Zeltwechsel, Gewitter, Seehunde und Kunst

Dann war es Zeit, Egmond zu verlassen. Da es nieselte, hatten wir keine grosse Lust, aufzubrechen, und so trödelten wir am Frühstückstisch herum, aber um zehn Uhr packten wir es dann doch. Wir hofften, dass sich der Nieselregen bald legen würde. Leider war das jedoch nicht der Fall, im Gegenteil! Der in der Wettervorhersage angekündigte einzelne Schauer dauerte bis nach zwei Uhr. und bei Schoorl war die Straße auch noch gesperrt, so dass wir ein längeres Stück außen herum mussten. Aber wir hatten tatsächlich Rückenwind, so dass wir gut voran kamen.
In Anna Pawlowna machten wir Mittagspause und ernteten mitleidige Blicke, als wir sagten, dass wir noch über den Afsluitdijk (Abschlussdeich) wollten. Aber langsam ließ der Regen nach, und in Den Oever suchten wir uns ein geschütztes Plätzchen, um einen Satz trockene Kleider anzuziehen. Gegen mehrere Stunden Dauerregen ist halt das beste Regenzeug nicht gewachsen.
Dann ging es über den Deich, der das IJsselmeer von der Nordsee trennt. Ich war heilfroh, dass es inzwischen nicht mehr regnete. Vor ein paar Jahren sind wir ihn mal im Regen gefahren, und da sich auf dem ca. 35 km langen Deich nichts, aber auch gar nichts zum unterstellen befindet, hat man  die Wahl zwischen fahren und nass werden und stehenbleiben und nass werden. Aber diesmal blieb uns das erspart, und dank des Rückenwindes ging es auch recht flott. Gegen vier Uhr hatten wir das Ende erreicht, als uns noch zwei Radler entgegen kamen. Wir beneideten sie nicht.

In Witmarsum auf dem Campingplatz kamen fast gleichzeitig mit uns zwei andere Radler an, woraus die Dauercamper sofort schlossen, dass wir wohl zusammen gehören. Wir tauschten angeregt Erfahrungen aus. Sie sind mit einem Garmin Navi unterwegs, und es ist wohl wirklich nicht einfach, das Teil zu bedienen. Aber es hat auch eine Menge Vorteile, man kann sich z. B. auch Supermärkte anzeigen lassen. Das ist wohl was fürs nächste Jahr.
Leider hatten sich auch die neuen Zeltstangen als nicht besonders haltbar erwiesen. Jetzt reichte es uns – am Montag fuhr ich nach Hause, um unser altes Zelt zu holen. Das ist zwar schwerer und von der Raumverteilung her etwas ungünstiger,  aber die Stangen haben schon einige Stürme überstanden. Peter reparierte in der Zwischenzeit die Räder (Kette reinigen etc.) und half seiner Mutter mit ein paar Dingen. In der Zwischenzeit reinigte sie seine Hose, die voll Kettenfett war, porentief und bügelte sie. Jetzt ist der Gatte wieder landfein!
Unser Haus steht noch, und unsere Nachbarn haben also tatsächlich ein neues Domizil gefunden, wo se Bienen und Hühner züchten können, und werden bald umziehen. Wir werden sie vermissen, auch wenn wir uns natürlich für sie freuen.
Auf dem Rückweg stieg eine Mutter mit einem ca. dreijährigen Kind in den Bus. Die Kleine wollte absolut nicht im Buggy sitzen bleiben und machte einen Höllenrabatz. Mit dem Schraz aus der Kondomwerbung hielt sie locker mit. Die Mutter bleib bewundernswert ruhig und konsequent, aber der junge Busfahrer kam so aus dem Konzept, dass er fast eine Haltestelle überfahren hätte. Vielleicht wird der arme Kerl ja in Kürze Vater.
Als wir das alte Zelt aufgebaut hatte, fanden wir im Innenzelt noch ein paar Socken des Gatten, die da nun schon fast drei Jahre ihr Dasein fristeten. Ich bin für eine Nominierung!  Das andere Zelt wurde bei Peters Eltern untergebracht.


Am nächsten Tag konnte sich das Zelt gleich bewähren. Beim Aufstehen hatte ich etwas Kopfweh, es war auch eine Affenhitze! Zum Glück legte es sich, aber es blieb sehr warm. Schwer drückte die schwüle Luft auf das Land, und das bisschen Wind verschaffte kaum Abkühlung. In St. Annaparochie assen wir in derselben Snackbar wie vor zweieinhalb Wochen, als es so geregnet hatte. Wir löffelten gerade hingebungsvoll unseren Eisbecher, als sich zwei weitere Radler zu uns gesellten: „Eigentlich ist es viel zu schwül zum Radfahren!“ – „Stimmt, es soll heute noch gewittern.“ – „In Seeland ist es schon.“
Aber es sollte noch bis zum Abend dauern, bis es auch uns erreichte. In Ternaard auf dem Campingplatz schloss uns einer der Umwohnenden die Dusche auf, da der Verwalter erst später kommen sollte. Außer uns stand nur noch ein französisches Wohnmobil auf dem Platz. Gegen Abend brauten sich die Wolken zusammen, und wir lagen auf dem Rücken vor dem Zelt und beobachteten die interessanten Gebilde. Als es zu tröpfeln anfing, flüchteten wir ins Zelt. Das Gewitter hatte es wirklich in sich und tobte direkt über uns. Das Zelt hielt stand – gut so!
Am nächsten Tag fuhren wir nur ein relativ kurzes Stück, da wir die Seehundstation in Pieterburen besuchen wollten. Dort werden verwundete und verwaiste Seehunde aufgepäppelt und wieder in die Freiheit entlassen. Die Seehunde werden erst eingehend untersucht, und aus den Ergebnissen lassen sich Rückschlüsse aus dem allgemeinen Zustand des Wattenmeers ziehen. Dann kommen sie in Quarantäne, da man sichergehen will, dass sie keine Krankheiten auf die anderen Seehunde in der Station oder – noch schlimmer – wieder im Watt übertragen. Danach kommen sie in verschiedene Becken, wo sie auch lernen, selbst ihr Essen zu fangen. Die verwaisten Seehundjungen, Heuler genannt, jammern wirklich herzzerreißend.


Manche Leute sagen, man sollte diese Seehunde nicht retten, sondern der Natur ihren Lauf lassen. Aber wenn man ernsthaft von Natur sprechen will, müsste man auch Bebauung, Industrie, Schiffahrt und Fischfang am und im Watt verbieten, denn dies bringt die Seehunde erst in Schwierigkeiten. Dieser Haufen Netze wurde im Lauf der letzten zehn Jahre aus dem Wattenmeer gefischt:


Zurück auf dem Campingplatz besuchte ich noch den benachbarten Bildergarten, wo mir der Eigentümer und Künstler Klaas Hoekstra alles zeigte. Statuen und Ölbilder sind in einen liebevoll gepflegten Garten integriert. Er erlaubte mir auch, zu fotografieren und die Fotos ins Blog zu stellen:

Neben seinen Bildern im Atelier hängt auch ein Kalender, in dem er einträgt, wie viele Schnecken er jeden Tag erlegt – das Leid des Gärtners.

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Kategorien: 2011 - Radtour | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Zeltwechsel, Gewitter, Seehunde und Kunst

  1. Lieuwe

    Hoi Petra,

    Hoe gaat jullie route nu verder? Weer richting Denemarken?

    vr gr

    Lieuwe

  2. Pingback: „Familienzuwachs“ Mara « Grenzwanderer

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