Ein Nachmittag im Museum

Am Innenstadtring steht – schon sehr lange – das Rijksmuseum Twenthe. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich noch nicht oft dort war, obwohl ich auf Reisen ein begeisterter Museumsbesucher bin. Aber wie es mit den kulturellen Einrichtungen in Wohnortnähe halt so ist – sie laufen ja nicht weg, und man kann ja irgendwann immer noch mal hin…

Doch dieses Jahr trafen zwei niederschmetternde Nachrichten das Museum: Erst sollten die staatlichen Subventionen drastisch gekürzt werden, und dann kam der Kulturrat zu der Schlussfolgerung, dass man es doch auch gleich schließen könne. Grund genug für den neuen Direktor Arnoud Odding, alle Hebel in Bewegung zu setzten, um das Existenzrecht des Museums zu beweisen. Dies führte zu einer gründlichen Umräumaktion, vier neuen Ausstellungen und dem Festival „Herfsttooi 2.0 – Festival van de verbeelding“, das an diesem Wochenende stattfindet. Ein anonymer Sponsor hat es ermöglicht, dass der Eintritt an diesem Wochenende frei ist, doch der Glaskasten für freiwillige Spenden war gestern abend auch schon gut gefüllt.

„Herfsttooi“ bedeutet „Herbstschmuck“ und erinnert an das Blumenschmuckfestival, das in den 60er und 70er Jahren traditionsgemäß im Oktober dort stattfand. Eine Besucherin, die gestern während eines Vortrags neben mir saß, hatte es als Kind noch erlebt und erzählte mir begeistert davon. „Verbeelding“ hat mehrere Bedeutungen, nämlich „Fantasie, Einbildung und Darstellung“, die alle drei passen.

Der Zeitpunkt des Festivals ist leider ein bisschen ungünstig gewählt, da dieses Wochenende auch die immer sehr gut besuchte Military in Boekelo stattfindet. Trotzdem folgten gestern ungefähr 800 Besucher dem Vorbild des Kolumnisten Toon Mesman, der feststellte, dass er auch nächstes Jahr wieder die Wahl zwischen Museum oder Pferdesport haben möchte.

Volgende vier Ausstellungen wurden gestern eröffnet:

Het ideaal als werkelijkheid: Landschaften aus mehreren Jahrhunderten, aus der eigenen Kollektion und aus der des Mauritshuis in Den Haag, das gerade umgebaut wird und seine Werke ausgelagert hat.

De drie smaken van Jop: Hier durfte Jop Ubbens, der Direktor des Auktionshauses Christie’s in Amsterdam, einen Traum verwirklichen und seine eigene Ausstellung zusammenstellen. Dabei spielen seine drei Identitäten – Kunsthistoriker, Auktionator und Privatperson – eine große Rolle.

Rewind: Hier geht es um die Darstellung der Geschichte in historischen Gemälden und und Filmszenen wie z. B. „Troy“ oder „Ben Hur“.

Spelen op de grens van het onmogelijke: Videokunst und interaktive Installationen von Studenten der Kunstakademie. Hier kann man z. B. auf einem Bildschim sehen, wie man von oben aussieht – recht ungewohnt natürlich.

Gestern habe ich es nur geschafft, kurz durchzugehen, da in der „Huiskamer van de verbeelding“, dem Wohnzimmer der Phantasie, ebenfalls eine Menge geboten war. Im Gobelinsaal stehen zahlreiche Sofas und Wohnzimmertische, wo man Platz nehmen und sich Vorträge, Gesangsdarbietungen und Präsentationen zu Gemüte führen kann. Durch das Programm füht Schauspieler Laurens ten Den, der das Publikum willkommen heißt, mit Knabbereien herumgeht und natürlich die Auftritte ankündigt und moderiert.

Auch hier habe ich nicht alles gesehen, aber die Präsentation des Künstlers und Sammlers Pet van der Luijtgaarden z. B. hat mir gut gefallen. Der Mann hat eine Menge Sammelgebielte, von Playmobilfiguren über Eierbecher bis zu Stofftieren und Mützen aller Art. Oft gestaltet er Kunstwerke aus diesen Sammlungen. So gibt es ein Foto von ihm selbst als Gulliver, am Boden festgebunden und umgeben von seinen Playmobilfiguren. Bevor er seinen Vortrag hielt, wurde das Publikum gewarnt, dass er Hals über Kopf abhauen könnte, da er in Kürze Vater würde. Das war nicht notwendig, und ich hoffe natürlich sehr, dass alles gut gegangen ist.

