Streifzüge durch Berlin – Teil 3

Da es am Vorabend etwas spät geworden war, ließ ich es am nächsten Morgen etwas ruhiger angehen. Ich begann meinen Spaziergang beim Alexanderplatz und der Weltzeituhr.

 alexanderplatzalexanderplatz 2

Dann folgte ich den Schildern zum Nicolaiviertel, dem ältesten Viertel Berlins. Auch heute war noch sehr wenig los auf den Straßen, so dass ich in Ruhe einen Rundgang durch das Viertel machen und die interessanten Tafeln zu seiner Geschichte lesen konnte.

 nikolaiviertelnikolaiviertel2nikolaiviertel3nikolaiviertel4

Dann besuchte ich die Nikolaikirche, inzwischen ein Museum zur Stadt- und Kirchengeschichte Berlins und das Knoblauchhaus, ein typisches Biedermaier-Wohnhaus. Danach bummelte ich gemütlich an der Spree entlang und an einer Klosterruine vorbei, bis ich wieder in die Nähe einer U-Bahn-Station kam.

 spreeklosterruine

Ich fuhr zum Gendarmenmarkt, und da mein Magen inzwischen lautstark auf seine Bedürfnisse aufmerksam machte, ging ich ins „Refugium“, wo ich mir Kaffee und Kuchen bestellte und in den Zeitungen blätterte. Als ich las, dass Breiviks Anwälte auf Notwehr plädieren wollten, bekam ich vor lauter Kopfschütteln fast ein Schleudertrauma. Aus Nowehr schießt man also 69 wehrlose Jugendliche über den Haufen, nee, is klar! Als ich das Café verließ, nieselte es gerade, und so ging ich noch in den Deutschen Dom, um die Ausstellung zur Entwicklung der Demokratie in Deutschland anzuschauen.

Danach für ich mit der S-Bahn nach Charlottenburg. Im Einstiegsbereich war ein Mann dabei, sein Fahrrad aufzupumpen, und im Inneren der Bahn spielte jemand Akkordeon. Allerdings konnte ich letzteren erst nicht sehen, so dass ich mich verwundert fragte, was der Radfahrer für eine tolle Luftpumpe hatte.

charlottenburg

Im Schloss Charlottenburg versammelten sich einige Leute zu einer Führung, der ich mich natürlich anschloss. Lebhaft erzählte der Herr von den Zeiten des Königs Friedrich I und dessen Gemahlin Sophie Charlotte, die er als Förderin der Künste bewunderte. Auf ihren Sohn Friedrich Wilhelm I und dessen Sparmaßnahmen war er allerdings weniger gut zu sprechen. Wir besichtigten die prächtig eingerichteten Zimmer und die sehr umfangreiche Porzellan- und Silbersammlung. Danach ging ich noch etwas im Garten spazieren, bis meine Füße protestierten.

charlottenburg2charottenburg3charlottenburg4

 Als ich den Garten verließ, bog gerade ein gelber Doppeldeckerbus um die Ecke. Mir fiel ein, dass mein Ticket  ja noch gültig war, stieg ein und sackte erschöpft vom vielen Laufen auf einen Sitz. Wie sagte die Kabarettistin Brigitte Kahndorp doch so schön? „Geen idee waar het over gaat, maar ik ben blij dat ik zit. (Keine Ahnung, worum es geht, aber ich bin froh, dass ich sitze.)“

 Am Alexanderplatz, wo ich meinen Streifzug begonnen hatte, stieg ich aus und nahm die U- und S-Bahn zu meiner Pension. dort versorgte ich mich noch mit einer Pizza und verbrachte den restlichen Abend vor dem Fernseher. Im „Polizeiruf 110“ ging es auch passenderweise um Spreewaldgurken.

 Am nächsten Morgen packte ich meine Habseligkeiten zusammen, verließ die Pension und fuhr zum Bahnhof Spandau, wo ich mein Gepäck wegsperrte. Da mein Zug erst am frühen Nachmittag fuhr, hatte ich noch Zeit, um zum Waldfriedhof Heerstraße zu fahren, um Loriot und Ringelnatz meine Aufwartung zu machen. Ich stieg an  der Haltestelle Heerstraße aus, in der irrigen Annahme, dass der Friedhof relativ einfach zu finden sei. Leider fand ich erst mal gar nichts und auch ein Anwohner konnte mir nicht weiterhelfen. Doch eine ältere Dame mit Einkaufstasche erklärte mir den Weg, der mich zu einem Hintereingang des Friedhofs brachte. Später entdeckte ich, dass es einfacher ist, beim Olympiastadion auszusteigen.

