Wir tappen im Dunkeln

Es war ein bewölkter Samstagnachmittag. Ich hatte es mir gerade mit meinem Buch im Wohnzimmer gemütlich gemacht, als gegen halb vier plötzlich die Leselampe ausging. Und nicht nur die, auch die Heizung, das Radio, den Kühlschrank und einiges mehr. Nur die alte Großvateruhr an der Wand tickte noch, denn die braucht ja keinen Strom.

Glücklicherweise ist es um halb drei noch einigermaßen hell, so dass man Kerzen, Taschenlampen und dergleichen suchen kann, ohne sich den Hals zu brechen. Wir machten ein gemütliches Feuer im Ofen, den wir vor einiger Zeit eben aus diesem Grund hatten einbauen lassen. Und vor ein paar Jahren hatte der Gatte mal ein Radio gekauft, das nicht mal eine Batterie braucht, sondern bei dem man immer wieder mal kurbeln muss, und dann läuft es eine Weile. So konnten wir doch informiert bleiben.

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Im Laufe der nächsten Stunden erfuhren wir, dass im Umspannwerk bei uns in der Nähe Feuer ausgebrochen war, und dass ca. 22.000 Haushalte im Norden und Osten der Stadt keinen Strom hatten. In der Stadt funktionierten zahlreiche Ampeln nicht mehr, und die Feuerwehr musste immer wieder ausrücken, um Leute aus Liften zu befreien. Ich weiß schon, warum ich diese Dinger meide.

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(Das Foto des Umspannwerks habe ich erst heute gemacht. Dafür, dass das Gebäude innen komplett ausgebrannt ist, haben sie das doch beachtlich schnell wieder hingekriegt. Hut ab!)

Anscheinend verlief die Grenze genau durch die Innenstadt – in zahlreichen Geschäften und Restaurants ging gar nichts mehr, während andere von der Situation profitierten. Der Inhaber eines Schuhgeschäfts erzählte, dass er erst nichts von dem Stromausfall mitgekriegt und sich nur über die ungewöhnlich zahlreiche Kundschaft gefreut hatte. Erst als er seinen Laden schließen wollte, fiel ihm auf, dass die großen Warenhäuser dunkel und verlassen waren. Einem Juwelier hingegen blieb nichts anderes übrig, als in seinem Laden zu bleiben, da er weder die Rollläden schließen noch den Alarm einschalten konnte.

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Nach etwas zwei Stunden waren etwa 1700 Haushalte „umgeleitet“ worden und hatten wieder Strom. Dies betraf vor allem einige Alten- und Pflegeheime. Andere Heime hatten jedoch nicht so viel Glück, dort musste das Personal eine extra Schicht einlegen, da natürlich die Lage entsprechend unruhig war. Die elektronischen Türen funktionierten nicht mehr, so dass jeder freie Bahn hatte. Das Krankenhaus, von dem ich nicht weiß, ob es betroffen war, verfügt ja zum Glück über einen eigenen Generator.

Nach einer Weile wurde es dunkel in der Straße, und damit meine ich richtig dunkel, denn die paar Kerzen, die man in den Fenstern sah, richteten nicht allzuviel aus. Und es war sehr still. Wir stellten eine Kerze ins Fenster, so dass die Nachbarn sehen konnten, dass wir da waren, falls jemand etwas braucht, und gingen gelegentlich vor die Tür. Doch alles schien soweit gut zu sein.

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Im Wohnzimmer hatten wir auch eine Laterne aufgehängt, die normalerweise im Garten hängt, und zusammen mit zahlreichen Kerzen war es halbwegs hell. Der Mensch ist ja wirklich ein Gewohnheitstier, denn jedes Mal, wenn wir mit der Taschenlampe bewaffnet in einen anderen Raum tappten, betätigten wir trotzdem den Lichtschalter, auch wenn es nichts half. Ein paar mal schlichen wir auch beide mit der Taschenlampe durchs Haus und erschraken gebührend, wenn wir uns über den Weg liefen. Wir würden ein schönes Einbrecherduo abgeben!

