52 Bücher (17) – „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ von Herbert Rosendorfer

Wie ich mir ja bereits vorgenommen hatte, schließe ich so langsam die Lücken im Monsterprojekt. Das erste Motto, das ich nachhole, ist von Woche 17 und lautet: Wie wär’s also mit Büchern, die man am Anfang so überhaupt gaaaaar nicht lesen wollte, weil beim Lesen des Titels und Klappentextes alle nur erdenklichen Klischees der Welt das Gefühl von Och-nich-noch-so’n-Buch herbeiriefen… sich dann aber – auf Drängen und Nötigungen anderer doch das Lesen aufgezwängt – das Buch als kleiner Schatz entpuppt hat, bei dem es schade gewesen wäre, das man es nicht gelesen hätte.

Mir ging es so mit „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ von Herbert Rosendorfer (München, 1986).

Dieses Buch befand sich in einem Fünferpack, den ich günstig auf einem Bücherflohmarkt erworben hatte. Aus verschiedenen Gründen sagte mir der Titel gar nicht zu: Briefroman, zu verschwurbelt und mit den Chinesen hatte ich es zu der Zeit irgendwie auch nicht, wenn sie nicht gerade ein Restaurant hatten. Also verstaubte das Buch friedlich im Regal.

Doch dann wurde eben dieser Roman bei @heinzi eifrigst diskutiert, und einige Foristen, deren Buchgeschmack oft mit meinem übereinstimmt, waren des Lobes voll. Auch die Stellen, die sie zitierten, klangen recht interessant. Also nahm ich das Buch aus dem Regal, blies den Staub weg, begann zu lesen – und war begeistert.

Der chinesische Mandarin Kao-ta, der vor ungefähr 1000 Jahren gelebt hatte, reist mit Hilfe einer Zeitmaschine in die Zukunft. Allerdings haben er und sein Freund und Briefpartner Dji-gu die Erdumdrehung nicht in ihre Berechnungen einbezogen, so dass Kao-ta nicht am selben Ort landete, den er verlassen hatte, sondern in der Stadt Min-chen im Land Ba Yan.

Da er sich in der Welt der Großnasen überhaupt nicht zurecht findet, verbringt er seine erste Nacht im Gefängnis. Dann nimmt Herr Shi-shmi, ein Bekannter des zuständigen Richters, sich seiner an. Mit dessen Hilfe lernt Kao-ta die Sprache der Großnasen und erkundet die Zukunft, die ihm mehr als merkwürdig vorkommt. In 37 Briefen teilt er seine Eindrücke seinem Freund Dji-gu, der im China der Vergangenheit geblieben ist, mit.

Kao-tas Erlebnisse und Gedankengänge drehen oft die Klischees und Vorurteile der Europäer gegenüber den Asiaten um und halten uns so einen Spielgel vor. So kann er in der ersten Zeit die Männer und Frauen nur anhand der Regenschirme unterscheiden, da sich die Gesichter der Großnasen so furchtbar ähneln. Die Männer tragen schwarze Schirme, die Frauen bunte.

Meine Lieblingsstelle ist die Beschreibung des Verkehrs und der Hektik unserer Zeit: „[…]hier rennen ständig alle ununterbrochen, selbst wenn es finster ist, kreuz und quer durcheinander, ohne sichtbaren Sinn und Zweck, nur, kann ich nicht anders vermuten, um des Durcheinanderrennens willen. […] Um sich das Durcheinanderrennen zu erleichtern – oder: um sich die Möglichkeit zu schaffen, noch mehr durcheinanderzurennen -, haben sie ihre fahrenden Eisen-Ta-mam-Häuser (er meint die Straßenbahnen) erfunden, die sich zwar nicht so schnell bewegen wie A-tao-Wägen, aber immer noch viel schneller als ein Mensch laufen kann.“ (Seite 48)

Dieses Buch brachte mich zum Lachen und regte gleichzeitig zum Nachdenken an. Nicht nur für Kao-ta war es eine Zeitreise, sondern auch für mich, nämlich ins München der 80er Jahre: Ort und Zeit meiner Jugend! Schon deshalb hat sich das Lesen gelohnt, und natürlich auch wegen der zahlreichen Wortschöpfungen. Ich sage nur: Mo-te Shang-dong, die allseits bekannte Champagnermarke. Danke, heinzis!

Kategorien: 52 Bücher 1 - 3, Literarisches und Kulturelles | Schlagwörter: , , , , , , , | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „52 Bücher (17) – „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ von Herbert Rosendorfer

  1. Dieses Buch habe ich vor Jahren mal gelesen. Es gibt noch mehr davon. Ich fand sie auch klasse.

    • Schön, dass du hier vorbeischaust. Dass ich den Kommentar erst heute freischalte, lieg daran, dass ich ein paar Tage weg war.

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