Streifzüge durch Berlin – Teil 1

Letztes Wochenende war ich ein paar Tage in Berlin. Anlass dieser Reise war das @heinzi-Treffen am Samstagnachmittag, und ich beschloss, dies mit einem bisschen Kultur zu kombinieren. Der Gatte fuhr diesmal nicht mit, sondern vertrat mich würdig im Familienkreis.

Am Freitagnachmittag fuhr ich bei grauem und ungemütlichem Wetter los. Die Zugfahrt verlief ruhig, bis in Osnabrück eine Gruppe von ca. acht Personen zustieg. Mit lautem Getöse suchten sie ihre Plätze, verteilten Sekt und unterhielten sich quer durch den Wagen. Auf die Frage einer Mitreisenden, ob es auch etwas leiser ginge, reagierte der mit dem lautesten Organ gesegnete Herr angefressen: „Wir sind ja hier nicht in der Kirche!“ Die Antwort „Stimmt, aber im Bierzelt auch nicht!“ fiel mir leider, wie meistens  in solchen Fällen, erst viel später ein. Zum Glück verzog sich der Herr mit ein paar anderen der Truppe ins Bord-Bistro, wo sie bis kurz vor Berlin andere Mitreisende mit ihrer Anwesenheit erfreuten.

Das Umsteigen klappte problemlos, doch in Wedding verließ ich den Bahnhof auf der falschen Seite, so dass ich durch eine recht ungemütliche Straße voll zweifelhafter Gestalten musste. Meine Pension jedoch befand sich in einer netten Gegend mit einigen Take-Aways und Back-Shops, wie es heutzutage so schön heißt. Um mein leibliches Wohl brauchte ich mir also keine Sorgen zu machen. Die Pension befand sich in mehreren zusammengelegten Altbauwohnungen, und über mein Zimmer konnte ich nicht nölen.

pensionmeinzimmer

Die energische Wirtin erklärte mir das Nötigste und gab mir den Tipp, bei guten Wetter das Kollhoff-Haus am Potsdamer Platz mit dem schnellsten Aufzug Europas zu besuchen: „Dann hamm Se janz Berlin jesehn!“ Ich merkte mir den Tipp vor.

Da das Wetter hier viel besser war als zu Hause, ging ich erst einkaufen, erwarb mein Ticket für den öffentlichen Nahverkehr und bummelte dann noch durch das Viertel und am Fluss entlang, um die bunten Hauser, die mir schon vom Zug aus aufgefallen waren, aus der Nähe zu betrachten.

buntehaeuser

Am nächsten Morgen machte ich mich schon gegen acht Uhr auf die Socken. Am Potsdamer Platz war noch alles zu. Nach kurzer Besichtigungsrunde  fuhr ich also zum Brandenburger Tor. Dort begann die Stadt langsam zu erwachen. Ein paar Straßenkünstler und Stadtführer bereiteten sich auf den Tag vor, zwei Radler mit Gepäck diskutierten, welchen Weg man wohl nehmen müsse und ein paar Reisende mit Koffern standen verloren am Straßenrand.

beimpotsdamerplatzbrandenburgertor

Ich schlenderte zum Reichstag, und da ich vor einigen Jahren schon mal auf der Kuppel war, reichte mir diesmal das Betrachten von außen. Dann spazierte ich ein bisschen im Großen Tiergarten herum und ging schließlich zur Tourist Information, um das Büchlein zum Touristenticket zu holen.

reichstagkanzleramt

Danach wurde es Zeit, zum Holocaust-Mahnmal zu gehen. Bei meinem letzten Berlin-Besuch war ich nur daran vorbei gefahren, aber diesmal stand es weit oben auf meiner Liste. Wenn man davor steht, kann man noch über das Feld mit den zahlreichen rechteckigen Stelen schauen, und am RAnd blühen sogar Bäume, aber dazwischen gehen die Wege auf und ab, so dass man manchmal außer Stelen und Zwischenräumen nichts mehr sieht. Man fühlt sich richtig verloren zwischen den Betonblöcken.

