Der Fahrradkeller in der Stadt

Im Zentrum unserer Stadt gibt es einen geräumigen bewachten Fahrradkeller. Er ist nicht weit entfernt von meiner Arbeitstelle, wo es keine vernünftige Abstellmöglichkeit gibt, und umsonst ist  er auch. Aber auch, wenn er es nicht wäre, würde ich mir ein Jahresabo gönnen, denn mein Stahlross steht dort sicher und trocken in der Obhut freundlicher Menschen.

Der Fahrradkeller gehört zu einem Projekt, bei dem Menschen, die wegen leichter Behinderungen, chronischer Krankheiten o.ä. nur schwer Arbeit finden, beschäftigt werden. Sie versehen die hereinkommenden Fahrräder mit Nummern, kontrollieren sie beim Wegfahren, halten den Raum sauber und einige arbeiten auch in der dazugehörigen Werkstatt.

Die Mitarbeiter sind immer freundlich und gut gelaunt. Manchmal steht eine Schale mit Süßigkeiten auf dem Tisch, aus der sich auch die Gäste bedienen dürfen und gelegentlich pfeift jemand fröhlich und lauthals, und dass die Darbietung an Loriots Kunstpfeifer erinnert, stört niemanden. Einmal bekam ich auf mein „Guten Morgen“ die Antwort: „Es wird heute auch ein guter Tag, oder?“

Es war einer dieser Tage, an denen zwar nichts dramatisch schiefgeht, aber ein Haufen Kleinzeugs doch nicht so läuft, wie man es gerne hätte. Innerlich vor mich hinbrummelnd holte ich nach der Arbeit mein Rad aus dem Ständer. Beim Ausgang wartete ein Mann Anfang zwanzig mit (vermutlich) Down-Syndrom. Ich grüßte und gab ihm meinen Kontrollnummer. Er verglich sie gewissenhaft mit dem Zettel an meinem Rad, riss diesen ab und strahlte mich an: „Ich mache diese Arbeit gerne!“ Diese aufrichtige Begeisterung war ansteckend, ich lächelte zurück und sagte: „Das ist schön!“ Wir wünschten einander einen schönen Tag und ich fuhr meines Weges – mit deutlich besserer Laune.

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Kategorien: Ganz "normaler" Alltag | Schlagwörter: , , , | 12 Kommentare

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12 Gedanken zu „Der Fahrradkeller in der Stadt

  1. Das ist ja eine tolle Sache, von der gleich mehrere profitieren. Gibt es das landesweit oder nur bei euch?
    LG
    Elvira

    • Soweit ich weiß, gibt es die „sociale werkvoorziening“ (Arbeitsplätze für Leute mit Behinderungen) landesweit, aber wie es umgesetzt wird, ist Sache der Gemeinden. Allerdings wird auch hier das Messer angesezt, so dass einige Projekte aufhören müssen (siehe meine Antwort an Natira).

      • Eine Quote zur Einstellung Behinderter gibt es bei uns auch. Das bekommt man so aber gar nicht mit, wie und ob sie eingehalten wird. Es gibt aber Einrichtungen, die ausschließlich mit Behinderten arbeiten, egal, ob es sich um körperlich oder geistig behinderte Menschen handelt. Ich weiß von einem Hotel und einer Gaststätte in Berlin aus Berichten.
        Leider ist es so, dass gerade in Non-Profit-Bereichen der Rotstift sehr schnell angesetzt wird. Solche Projekte können sich leider selten alleine tragen.

  2. Ich besuche gern und häufig ein Cafe vor Ort, in welchem Behinderte und nicht Behinderte zusammenarbeiten, ein Projekt der Werkstätten. Mein MIlchkaffee ist zwar immer gleich, aber mein Lieblings-Tomaten-Mozarella-Bagel ist immer etwas anders, je nachdem, wer gerade in der Küche ist. Mal ist er angewärmt, mal nicht, mal mit Blüten, mal Pesto, dann wieder Salatblatt etc. Und die Bedienungen sind mit Eifer und Ernst dabei. Dein Post erinnert mich daran, dass ich dort immer mit einem Lächeln herausgehe, egal wie ich hineinging.

    Solch einen Fahrradkeller finde ich klasse.

    ps
    Kannich bei Dir irgendwo die Kommentare abonnieren? Irgendwie kommen bei mir keine Mails an, obwohl ich den entsprechenden Haken unten setze 😦

    • So ein Café gibt es bei uns auch, aber leider muss es diesen Monat schließen, da sie es finanziell nicht mehr hinkriegen. Aber man denkt darüber nach, es nochmal zu versuchen, mit einer etwas anderern Organisation.
      ein ähnliches Café in der Nachbarstadt hat auch einen Raum für kreative Aktivitäten, den der Quiltladen meines Vertrauens manchmal für Kurse nutzt. Klar, dass man dann in der Mittagspause auch dort essen geht. Es ist genauso, wie du es beschrieben hast. Und man muss natürlich Zeit mitbringen, wenn man hingeht.

      Was das Abonnieren der Kommentare angeht, habe ich als technischer Neandertaler leider keine Ahnung, was da schieflaufen könnte. Ich werde mich aber mal hineinverteifen und schauen, was ich rauskriege. Vielleicht weiß ja einer der Blogexperten unter uns mehr darüber?

  3. Mi.Ke.

    Wirklich ein wunderbarer und mitmenschlicher Bericht.

    Beim Lesen hat sich schlagartig oder besser sanftartig meine recht blöde Laune gebessert.

    Ja, ein wahres Lächeln muss nicht ein Stewardessen-Lächeln sein!

  4. Das ist einfach nur schön.

    Welche Stadt ist das eigentlich?

    • Die, über die Willem Wilmink schrieb:

      Het is het eindpunt van de trein,
      bijna geen mens hoeft er te zijn,
      bijna geen hond gaat zover mee:

  5. Netter Blog, sehr informativ und schoen gemacht.

  6. Kilpikonna

    Sowas ist wirklich schön. Bei solchen Erlebnissen bekomme ich gleich viel bessere Laune. Und man merkt wieder, worauf es eigentlich ankommt, wenn man sich vorher von Kleinigkeiten hat den Tag versauen lassen…

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