„Nebelsturm“ von Johan Theorin

Weiter geht es mit Johan Theorins Öland-Tetralogie. Nach „Öland“ also „Nebelsturm“. Der schwedische Titel dieses Bandes lautet „Nattfåk“. Gut, das Wort „natt“, also Nacht, bereitete mir keine Schwierigkeiten, aber was bitte ist ein „fåk“? Die Online-Wörterbücher, die ich konsultierte, kannten dieses Wort nicht. Bei Wiktionary und im Synonym-Woxikon wurde ich fündig: Es handelt sich um ein öländischesWort für „snöstorm“. Der niederländische Titel ist übrigens „Nachtstorm“, der englische „The Darkest Room“.

Die Geschichte spielt drei Jahre nach dem ersten Band, im Winter 1995 und Gerlof Davidsson ist inzwischen 80 Jahre alt.

Im Oktober ziehen Joakim und Katrine Westin mit ihren zwei Kindern Gabriel und Livia auf den  prachtvollen Hof Åludden an Ölands Ostküste. Dieser Hof wurde im 19. Jahrhundert aus dem Holz, das von einem Schiffswrack angespült wurde, errichtet, und man sagt, dass die Leuchtturmbauer die Schreie der ertrinkenden Seeleute nie vergessen konnten. Seitdem hat der Hof seinen Bewohnern nur Unglück gebracht, und auf den Balken in der Scheune stehen die Namen der zahlreichen Toten von Åludden. Die Geschichten zu diesen Namen stehen in den Aufzeichnungen von Katrines Mutter, der exzentrischen Künstlerin Mirja Rambe, die die Geister in den Wänden flüstern hörte. Außerdem geht die Sage, dass am Heiligen Abend die Toten auf den Hof zurückkehren, um dort die Christmette zu besuchen.

Doch Joakim und Katrine lassen sich davon nicht abschrecken. Ihnen gefällt der Hof, und voller Eifer stürzen sie sich in die Renovierungsarbeiten. Als Joakim die letzten Möbel aus dem Haus in Bromma bei Stockholm abholt, hört er plötzlich deutlich die Stimme seiner Frau, obwohl Katrine auf Öland geblieben ist. Auf dem Rückweg erfährt er, dass Katrine bei den Leuchttürmen ins Wasser gefallen und ertrunken ist. Die junge Polizistin Tilda Davidsson, Gerlofs Nichte, die sich wegen der komplizierten Affäre mit ihrem Ausbilder nach Öland versetzen ließ, befasst sich mit dem Fall.

Joakim kann den Tod seiner Frau erst nicht akzeptieren. Er bringt es nicht übers Herz, den Kopfsalat, den sie eingekauft hatte, weg zu werfen und hängt ihre Kleidung aus dem Schmutzwäschekorb im Schlafzimmer auf. Außerdem träumt er, dass Katrine nun auf dem Heuboden über dem Stall wohnt. Auch den Kindern kann er die Wahrheit nicht sagen, er erzählt ihnen, dass Katrine verreist ist. Doch seine Tochter Livia spricht im Schlaf und erzählt, dass Katrine auf dem Hof ist und nicht hinein kann. Auch die Erinnerung an den Tod seiner drogenabhängigen Schwester Ethel quält Joakim. Besteht vielleicht eine Verbindung zwischen den beiden Todesfällen?

Parallel dazu treibt eine Einbrecherbande auf Öland ihr Unwesen. Zuerst konzentriert sie sich auf die Sommerhäuser, später brechen sie auch in bewohnte Häuser ein. Eines ihrer Ziele ist Åludden, da sie der Meinung sind, dass sich dort eine kostbare Gemäldesammlung befinden soll.

Weihnachten rückt näher, und es wird ein schwerer Schneesturm vorhergesagt, der Åludden von der Außenwelt abscheiden wird. Joakim hat im Stall einen Raum ohne Tür und Fenster entdeckt, der mit Kirchenbänken ausgestattet ist. Auf den Bänken liegen verschiedene Kleidungsstücke, darunter auch Katrines Jeansjacke. Am Heiligen Abend sucht er diesen Raum auf, um Katrine wieder zu sehen und endlich Antwort auf seine Fragen zu erhalten. Zusammen mit Katrine und den anderen Toten des Hofes besucht er die Christmette, während draußen der Schneesturm tobt und die Einbrecherbande nach Åludden unterwegs ist.

Spukt es wirklich auf Åludden oder spielt sich alles Übernatürliche im Kopf des gequälten Joakim Westin ab? Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Sagenwelt ist fließend, und Theorin schafft den Balanceakt zwischen beiden fast noch besser als im ersten Band. Was wahr ist, weiß man laut Mirja Rambe schließlich nie. Nicht wenn es um Gespenster geht.

Und wieder gelingt es Theorin, die Stimmung der Insel und der Jahreszeit einzufangen: die immer länger werdenden Nächte, der drohende Schneesturm, die Abgeschiedenheit des Hofes. Die schörkellose Erzählweise und das ruhige Tempo tragen das ihre dazu bei.

Besonders gut gefällt mir auch hier wieder Gerlof Davidsson, der zwar hochbetagt, aber geistig noch voll da ist. Wie eine Spinne im Netz kriegt er in seinem Seniorenheim eine Menge mit, und aufgrund seines hohen Alters weiß er auch sehr viel. In einem Nebensatz wird auch erwähnt, dass seine Tochter Julia mit ihrem neuen Partner und dessen Kindern bei seiner Geburtstagsfeier im Sommer war. So erfährt derjenige, der „Öland“ gelesen hat, dass Julia es inzwischen geschafft hat, die dramatischen Ereignisse ihrer Vergangenheit hinter sich zu lassen und weiter zu gehen.

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