wie man sich vielleicht vorstellen kann, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Niederländer sind ja normalerweise sehr bodenständig, so dass die kollektive „Oranje-Hysterie“ mir ein fassungsloses Kopfschütteln entlockte. Später sollte ich entdecken, dass dies fest zum Koninginnedag gehört, und zum Fußball auch.

Das war also mein erster Koninginnedag. Die späteren waren deutlich weniger eindrucksvoll. Ein oder zwei Jahre später blieben Peter und ich beim Besuch des Freimarktes in unserer Innenstadt stecken. Wir saßen fest in einer riesigen Menschenmasse, die in die eine Richtung wollte, von der anderen Seite kam ein ebensolcher Strom und es ging ziemlich lange nicht mehr weiter. Bei dem Gedanken daran, was alles passieren könnte, wenn jemand umkippt, wurde mir selber ganz flau, und ich war heilfroh, als wir endlich am Rand waren und die Stadt fluchtartig verlassen konnten.

Seitdem meide ich bei solchen Gelegenheiten das Stadtzentrum wie der Teufel das Weihwasser. Da Peter das ähnlich sieht, nutzten wir in den darauffolgenden Jahren den freien Tag zu ausgedehnten Radtouren ins deutsche Grenzland oder zu Renovierungsarbeiten. Den tragischen Anschlag auf den Bus der königlichen Familie im Jahr 2009 hörten wir beim Streichen der Küche im Radio.

Vor vier Jahren gab ich zusammen mit einer niederländischen Kollegin einen mehrmonatigen Kurs in Deutschland. Natürlich musste auch am 30. April unterrichtet werden. Einer der Kursteilnehmer fragte mich mit breitem Grinsen: „Wer von euch beiden hat übermorgen eigentlich die A…karte gezogen?“ Tja, das war ich in diesem Fall. Meine Kollegin hatte mir gesagt, dass sie an diesem Tag nur ungern arbeiten würde. Mir machte das deutlich weniger aus, und so tauschten wir unbürokratisch unsere Unterrichtstage.

Vielleicht ist das ja ein Gradmesser für die Integration, die in meinem Fall wohl niemals vollkommen sein wird: Ich freue mich zwar, am Koninginnedag frei zu haben, kann aber ganz gut damit leben, wenn das nicht so ist, Drop (Lakritze) finde ich einfach nur widerlich und Orange steht mir überhaupt nicht.

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10 Gedanken zu „Koninginnedag

  1. Pingback: Kurze Historie des niederländischen Königreichs

  2. buurtaal

    Schöner Beitrag! Ich habe ihn gleich bei mir im buurtaal-Blog verlinkt: http://www.buurtaal.de/blog/monarchie-niederlande

    In meinen ersten Jahren in Deutschland habe ich am Koniginnedag immer etwas Orangefarbiges angezogen um meine „Zugehörigkeit“ zu zeigen.

    Irgendwie mag ich dieses Fest, auch wenn ich seit Jahren nicht mehr am 30.04. in den Niederlanden war und ehrlich gesagt schon gar kein Fan der Monarchie bin 😉 Aber gerade solche Traditionen gewinnen, glaube ich, an Bedeutung, wenn man in ein anderes Land zieht.

    Drop, vor allem die salzige Variante, mag ich als rasechte Nederlandse natürlich total gern.

  3. Danke. 🙂

    Dass Traditionen an Bedeutung gewinnen, wenn man in ein anderes Land zieht, denke ich auch. So verteidige ich ja auch mit Klauen und Zähnen einige liebgewonnene Weihnachtsbräuche (Plätzchenbacken, Adventskranz etc.).

    Ich glaube, wenn man nicht von klein auf an Drop gewöhnt wird (und „Südstaatler“ jenseits der Mainlinie sind das nicht), wird das wohl auch nichts mehr.

  4. Mendian

    Maedels, ihr macht was falsch 😉

    Integration hat nichts, aber rein gar nichts, mit dem Aufgeben alter Traditionen zu tun. Auch muss man ’neue‘ Traditionen nicht uebernehmen. Was man allerdings tun sollte: Alte und neue Tradtionen akzeptieren.

    Bei uns haben sich deutsche und hollaendische Traditionen vermischt. Nur bei Ostern ist allerdings was schiefgelaufen 😉 http://grenzerfahrungen.blogspot.com/2009/04/der-menheer-bessert-sich.html

  5. Schön! 🙂 Was das Aufgeben alter und das Annehmen neuer Traditionen betrifft, hast du absolut recht. Bei uns hat sich inzwischen auch ein netter Mix herausgebildet. 🙂

  6. Das mit der Mischung aus (den besten) deutschen und niederländischen Traditionen ist hier auch so. Nur sind mir tatsächlich bestimmte Dinge aus meiner Heimat wichtiger geworden, jetzt, wo ich sie nicht mehr ständig zur Verfügung habe. Das gilt für Feiern wie Koniginnedag, für zoiute drop und sogar für stroopwafels. In zwei Kulturen unterwegs zu sein ist auf jeden Fall eine Bereicherung 🙂

  7. oeps, typfoutje: dat moest natuurlijk zoute drop zijn …

  8. „In zwei Kulturen unterwegs zu sein ist auf jeden Fall eine Bereicherung :-)“

    Auf jeden Fall! Vor allem, wenn man in Grenznähe wohnt und mal schnell ein paar Sachen „schmuggeln“ kann.

    Ich verstehe gut, was du meinst: Wenn ich zu meinen Eltern fahre und wegen des Föhns mal wieder den Alpemblick geboten kriege, genieße ich ihn auch viel bewusster als früher.

  9. Pingback: Frühjahrsradtour Niederlande 2012 – Teil 1 « Grenzwanderer

  10. Pingback: Das Königsleid, pardon -lied | Grenzwanderer

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