52 Bücher (36) – „The Light of Amsterdam“ von David Park

Bevor das Monsterprojekt in die nächste Runde geht, möchte ich noch ein paar Themen der letzten Runde abarbeiten. Ein Thema, das ich noch nicht bearbeitet habe,  lautet: Das unbekannteste Buch, was der jeweilige Teilnehmer je gelesen hat.

Ich hatte ja schon mal erwähnt, dass unsere Bibliothek umgebaut hat. Die Raumgestaltung ist offener, die Regale niedriger und es gibt gemütliche Sitzecken. Aber das Wichtigste ist der Übergang zum Frontal-Display. Man sieht einen größeren Teil der Bücher jetzt von vorne, und ich entdecke dabei immer wieder Titel und Autoren, auf die ich so nie gekommen wäre, weil sie irgendwie nicht in mein Suchraster passen. Einer dieser Autoren ist David Park, und sein Roman „The Light of Amsterdam“ (London, 2012)  ist erst letztes Jahr erschienen, so dass man mit Fug und Recht von einem unbekannten Buch sprechen kann.

lightofamsterdam

Es ist Vorweihnachtszeit in Belfast, und drei unterschiedliche Gruppen von Leuten machen sich auf, um ein verlängertes Wochenende in Amsterdam zu verbringen, alle aus unterschiedlichen Gründen.

Einer der Reisenden ist Alan, Universitätsprofessor für bildende Kunst, der zu einem Bob-Dylan-Konzert möchte, so lange man den Sänger noch live erleben kann. An seiner Hochschule wird, wie überall, reorganisiert, und sein Abteilungsleiter hat ihm zu verstehen gegeben, dass Alan mal wieder etwas publizieren oder künstlerisch schaffen sollte, um seine Stelle behalten zu können. Alan denkt über einen Artikel über Van Gogh und Gauguin nach und erhofft sich Inspiration in der niederländischen Hauptstadt mit ihren vielen Museen.  Seine geschiedene Frau hat allerdings ebenfalls Pläne für dieses Wochenende, und so muss Alan seinen pubertierenden Sohn Jack mitnehmen. Dieser hat die Scheidung seiner Eltern nur schlecht verkraftet und zieht sich völlig in sich selbst zurück.

Dann ist da das etwas ältere Ehepaar Marion und Richard, die ein gutgehendes Gartencenter haben. Richard hat diese Reise organisiert, weil er meint, dass eine kurze Pause vor dem Weihnachtsstress ihnen guttun würde, doch Marion macht sich Sorgen um ihre Ehe. Warum hat Richard ihr ausgerechnet ein Jahresabo für das Fitnessstudio geschenkt? Findet er sie nicht mehr attraktiv genug? Ist sein Interesse an der jungen polnischen Mitarbeiterin wirklich nur kollegialer Natur? Und wenn er nicht schon fremdgeht, hat er es dann in nächster Zeit vor? In Amsterdam will Marion sich ein für allemal darüber Gewissheit verschaffen.

Die dritte Gruppe besteht aus Karen, ihrer Tochter Shannon und deren Freundinnen, die Shannons Junggesellinnenparty in Amsterdam feiern wollen, und zwar als Indianerinnen verkleidet. Karen gefällt das Ganze zwar nicht, aber ihre Tochter hat sie nun einmal eingeladen. Als der Abend schon recht weit fortgeschritten und keiner mehr nüchtern ist, kommt es zu einem fürchterlichen Streit zwischen Karen und Shannon. Karen, die ihre Tochter allein aufgezogen hat und zwei Arbeitstellen (tagsüber Altenpflege und nachts putzen) kombiniert, um die Hochzeit ihrer Tocher zu finanzieren, muss erfahren, dass Shannon schon seit einem Jahr Kontakt zu ihrem Vater hat. Dieser Verrat macht ihr schwer zu schaffen. Im Rijksmuseum sieht sie das Bild „Brieflesende Frau“  von Johannes Vermeer, in dem sie sich selbst wieder erkennt, denn auf dieselbe Weise hat sie erfahren müssen, dass ihr damaliger Freund sich der Vaterschaft nicht gewachsen fühlte.

Immer wieder begegnen diese drei Gruppen sich in der Stadt, und zwischen Alan und Karen, deren Kreise sich in Belfast wohl nicht berührt hätten, entsteht eine ganz vorsichtige Freundschaft.

Nicht nur die Handlung, deren Aufbau mich ganz entfernt an „Eilandgasten“, das ich als erstes Buch beim Monsterprojekt vorgestellt habe erinnert, macht den Roman so lesenswert. Auch die Personen sind unheimlich lebensecht gezeichnet und lassen einen nicht kalt. Shannon ist einfach ein „spoiled brat“ und man möchte sich durchaus solidarisch mit Karen erklären, die schwer enttäuscht von ihrer Tochter ist. Andererseits hat aber sie das Mädchen doch erzogen… Und darüber hinaus hat David Park einen Schreibstil, den ich zum Niederknien schön finde!

So sinniert z. B. Marion über die jungen Mädchen, die trotz des kalten Wetters in kurzen Röcken herumlaufen: „But every other girl who passed them seemed to have snubbed her nose at the growing cold of the evening and was dressed in a skimpy skirt and a low-cut top. A few wore light shawls but the only people in coats were those of their age. It served to divide them into spectators and participants. And she could see already that there were lots of people like them, just strolling and looking while behind the windows of restaurants and bars there was the rising tide of life.“ (S. 133)

Eine andere Stelle ist, wenn Marion den Leuten auf dem Museumplein beim Eislaufen zuschaut: „And above all she wanted to be light, untrammelled with the weight of worries that tried to cling to her like a coat sodden with rain.“ (S. 216)

Und gegen Ende des Romans nach einem ziemlich enttäuschenden Konzert, sieht Alan ein, dass diese Reise keine Wiederholung der Reise in seiner Studienzeit, seinem „summer of love“ werden konnte: „There was a sad stillness about the city which intensified his feeling that his journey was a requiem.“ (S. 337)

Das ist das erste Buch, das ich von Davis Park geelsen habe, und ich werde sicher noch mehr von ihm lesen. Ich denke, er hat das Zeug, einer der großen „Irish Writers“ zu werden.

Kategorien: 52 Bücher 1 - 3, Literarisches und Kulturelles | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | Ein Kommentar

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