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Nachdem wir eine Weile Scrabble beim Kerzenschein gespielt hatten, bekamen wir Hunger und überlegten, wie man den Kühlschrank strategisch leeressen konnte: Als erstes musste der Fisch dran glauben, dann noch ein Rest Eis. Das war zwar gegen meine guten Vorsätze, aber doch irgendwie für einen guten Zweck. Der Gasherd funktionierte problemlos, also hatte Peter den Campingkocher ganz umsonst rausgekramt. Wir beschlossen, zum Essen lieber Weißwein zu trinken, da es dann nicht so schlimm ist, wenn man etwas verschüttet. Die Idee war nicht schlecht, denn als ich gerade beim Einschenken war, lief der Gatte natürlich mit der Taschenlampe weg.

Unser Radiosender hielt uns den ganzen Nachmittag gut auf dem Laufenden: Nach einer Weile war das Feuer gelöscht, aber die Techniker konnten wegen der Rauchentwicklung noch nicht hinein. Man sendete Interviews mit dem Direktor des Netzbetreibers, der persönlich vor Ort war, mit dem Bürgermeister, der ja keine Gelegenheit auslässt, um in den Medien zu erscheinen, und einigen Passanten, die alles nicht so schlimm fanden.

Doch um neun Uhr waren die Leute vom Radio anscheinend nach Hause gegangen, denn man bekam nur noch die Standardmeldungen der landesweiten Nachrichten zu hören, die sich in den nächsten Stunden auch nicht änderten. Das ist schon etwas schwach, ein vernünftiger Journalist bleibt bei sowas doch dran! Und die Musikauswahl hätte man auch entsprechend gestalten können, fiel uns ein. Wir trugen ein paar Lieder zusammen, die man bei so einer Gelegenheit spielen könnte:

– Where were you when the lights went out aus dem gleichnamigen Film mit Doris Day
– Guus Meeuwis, Brabant (wegen der Zeile: En dan denk ik aan Brabant, want daar brandt nog licht)
– Elton John, Candle in the Wind
– Eurithmics, When Tomorrow Comes
– Katrina and the Waves, Love Shine a Light
– Dire Straits, Money for Nothing (weil die ganzen Geräte doch nicht funktionieren)
– Juliane Werding, Geh nicht in die Stadt heut Nacht
– Beatles, Here Comes the Sun
– Rob de Nijs, Zet een kaars voor je raam
– Nena und Markus, Kleine Taschenlampe, brenn
– Sting, Moon over Bourbon Street
– Reinhard Mey, Gute Nacht, Freunde
– Simon and Garfunkel, Sound of Silence

Selbstverständlich gibt es noch viel mehr, und Vorschläge können auch gerne in den Kommentaren hinterlassen werden. 😉

Nach elf Uhr gingen wir schlafen. Um halb zwei wurden wir plötzlich von dem Stromradio geweckt, dass recht laut vor sich hin krächzte. Außerdem brannte das Licht im Flur. Tatsächlich, der Strom war wieder da! Nach einer Kontrollrunde durchs Haus schnappte ich mir mein Buch, um meine üblichen fünf Minuten zu lesen, denn sonst kann ich nicht einschlafen.

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Kategorien: Ganz "normaler" Alltag | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Wir tappen im Dunkeln

  1. Lazy Sunday (saturday) afternoon (Small Faces)
    Es wird Nacht Senorita (Udo Jürgens)
    Mehr fällt mir spontan nicht ein. Das Radio ist ja phantastisch!!!
    Liebe Grüße von Elvira

  2. Man ist so gewöhnt an die Segnungen der Zivilisation, dass man rumtappt wie ein Huhn ohne Kopp, wenn’s denn mal nicht funktioniert. Wir hätten weder Information (kein Kurbelradio) noch was Warmes zu essen (kein Gasherd). Nicht mal Kerzen (Katzenhaushalt). Immerhin Taschenlampen (nur keine Ahnung, wo!). Da kann man nur hoffen, dass die Jungs das Umspannwerk im Falle eines Falles schnell wieder flottkriegen.

  3. Danke, Elvira! 🙂
    An anderer Stelle wurde mir noch „Shine a Light“ von den Rolling Stones angetragen.

    @ Edith: Ja, das war schon sehr konfrontierend. Der Gatte möchte jetzt ein Notpaket für solche Fälle zusammenstellen, damit man nicht erst ewig suchen muss. Ich war ja heilfroh, dass ich mein Zeugs für Montag vorher ausgedruckt hatte und so relativ entspannt bleiben konnte. So pünktlich bin ich sonst selten.

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