52 Bücher (30) – „Believing the Lie“ von Elizabeth George

Bevor die Arbeit am Pfingstwochenende richtig losgeht, habe ich gerade noch Zeit für das Monsterprojekt. Das Thema dieser Woche lautet: „Es war eine dunkle und stürmische Nacht…“  Und wieder hat Elizabeth George die Ehre, weil es gerade ganz gut passt.

Ihr neuester Roman, „Believing the Lie“ (London, 2012) ist, wie man sieht, erst vor kurzem erschienen, und die deutsche Ausgabe („Glaube der Lüge“) ist laut Amazon für September geplant.

Letzte Woche stieß ich in der Bibliothek zufällig auf dieses Buch. Vor ein paar Jahren noch waren Neuerscheinungen dieser Autorin ständig ausgeliehen, man musste sie reservieren und dann gelegentlich ziemlich lang warten. Und jetzt stand der neueste Band der Lynley-Reihe einfach so im Regal, bevor ich überhaupt von seiner Existenz wusste. Das gibt zu denken. Aber da ich bisher fast alle Lynley-Bände gelesen habe, nahm ich auch diesen mit nach Hause.

Es ist eine dunkle und stürmische Nacht (oder besser ein regnerischer Herbstabend im Lake District, wo es häufig weht und regnet), als Ian Cresswell nach einer Ruderpartie auf dem Lake Windermere im Bootshaus beim Aussteigen auf ein paar lockere Steine tritt, ins eisige Wasser fällt und ertrinkt. Der Leichenbeschauer kommt zwar zu dem Schluss, dass es sich um einen Unfall handelt, aber die Verwandten des Toten, Bernard und Valerie Fairclough, geben sich damit nicht zufrieden. Sie wollen vor allem die Möglichkeit ausschließen, dass der ehemals drogenabhängige Sohn des Hauses, Nicholas, seine Hände im Spiel hat.

Sir Berhnard, der am selben Tag wie Lynleys direkter Vorgesetzter in den Adelsstand erhoben worden war, lässt seine Beziehungen spielen und Lynley wird konspirativ in den Lake District geschickt, wo er als Freund des Hauses unauffällig ermitteln soll. Unterstützt wird er dabei von seinen Freunden Simon und Deborah St. James. Seine Assistentin Barbara Havers, die wahrscheinlich wie der Elefant im Porzellanladen durch das Milieu der Reichen und Vornehmen poltern würde (was wohl nicht nur ich gern gelesen hätte), bleibt in London. Dort gräbt sie eifrig in der Vergangenheit einiger Verdächtiger und tut ihr Bestes, um ihrer und Lynleys direkten Vorgesetzten Isabelle Ardery, einer ziemlichen Schreckschraube, aus dem Weg zu gehen.

Frau Ardery wurde nicht über die Hintergründe von Lynleys geheimer Mission informiert und traut der Angelegenheit gar nicht. Dass sie ein Verhältnis mit Lynley hat, macht die Sache nicht gerade einfacher.  Ach herrjeh, ich verstehe ja, dass Lynley nach dem tragischen Tod seiner Frau etwas Ablenkung braucht, und jeder verarbeitet so einen Verlust auf seine eigene Art, aber dass er es anscheinend so nötig hat, enttäuscht mich schon etwas.

Im Lake District bohrt das Ermittlerteam eine ganze Menge Wespennester an. Der Buchtitel ist Programm – fast jeder hat sich eine kunstvolle Lebenslüge gebaut, an die er und die anderen nur zu bereitwillig glauben. Welche Pläne verfolgt Kaveh, für den Ian Cresswell seine Frau verlassen hat? Was für Sorgen schleppt Ians vierzehnjähriger Sohn Tim mit sich herum? Was für ein Geheimnis hat Nicholas Faircloughs wunderschöne Frau Alatea? Dies sind nur einige der vielen Fragen, die im Lauf des Romans auftauchen.

Der Roman ist deutlich besser als einige seiner Vorgänger, aber zwei klare Minuspunkte hat er doch.

Erstens gibt es wieder zu viele Handlungsstränge, so dass es schwer fällt, bei der Stange zu bleiben. Elizabeth George arbeitet sehr gern mit Cliffhangern und springt, wenn es gerade interessant wird, zu einer anderen Figur. Dies wird zwar oft getan, um die Spannung zu erhöhen, aber wenn es zu viele Handlungen und Personen  gibt, habe ich zumindest am Anfang immer Schwierigkeiten, mir die alle zu merken, und immer, wenn wieder zu einer anderen Figur gesprungen wird, muss ich überlegen, wer das eigentlich war und sehe das als passende Gelegenheit, die Lektüre zu unterbrechen.

Der zweite Minuspunkt ist Deborah St. James. Die Tatsache, dass sie keine Kinder bekommen kann, überschattet seit langem ihre Ehe mit Simon. In manchen Bänden bleibt diese Problematik im Hintergrund, in anderen wird sie unheimlich ausgewalzt, wie hier. Deborah ist der Meinung, dass eine der Hauptfiguren ganz genau dasselbe Problem hat wie sie und dass man der Sache auf den Grund gehen müsse. Sie ist dermaßen in Form, dass sogar Lynley (und mindestens ein Leser) sich fragt, wie Simon es bisher geschafft hat, ihr nicht den Hals umzudrehen. Viel zu spät merkt sie, was sie mit ihrer Sturheit eigentlich anrichtet.

Ohne diese zwei Punkte und mit mehr Handlung für Havers wäre das Buch sicher um einiges besser gewesen, aber auch so war es gute Krimiunterhaltung. Ich hoffe, dass Elizabeth George ihren Tiefpunkt überwunden hat.

Zum Schluss noch ein dicker Pluspunkt: Barbara Havers‘ schnuckliger Nachbar kommt vor!

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2 Gedanken zu „52 Bücher (30) – „Believing the Lie“ von Elizabeth George

  1. Ich bin jetzt erst dabei, das Buch zu lesen. Deine Buchvorstellung bringt die Sache wunderbar auf den Punkt.

    Ich hätte noch zusätzlich zu quengeln, dass die Leute dort praktisch in der Internet-Steinzeit leben. Würden sie mal in eine Suchmaschine gucken und notfalls ein Übersetzungsprogramm bemühen, wenn sie dabei auf ausländische Seiten stoßen, wären manche Missverständnisse gar nicht erst aufgekommen. Deborah wäre ratzfatz mit ihrer Geschichte aufgeflogen, hätte nach London zurückfahren müssen und uns nicht weiter genervt.

    Dass sie sich aufregt, wenn ihr Ehemann in so einem väterlich-herablassenden Ton mit ihr spricht, verstehe ich. Würde mich auch nerven. Andererseits: Was führt sie sich auch auf wie ein Kleinkind in der Trotzphase?

    • Danke. Stimmt, der Internetaspekt ist mir gar nicht so aufgefallen, obwohl ich ja auch täglich damit rumwurschtel.

      Es ist mir schon lange ein Rätsel, wie die Ehe der St. James‘ so lange halten konnte, mit dem ganzen Gepäck, dass die beiden mit sich rumschleppen. Und ich habe auch nicht den Eindruck, dass die beiden an ihren Schwierigkeiten wachsen, wie Helen und Lynley früher drehen sie sich endlos im Kreis. Eine Beziehung oder Ehe, bei der die Partner einfach gemütlich zusammenleben, weil sie gelernt haben, sich zu akzeptieren, wie sie halt sind, scheint es bei E.G. wohl nicht zu geben, jedenfalls kann ich mich an keine erinnern.

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