Die Präsentation von Wessel Westerveld, der Geräusch- und Musikinstallationen aus Teilen von Fahrrädern, Nähmaschinen und Zentrifugen bastelt, war mir leider etwas zu theoritisch. Etwas weniger erklären und mehr vorführen wäre hier wohl besser gewesen. Der Auftritt einiger Mitglieder der Reisopera, die ebenfalls drastisch abspecken müssen, hat mir sehr gut gefallen.

Abschluss des gestrigen Tages war die offizielle Eröffnung der neuen Ausstellungen durch den Parteivorsitzenden von D66, Alexander Pechtold, der zwar zusagte, das Museum so gut wie möglich zu unterstützen, aber da seine Partei wohl nicht in die neue Regierung kommt, reicht sein Einfluss wohl nicht weit genug. Aber auch wenn es keine finanzielle Hilfe werden kann, auch moralische Unterstützung kann dem Museum sicher helfen.

Was das Kürzen der Subventionen betrifft, habe ich ein zwiespältiges Gefühl dabei: Einerseits hat die vorige rechtsliberale Regierung gar nicht so Unrecht, wenn sie sagt, dass kulturelle Einrichtungen auch selbst aktiv werden, aus ihrer Komfortzone kommen und neue Dinge ausprobieren sollten, um sich selbst so weit wie möglich zu finanzieren. Was das betrifft, ist Arnoud Odding sicher auf einem guten Weg. Andererseits kann es aber auch nicht sein, dass man diesen Einrichtungen jede Lebensgrundlage entzieht, denn dann wird wahrscheinlich nur noch der kleinste gemeinsame Nenner gesucht werden, und es werden überall allgemein wohlgefällige Dinge wie das „Phantom der Oper“ zu sehen sein. Irgendwo muss es doch einen Mittelweg geben, denn Kunst und Kultur sind keineswegs nur „linke Hobbys“,  wie es das vorige Kabinett durch die Gegend zu tröten pflegte.

Ich habe mir fest vorgenommen, demnächt wieder ins Museum zu gehen und mir die Ausstellungen in aller Ruhe anzuschauen, auch wenn der Eintritt dann nicht frei ist.

Zum Schluss noch eine nette Spielerei, die an diesem Wochenende angeboten wurde: Ich bin Teil eines Gemäldes!

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Kategorien: Literarisches und Kulturelles | Schlagwörter: , , , , , , , | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Ein Nachmittag im Museum

  1. Kilpikonna

    Die Museen in Helsinki haben wir ja (bis auf das Freilichtmuseum, das Ende August immer schon schließt) bislang auch ausgelassen. Solange es das Wetter zulässt, dass man sich gerne länger draußen aufhält, wollen wir die Möglichkeiten nutzen. Unter der Woche war es in letzter Zeit oft schon schmuddelig, aber dann am Wochenende zum Glück noch sonnig. Insofern hoffe ich einfach mal, dass uns hier auch nichts wegläuft…
    Subventionen sind vor allem beim Anhaltischen Theater bzw. insgesamt in Dessau ein heißes Thema. Da wird „gerne“ mal mit der Rasenmähermethode gekürzt, ohne ein echtes Konzept dahinter. Und das ist es, was mich stört: Die Politiker wollen nicht entscheiden, wem sie mehr ins Fleisch schneiden und daher bekommen alle etwas weniger. Wenn sich die Bürger dann einmischen und somit Schwerpunkte setzen wollen, ist es den Damen und Herren auch wieder nicht so ganz geheuer… Aber so ist doch kein Staat und genauso wenig eine Stadt zu machen.

    • Gibt es in Finnland auch so viele Freilichtmuseen? In Norwegen sind die sehr beliebt.

      Das Festival wurde jedenfalls sehr positiv aufgenommen, am Sonntag war es sogar noch voller als am Samstag. Nur in unserer Tageszeitung melden sich wieder diese „zuurpruimen“ zu Wort, die zwar nicht da waren, aber trotzdem die Schliessung fordern, weil es dort so langweilig ist. 😦

  2. Pingback: Een bezoek waard: Rijksmuseum Twenthe | Petra's taal- en cultuurblog

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