 Ein Herr, der auf dem Friedhof arbeitet, erklärte mir, wo Loriots Grab zu finden ist: Etwas unterhalb des Verwaltungsgebäudes, mit Aussicht auf den See. Ich machte mich auf die Socken. Der Waldfriedhof ist ein großer alter Friedhof mit hohen Bäumen. Einerseits ist es sehr stimmungsvoll, andererseits ist es schwer, etwas zu finden, wenn man sich nicht auskennt. Doch bald hatte ich den See gefunden und kurz danach auch – eher zufällig – Loriots Grab. Dort haben zahlreiche Fans gelbe Quietscheentchen und ähnliche Utensilien hinterlassen. Dies hat in der Presse ziemlich Staub aufgewirbelt, da so „die Grabstätte ins Lächerliche gezogen werde“, wie ein Leser der Berliner Zeitung schrieb. Also, ich finde die Enten als Erinnerung an den herrlichen Sketch „Herren im Bad“ („Mit Ihnen teilt meine Ente das Wasser nicht!“) durchaus passend. Etwas grell vielleicht, aber das sind viele Blumengebinde auch.

loriotloriot2

 In derselben Reihe liegt auch der Schauspieler Klaus-Jürgen Wussow. Etwas weiter entfernt ist das Grab des Dichters Joachim Ringelnatz und auch dort finden sich verschiedene „Beigaben“, die an seine Gedichte erinnern, z.B. eine Kachel aus einem Ofen, die Ringelnatz bekanntlich ohne Bedenken seiner Liebsten schenken würde. Ich dachte hier an ein anderes Gedicht: „Die Erde hat ein freundliches Gesicht, so groß, dass man’s von weitem nur erfasst. Komm sage mir…“

 ringelnatz

Nicht weit von ihm entfernt ruht der Arzt Willibald Pschyrembel und Verfasser des „Pschyrembel – Klinisches Wörterbuch“, ein Muss unter den Medizinstudenten. In diesem Nachschlagewerk befindet sich auch ein Eintrag zu Loriots Steinlaus. Damit schloss sich für mich der Kreis, und ich machte mich auf den Weg Richtung Bahnhof.

 Ich hatte sogar noch etwas Zeit für einen kurzen Bummel durch die Spandauer Altstadt, die wirklich goldig ist und zum Wehr.

 spandauspandau3

Dies ist übrigens kein Briefkasten, sondern ein alter Feuermelder, inzwischen allerdings außer Betrieb:

spandau2

Danach kaufte ich noch etwas Verpflegung für die Rückfahrt, hole mein Gepäck und stieg in den Zug. Die Fahrt verlief ohne besondere Vorkommnisse, und als ich bei De Lutte die Grenze passierte, dachte ich: „Home, Sweet Home!“ Es war ein gelungenes Wochenende mit vielen neuen Eindrücken, das sicher mal wiederholt werden kann. Vielleicht fährt der Gatte ja nächstes Mal mit.

Advertisements
Kategorien: Streifzüge | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | 6 Kommentare

Beitragsnavigation

6 Gedanken zu „Streifzüge durch Berlin – Teil 3

  1. Es macht mir immer wieder Spaß Reiseberichte über Berlin zu lesen. Jedes Mal fühle ich mich dann auch ein bisschen wie ein Tourist.
    Akkordeonklänge aus der Luftpumpe – wie schnell man doch falsch liegen kann.
    Ich freue mich, dass es Dir hier gut gefallen hat. Vielleicht klappt es beim nächsten Mal ja mit einem Kaffee.
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende wünscht Elvira

  2. Mi.Ke.

    Scrooge,

    das hast du wieder toll geschrieben, so herrlich plastisch, als wenn man als Leser jeden Schritt auf dem Großstadtasphalt mit dir mitgegangen wäre.
    Ein sehr beeindruckender Rundgang durch die Hauptstadt ist das.

    Meine Hochachtung dazu!

    bockmouth

  3. Janine

    Für den nächsten Kurzurlaub kann ich dir auch nur die city circle tour von Serverin und Kühn empfehlen. Ist eine Stadtrundfahrt quer durch Berlin, wo du an bestimmten Haltestellen jederzeit aussteigen kannst und auch wieder zusteigen. Die Busse fahren in einem gewissen Minutentakt, daher finde ich diese Tour recht praktisch. Nachteil ist das Infos zur stadt über Tonband erfolgen.

    • Wenn das diese gelben Busse sind, dann war ich mit genau mit denen unterwegs. Für einen ersten Überblick gand ich die Tour nicht schlecht. Das mit dem Tonband ist wohl immer häufiger so.

      • Janine

        Ja die gelben Busse sind es 😉 Aber bitte nicht mit der BVG verwechseln 😀

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: