Sand, See und Geschichten auf Ameland

 Da es etwas gedauert hat, bis ich wieder zum Posten gekommen bin, teile ich den letzten Bericht, damit er nicht zu lang wir. Weiter unten steht also noch etwas.

Irgendwann im Lauf der Nacht oder am Morgen hatte wieder eine Zeltstange den Geist aufgegeben, ohne dass wir es bemerkt hatten. Es ist ein Kreuz mit den Dingern. Gut, man kann sie mit einem Extraröhrchen reparieren, aber das kann ja nicht ewig so weiter gehen! Da es sowieso nieselte, beschlossen wir, in Nes nach einer Lösung zu suchen und die Ortschaft zu erkunden. In einem Outdoorladen fanden wir einigermassen passende Stangen, die wir noch zurechtsägen müssen. Aber das machen wir dann auf dem Festland.

Dann besuchten wir das Naturmuseum, in dem man viel über die Flora und Fauna der Insel und ihr Verhältnis zur See erfahren kann. Vieles ist gut gemacht, aber meiner Meinung nach haben sie zu viele Computerbildschirme, die Information über die einzelnen Pflanzen und Tiere geben. Ein bisschen interaktiv ist ja ganz schön, aber wenn man zu jedem Lebewesen erst mal sechs verschiedene Ikone anklicken muss, wird das doch ein bisschen viel. Sehr gut gefiel mir die Sonderausstellung „Dichter bij het Wad – Dichter am Watt“ mit See- und Wattfotos von Ellen Floris und Gedichten zu diesen Fotos von Chris Boon.

In den nächsten Tagen besichtigten wir den Rest der Insel: Die Ortschaften Ballum und Hollum im Westen, und Buren sowie das Landschaftsschutzgebiet Het Oerd im Osten. Irgendwie scheint die Zeit auf der Insel ein eigenes Tempo zu haben: Die Entfernungen sind nicht gross, und man kommt sowieso nicht weit, wozu also die Eile? Daran könnte ich mich glatt gewöhnen.

 In Hollum erklommen wir den Leuchtturm, wo sich auf verschiedenen Stockwerken Ausstellungen befinden: Modellleuchttürme aus aller Welt, Seekarten und sonstiges Material. Auch die verschiedenen Blinksingale der Türme auf den Watteninseln werden demonstriert. Bisher hatte ich noch gar nicht darüber nachgedacht, dass jeder Leuchtturm sein eigenes Signal hat, aber logisch ist es natürlich.

Dann besuchten wir die Reformierte Kirche, wo uns der Küster unter anderem erklärte, warum sie zweifarbig ist: Man hatte die roten Steine der Kirche, die früher dort stand, wieder verwendet. Da das heutige Gebäude aber grösser ist, reichten diese nicht aus, so dass eine Wand aus gelben Steinen gebaut wurde. Interessant ist auch, dass für das Kirchengebäude die Kirche selbst verantwortlich ist, während der Turm als ehemaliges Seezeichen unter die Verantwortlichkeit der Gemeinde fällt. Die Türme in Ballum und Nes, auch Seezeichen, sind komplett freistehend.

 Wir bewunderten die Aussicht vom Ballumerblinkert aus, wo man sowohl die Nordsee als auch das Wattenmeer sehen kann und statteten dem Deichwächterdenkmal einen Besuch ab. Überall wird deutlich, wie sehr die See den Alltag beherrscht.

 Wenn man in Richtung Osten nach Het Oerd fährt, werden die Dünen rauher und die Landschaft wilder. Vom Oerdblinkert (24 m über dem Meeresspiegel) hat man eine tolle Aussicht über das Wattenmeer und das Vogelschutzgebiet De Hon, das man nicht betreten darf. Die Schutzhütte am Fuss dieser Düne ist seit ein paar Jahren ein beliebter Ort für Trauungen.

In Buren besuchten wir das Strandgutmuseeum, wo man eine Menge über das Strandgutsammeln erfahren kann. Früher war das angeschwemmte Strandgut oft notwendig zum nackten Überleben, heute ist es mehr ein interessantes Hobby. Einmal kam eine Riesenladung Holzbalken angespült und einmal ein Container mit Druckern, die aber leider nicht mehr brauchbar waren.

 In Buren befindet sich auch das Denkmal der Strandräuberin Rixt van het Oerd, einer sehr armen Frau. Die See gab ihr im Lauf der Jahre immer weniger, und so beschloss sie eines Tages, etwas nach zu helfen und mit ihrer Sturmlaterne die Schiffe in die Irre zu leiten. Als wieder einmal ein Schiff gestrandet war, ging sie im Morgengrauen dort hin, um das Strandgut zu inspizieren. Da fand sie die Leiche eines jungen Mannes: Es war ihr Sohn Sjoerd (sprich „Schuurd“), der ausgerechnet auf diesem Schiff Matrose war. Laut schreiend verschwand Rixt in den Dünen und ward nicht mehr gesehen. In stürmischen Nächten hört man sie noch wehklagen: „Sjoe-oerd! Sjoe-oerd!“

 Natürlich machten wir auch eine Menge Strandspaziergänge – an dieser Stelle noch einen lieben Gruss an Aufwind:

Bei einem dieser Spaziergänge erfuhren wir auch, wo die improvisierten „Bänkchen“ bei der Bank an unserem Dünenaufgang herkommen. Ein alter Mann hatte sich selbst ein solches Bänkchen gebaut, und als er später wieder kam, stand ein zweites daneben, und beim nächsten Mal ein drittes. Jetzt hat er dort zusammen mit ein paar anderen älteren Herren eine Art Stammtisch.

 An unserem letzten Abend kamen die Bewohner des Wohnwagens neben unserem Zelt an: Zwei Frauen und zwei junge Mädchen. Die Mädel brachten ein noch original verpacktes Zelt mit und versuchten, es aufzubauen. Es gab keine Gebrauchsanweisung und es wurde auch schnell deutlich, dass sie so etwas noch nie getan hatten: „Ich glaub, diese Haken müssen in den Boden.“ – „Die Stange ist falsch drin, die muss wieder raus.“ – „Willst du mich verarschen?“ – „Wenn du das doch nicht raffst!“ Das Ganze hatte Unterhaltungswert, aber nach einer Weile halfen wir den beiden und wurden von den Frauen im Wohnwagen zu einem „Nobeltje“, einem leckeren Likörchen aus Ballum, eingeladen.

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Kategorien: 2011 - Radtour | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Sand, See und Geschichten auf Ameland

  1. Kerstin Greulich

    Hallo ihr zwei Weltenbummler,

    mit wachsender Begeisterung verfolge ich euren Blogg,
    herzerfrischend wie ihr schreibt und was ihr erlebt…

    Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Geburtstag, Peter!!!

    Ich wünsche euch weiterhin alles Gute, viele sonnige Abschnitte und viel Rückenwind.

    Tot ziens, Kerstin

  2. bockmouth

    Auch von mir noch nachträglich an Peter einen ganz Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

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