„Blutstein“ von Joahn Theorin

In der letzen Zeit war ich öfter mit der Bahn unterwegs und hatte ausreichend Gelegenheit zum Lesen. Nett ist es, wenn man dabei unter die Berufsschüler gerät, die mit ihren Handys beschäftigt sind, und man selber sitzt mit einem Buch dazwischen. Aber das am Rande, ich habe jedenfalls den dritten Teil der Öland-Tetralogie fertig gelesen.

Erst mal wieder zum Titel: Im Original heisst der Roman „Blodläge“, also „Blutlage“, auf niederländisch „Steenbloed“ und auf englisch „The Quarry“. Besagte Blutlage ist eine rote Gesteinsschicht im Steinbruch von Stenvik, in dem im ersten Band der Bildhauer Ernst Adolfsson zu Tode kam. Der Sage nach entstand diese Schicht bei einem schrecklichen Kampf zwischen den Elfen und Trollen, der auf beiden Seiten viele Opfer forderte.

Inzwischen schreiben wir das Jahr 1998, und auf Öland erwacht der Frühling. Der 83jährige Gerlof ist davon überzeugt, dass er bald sterben wird, wenn er im Seniorenheim bleibt, und zieht in sein Sommerhaus in Stenvik. Dort hat sich einiges verändert: Beim alten Steinbruch wurden zwei Villen gebaut, und auch in das Haus seines Freundes Ernst Adolfsson ziehen neue Bewohner: Ernsts Neffe Per Mörner und dessen Kinder Nilla und Jesper.

Per hat es im Moment nicht einfach: Bei seiner Tochter Nilla wird ein seltener Tumor diagnostiziert, der nur schwer operiert werden kann. Außerdem sucht sein Vater Jerry Morner, ein ehemaliger Pornoproduzent, bei ihm Zuflucht, da sein Studio abgebrannt ist und er von von einem ehemaligen Mitarbeiter verfolgt und bedroht wird. Die Leiche dieses Mitarbeiters wurde jedoch im ausgebrannten Studio gefunden. In Kalmar wird Jerry von einem Autofahrer angefahren und stirbt später im Krankenhaus. Wer hat ihn ermordet und verfolgt auch Per?

In der Nachbarvilla leben Vendela Larsson und ihr Mann Max, ein ehemaliger Psychotherapeut, der jetzt Selbsthilfebücher aller Art schreibt, d.h, zu einem großen Teil von seiner Frau schreiben lässt. Vendela selbst ist auf Öland aufgewachsen, doch ihre Kindheit, von der  in regelmässigen Abständen in Rückblenden erzählt wird, war ziemlich unglücklich. Oft suchte sie den Opferstein im Alvar auf, wo man den Elfen ein Geschenk hinterlassen und sich etwas wünschen kann. Ihre Wünsche gehen immer irgendwie in Erfüllung, aber oft auf eine andere Art als erwartet, und haben zum Teil noch Einfluss auf ihr heutiges Leben. Die alte Warnung „Überlege dir gut, was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen“ schwingt immer unausgesprochen mit. Vendela flüchtet sich auch heute noch in eine Traumwelt, in der die Elfen für sie da sind, ohne dass ihr dominanter und egozentrischer Ehemann auch nur etwas davon ahnt.

Dann ist da noch Gerlof, der in seinem Sommerhaus die Tagebücher seiner verstorbenen Frau liest. Allerdings mit schlechtem Gewissen, da er ihr versprochen hatte, sie zu vernichten. Zwischen ihren schlichten Alltagsbeobachtungen finden sich merkwürdige Dinge. So wurde sie immer wieder von einem Jungen besucht, und Gerlof denkt erst, dass sie fremdging, wenn er auf See war. Doch sie gibt dem Jungen, den sie als Troll beschreibt, nur regelmässig zu essen und er revanchiert sich mit Schmuckstücken, die sie eigentlich nicht haben will.

Gerlof hat wieder viel Zeit zum Beobachten und Nachdenken und entdeckt so auch hier die verborgenen Zusammenhänge. Aber schafft er es auch rechtzeitig, andere aus großer Gefahr zu retten?

Bevor ich Gelegenheit hatte, das Buch selbst zu lesen, habe ich etwas bei der „Krimi-Couch“ gestöbert. Dort schreibt der Rezensent Andreas Kurth:Dafür bewegt sich der Autor scharf an der Grenze zur Fantasy, denn es geht im dritten Teil der Reihe auch um Mythen, Trolle und Elfen.“ Und später: „Trolle und Elfen, Sagen und Mythen, und das in einem Kriminalroman? Eigentlich kein Problem für jemanden, der gerne fantastische Literatur liest – aber eben doch gewöhnungsbedürftig.“ Nach dem Lesen dieser Zeilen erwartete ich so etwas wie „Schwedenkrimi trifft auf Herr der Ringe“, aber das ist hier nicht der Fall. Auch hier werden die Sagen und Mythen der Insel wieder gekonnt mit der Handlung verknüpft, und wie in „Nebelsturm“ bleibt es dem Leser überlassen, ob er sich an die rationalen Erklärungen halten will, oder ob er sich vorstellen kann, dass es eben doch mehr zwischen Himmel und Erde gibt.

Auch wird oft angemerkt, u.a. bei Amazon, dass es ein „sehr ungewöhnlicher“ oder auch „kein richtiger“ Krimi sei. Theorins Bücher lassen sich nicht in irgendwelche Schubladen einsortieren, und das ist auch in Ordnung. Es sind in sich stimmige Geschichten, die ich mit grosser Begeisterung gelesen habe. Ich freue mich schon auf den vierten Band, dessen Titel, laut Theorins Website wohl „Rörgast“ sein wird.

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