Birdie und andere Amseln

Vorgestern abend lag eine junge Amsel auf unserer Terrasse. Wahrscheinlich war sie gegen die Scheibe geflogen, denn sie lag etwas benommen da. Wir richteten einen Karton her, um sie eventuell zum Tierarzt zu bringen, doch als wir uns näherten, war sie wie der Blitz unter einem Kasten mit Gartengeräten verschwunden. Wir beschlossen, erst einmal abzuwarten und stellten etwas Wasser und Vogelfutter auf die Terrasse.

Am nächsten Morgen war sie aus ihrem Versteck hervorgekrochen, aber es schien ihr noch nicht besonders gut zu gehen. Also rief ich die Tierambulanz an, wo mir ein freundlicher Herr erklärte, dass so etwas durchaus eine Weile dauern könne: „Sie müssen sich das so vorstellen: Wenn Sie in vollem Tempo irgendwo dagegen rennen, sind Sie auch nicht gleich wieder topfit. Locken Sie die Amsel an eine ruhige Stelle im Garten, stellen Sie ein Schälchen mit Wasser hin und warten Sie ab. Wenn es nicht besser wird, rufen Sie nochmal an.“

Birdie, wie wir sie nannten, hatte sich unter die Brombeersträucher zurückgezogen. Im Lauf des Tages kam sie gelegentlich hervor, fraß ein paar Brombeeren, suchte im Gras nach Würmern, zerrte an den Waldmeisterpflanzen, versuchte zu den Nachbarn abzuwandern und ließ hin und wieder etwas fallen.

Dass ich mich glegentlich im Garten aufhielt, schien sie nicht zu stören. Doch das Laufen und Hüpfen fiel ihr nicht leicht, und mit dem Fliegen wollte es gar nicht klappen.

Also rief ich heute morgen noch einmal bei der Tierambulanz an. Vorhin haben sie Birdie abgeholt und in eine Vogelauffangstation gebracht, wo sie gut versorgt werden wird. Hoffentlich klappt es auch mit dem Fliegen bald wieder!

Mit Amseln haben wie sowieso schon einiges erlebt. Wir hatten zum Beispiel einmal einen alleinerziehenden Vater. Manchmal haben wir in der Kletterpflanze an der Vorderseite ein Amselnest. Vor ein paar Jahren waren die Jungen gerade geschlüpft, und es ging zu wie am Stachus. Doch als der Gatte nach der Arbeit nach Hause kam, schoß die Mutter aus dem Nachbargarten und knallte gegen sein Fahrrad, was sie leider nicht überlebt hat. Der Vater suchte zwar erst noch eine Weile, doch dann widmete er sich dem Füttern der Jungen. Wir hängten einen Behälter mit Vogelfutter an den Baum vor dem Nest, um ihm die Arbeit leichter zu machen. Es schien zu funktionieren, aber wieviele Junge überlebt haben, konnten wir leider nicht feststellen.

Und einmal beobachteten wir beim Frühstück, wie zwei Amseln die Pflanze auf ihre Nestbautauglichkeit überprüften: Sie hüpften in den Gabelungen herum, schleppten etwas Material an und flatterten eifrig hin udn her. So weit, so gut, nur wenn mich mein ornithologisches Halbwissen nicht völlig im Stich ließ, handelte es sich um zwei Männchen. Fragen über Fragen: Waren die beiden ein Paar, oder hatte der Hausherr seinen Kumpel oder Schwager mitgebracht, weil Frauen ja von sowas nichts verstehen?

Interessanterweise schritten die Nestbauarbeiten fort, und nach einiger Zeit stellte sich tatsächlich Nachwuchs ein. Entweder war das Weibchen einfach untypisch dunkel oder es waren tatsächlich zwei Herren, die ein Abkommen mit einem Kuckuck geschlossen hatten.

Kategorien: Ganz "normaler" Alltag | Schlagwörter: , , , , , , | 7 Kommentare

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7 Gedanken zu „Birdie und andere Amseln

  1. Die Kleine ist ja süß.
    Dieses Jahr halten mich die Amselküken bzw. jungen Amseln auch ganz schön auf Trab. So jung sind die ja auch noch etwas transusig unterwegs.

    • Stimmt, an deine Transuse habe ich dabei auch gedacht. Ich war froh, dass es bei uns in der Gegend relativ wenig Katzen gibt, hier wohnen mehr Hundeliebhaber.

      Goldig war die Kleine schon, und irgendwie geht sie uns schon etwas ab.

  2. Zwei Herren, die ein Abkommen mit einem Kuckuck geschlossen hatten – das ist de krönende Abschluss meines heutigen Tages. wie wunderbar, mit einem Lächeln ins Bett gehen zu können. Danke! Ach, ja, zu Amseln habe ich eine ganz persönliche, enge Beziehung. Sie sind meine absoluten Lieblingsvögel.
    Libe Gute-Nacht-Grüße von Elvira

  3. Sehr schön beschrieben – musste breit grinsen. Hast Du noch was von „Birdie“ gehört?

    • Leider nicht. Aber vielleicht besucht sie uns irgendwann noch mal. Sie scheint sich ja in unserem Garten ganz wohl gefühlt zu haben.

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