52 Bücher (5) – „Picknick auf dem Eis“ von Andrej Kurkow

Das Motto der fünften Woche lautet: Russische (und was so drumherum liegt) Literatur. Da musste ich erst mal überlegen, denn irgendwie passen die Russen nicht in mein Beuteschema der letzen Jahre. Dann aber fiel mir das Buch „Picknick auf dem Eis“ von Andrej Kurkow (Zürich, 1999) wieder ein, das mir mein Bruder vor längerer Zeit geschenkt hatte.

An die genauen Zusammenhänge konnte ich mich zwar nicht mehr richtig erinnern, aber eine Bahnfahrt zum Weihnachtsmarkt in Münster verschaffte mir die Gelegenheit, die Erinnerungslücke zu schließen.

Der Schriftsteller und Tagträumer Viktor Aleksejewitsch lebt in Kiew, zusammen mit dem Königspinguin Mischa. Nachdem seine Freundin ihn verlassen hatte und der Zoo aus Geldmangel abgab, hatte er sich den Pinguin ins Haus geholt, da er sich einsam gefühlt hatte. „Aber der Pinguin Mischa brachte seine eigene Einsamkeit mit, jetzt ergänzten sich die beiden Einsamkeiten, was eher den Eindruck einer gegenseitigen Abhängigkeit als den einer Freundschaft erweckte.“ (S. 6)

Viktor möchte eigentlich einen Roman schreiben, ist aber bisher über ein paar Kurzgeschichten nicht hinaus gekommen. Als er eine davon einer Zeitung anbietet, ist der Chefreadkteur so begeistert von seinem Stil, dass er Viktor beauftragt, auf Vorrat Nachrufe auf berühmte Persönlichkeiten zu schreiben. Im Laufe der nächsten Wochen entwickelt Viktor seine eigene Form des Nachrufs und erhebt diesen gewissermaßen zur Literaturgattung. Es gibt dabei nur ein Problem: Seine Prominenten denken nicht daran, das Zeitliche zu segnen, so dass die „Kreuzchen“, wie sie sein Chef nennt, nicht gedruckt werden können.

Neben der Zeitung hat Viktor einen weiteren Auftraggeber, einen gewissen Mischa Nicht-Pinguin, wie er ihn nennt. Kurz nachdem er diesem sein Leid geklagt hat, stirbt der Abgeordnete Alexander Jakornitzkij, und kurz darauf wird dessen Geliebte ermordet. Mischa Nicht-Pinguin muss untertauchen und bitten ihn, seine Tochter Sonja in seine Obhut zu nehmen. Viktor wird langsam unruhig. Besteht ein Zusammenhang mit seinen Nachrufen? Wer spioniert ihm nach? Was hat die Mafia von Kiew mit dem Ganzen zu tun?

Und dann gibt es ja noch den melancholischen Pinguin Mischa, der sich auf seine Art inzwischen doch mit Viktor und Sonja angefreundet hat. Es ist einfach herrlich zu lesen, wie Viktor und sein Freund, der Polizist Sergej, mit Mischa Ausflüge zum zugefrorenen Fluss machen, wo Mischa sich – zur grenzenlosen Verblüffung der Angler –  mit Begeisterung ins Eiswasser stürzt. Doch dieser Idylle ist leider kein langes Leben vergönnt…

Kurkow berichtet über herrlich skurrile Vorfälle und Zusammenhänge, aber über dem Ganzen liegt immer eine gewisse Traurigkeit und Schwermut. Dennoch liest sich das Buch leicht und macht Spaß. Ich werde mir sicher bald die Fortsetzung „Pinguine frieren nicht“ besorgen.

Kategorien: 52 Bücher 1 - 3, Literarisches und Kulturelles | Schlagwörter: , , , , | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „52 Bücher (5) – „Picknick auf dem Eis“ von Andrej Kurkow

  1. Von Kurkow ist vor kurzem etwas in meinem Regal gelandet. „Petrowitsch“ – gelesen habe ich es allerdings noch nicht. Vielleicht sollte ich ihn vorziehen 😉

    • Ich hab grad mal gegoogelt, es klingt auf jeden Fall interessant. Du kannst ja dann mal berichten, ob es sich lohnt. 🙂

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