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Die strenge Struktur setzt sich in unterirdischen Informationszentrum fort: Die Vitrinen und die Infotafeln auf dem Boden haben etwa dieselbe Form und Größe wie die Stelen oben. Im ersten Raum werden Briefe, Notizen und Tagebucheinträge gezeigt, die während der Verfolgung entstanden sind. Im nächsten Raum werden die Schicksale von 15 jüdischen Familien aus unterschiedlichen europäischen Ländern (Deutschland, Österreich, Niederland, Polen, Griechenland etc.) vorgestellt: Wie haben sie gelebt, welche Berufe hatten sie, wohin wurden sie gebracht und wer von ihnen hat überlebt? Diese Ausstellung zeigt, wie vielfältig das europäische Judentum vor dem Holocaust war. Im dritten Raum werden Namen und Lebensdaten verschollener und ermordeter Juden aus ganz Europa vorgelesen, und im vierten Raum anhand von Karten die ganze geografische Ausdehnung gezeigt.

Die Gedenkstätte hat mich sehr beeindruckt, denn hier wird uns wieder vor Augen geführt, was für eine gigantische Vernichtungsmaschinerie der Holocaust war, und wie präzise sie funktionierte. Und das geschieht auf sachliche, informative Weise, ohne Effekthascherei und Gruselzutaten. Dadurch wird es umso beeindruckender. Und die Größe des Monuments ist angesichts der Größe der Verbrechen, an die es erinnern soll, gerechtfertigt. Was ich allerdings ein bisschen schade finde, ist, dass man dieses Mahnmal nur der Gruppe der Juden gewidmet hat, und die anderen Opfergruppen (Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte, Kommunisten, Sozialdemokraten und andere, die nicht in das verkorkste Weltbild der Nationalsozialisten passten) außen vorgelassen hat. Aber in Gedanken habe ich sie mit einbezogen.

An einer Wand in der Eingangshalle steht ein Zitat des Chemikers und Schriftstellers Primo Levi: „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Nachdenklich kehrte ich an die Oberfläche zurück und setzte meinen Streifzug durch die Hauptstadt fort.

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7 Gedanken zu „Streifzüge durch Berlin – Teil 1

  1. Das Holocaust-Denkmal ist zwar in seiner Einmaligkeit beachtlich, was mich aber wirklich erschüttert hat – wie wohl auch euch – ist die unterirdische Ausstellung. Es ist eine unbeschreibliche Atmosphäre. Mir zog es während der gesamten Zeit das Herz zusammen. Ich kann es nicht anders erklären.
    Da tut es gut zu wissen, dass euch in Berlin das Wetter gut gesonnen war und ihr, wenn auch bei kühlen temperaturen, so doch trocken, durch die Stadt bummeln konntet.
    Liebe Grüße,
    Elvira

  2. Nafura

    Die „Topographie des Terrors“ in der Nähe vom Martin-Gropius-Bau zeigt auch Dokumentationen über das Schicksal von Homosexuellen, Sinti, Roma, Behinderten und anderen Opfern der Nazis.
    Wir haben uns nur den Außenbereich angesehen, aber der ist mir auch sehr an die Nieren gegangen.

  3. Janine

    Hmmm,

    naja Wedding weißt ja auch nciht gerade die nettesten Personen auf 😉 Sag mal darf man mal fragen wieviel du bezahlt hast für deine Unterkunft? Von einem Freund möchte Bekannschaft nach Berlin kommen und die wollen auch unbedingt irgendwo im Kietz unterkommen daher meine Frage.

    LG

    • Ich habe dort recht günstig gewohnt, google mal nach Pension Regine Braun.

      • Janine

        Ok das werde ich tun 😉 Danke für den Tip *freu*

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