“Öland” von Johan Theorin

Es ist schon eine Weile her (damals hatte ich noch kein Blog), als mich eine Freundin auf das Buch „Nebelsturm“ des schwedischen Schriftstellers Johan Theorin aufmerksam machte. Was sie erzählte klang mir als Krimi- und Spukgeschichtenfan wie Musik in den Ohren. Ich recherchierte im Netz und entdeckte, dass es sich um den zweiten Teil einer geplanten Tetralogie über die Insel Öland handelte, bei der die Jahreszeiten eine zentrale Rolle spielen. Inzwischen ist auch der dritte Teil erschienen, am vierten wird noch gearbeitet.

Inspiriert wurde Theorin von Ann Cleeves‘ „Shetland Quartet“, einer vierteiligen Krimiserie, die sich auf den Shetlandinseln abspielt, und bei der ebenfalls die Jahreszeiten eine wichtige Rolle spielen. Darüber werde ich zu einem späteren Zeitpunkt berichten.

Aber fangen wir mit Teil eins an: Da ich die Übersetzungen von Buchtiteln in verschiedene Sprachen interessant finde, hier ein bisschen Info: Der schwedische Originaltitel lautet „Skumtimmen“ (die Dämmerstunde, in der man sich früher Spukgeschichten erzählte), der niederländische „Schemeruur“ und auf Englisch heißt das Buch „Echoes From the Dead“.

Die zentrale Jahreszeit dieses Buchs ist der Herbst, wenn die Touristen wieder weg sind, die Sommerhäuser leer stehen und die Insel zur Ruhe kommt.

An einem nebligen Herbsttag im Jahr 1972 ist der fünfjährige Jens auf dem Großen Alvar, einem mit Gras und Sträuchern bewachsenen Kalkplateau im Süden der Insel, verschwunden, nachdem er sich im Nebel verirrt hat. Für die Polizei ist es ein Unfall, doch die Gerüchte, dass Nils Kant, der Sündenbock der Insel, etwas damit zu tun hat, halten sich hartnäckig. Nils Kant jedoch war zu diesem Zeitpunkt bereits neun Jahre tot.

Zwanzig Jahre später wird Jens’ Mutter Julia, die diesen Vorfall nie verwunden hat und immer noch mit schweren Schuldgefühlen und Depressionen zu kämpfen hat, von ihrem Vater Gerlof angerufen. Er hat mit der Post eine Sandale des Jungen zugeschickt bekommen.

Julia fährt nach Öland, wo sie aufgewachsen ist und wo ihr Vater inzwischen in einem Seniorenheim lebt. In ihrer ersten Nacht auf der Insel wird der Bildhauer Ernst Adolfsson, der zusammen mit Gerlof schon seit einiger Zeit versucht, Jens’ Verschwinden aufzuklären, von einer seiner Skulpturen erschlagen im Steinbruch aufgefunden.

Julia begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit, zusammen mit Gerlof, der sie zu verschiedenen Inselbewohnern mitnimmt, und allein. Einer dieser Alleingänge führt sie in Vera Kants Haus, das den Ruf eines Spukhauses hat. Dort stürzt sie und verletzt sich. Sie freundet sich mit dem Polizisten Lennart Hendriksson an und beginnt langsam die Möglichkeit zu akzeptieren, dass Jens nicht mehr zurück kommt.

Parallel zu Julias Suche wird die Geschichte von Nils Kant erzählt, der nicht umsonst der Sündenbock der Insel ist. Es ist die Geschichte eines Menschen, der meint, dass Gesetze und Regeln für ihn nicht gelten, was Gewalt, Tote und Verletzte zur Folge hat. Aber es ist auch die Geschichte von Flucht, Heimweh und verlorener Zeit.

Wie die beiden Erzählstränge zusammenhängen und was an jenem Nachmittag wirklich passiert ist, kommt für den Leser ziemlich überraschend.

Dieses Buch ist sicher nichts für Ungeduldige. Theorin nimmt sich Zeit: Für seine Figuren, mit denen der Leser nach und nach Bekanntschaft macht, für die Landschaft, die er schnörkellos und doch bildhaft beschreibt, für die Herbststimmung, die er eindringlich heraufbeschwört. Wie sagte Gerlof doch so schön, als Julia sich über einen ihrer Ansicht nach nutzlosen Ausflug beklagte? „Ich bin nur der Meinung, dass man Geschichten in ihrem eigenen Tempo erzählen muss.“ Recht hat er.

Advertisements
Kategorien: Literarisches und Kulturelles | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Beitragsnavigation

2 Gedanken zu „“Öland” von Johan Theorin

  1. Hört sich gut an! In unserer schnelllebigen Zeit tut es manchmal gut, sich auf solche Bücher einzulassen. Obwohl ich gestehen muss, dass ich seiteinigen Jahren zu den ungeduldigen lesern gehöre und das schlimmste mache, was ein Leser machen kann: Den Schluss vor dem wirklichen Ende lesen *schäm*
    Liebe Grüße,
    Elvira

    • Gelegentlich kann ich das auch nicht lassen. Vor allem, wenn eine meiner Lieblingsfiguren in Gefahr ist, dann schaue ich vorsichtig am Schluss nach, ob er / sie noch lebt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: