52 Bücher (27) – „Sarah’s Key“ von Tatiana de Rosnay

Mein (vorläufig) letzter Beitrag zum ersten 25-Bücher-Projekt, da ja nächste Woche die zweite Runde beginnt, beschäftigt sich mit dem Thema Nationalsozialismus.

sarah's key

Kurz vorneweg: Der Roman „Sarahs Key“, (New York, 2007), im französischen Original „Elle s’appelait Sarah“, auf Deutsch „Sarahs Schlüssel“, ist wirklich keine leichte Kost, und das kann es bei dem Thema auch nicht sein. Es ist ein Roman über und gegen das Verdrängen, Totschweigen und Vergessen, was auch den Momos in ihrem Blog „Mensch lebt nur einmal“ sehr am Herzen liegt.

Paris, 16. Juni 1942, ein Tag, der das Leben der zehnjährigen Sarah für immer verändert. An diesem Tag werden nämlich im Rahmen einer Großrazzia fast 13000 Juden, darunter ungefähr 4ooo Kinder, gefangengenommen und in die Radsporthalle „Le Vélodrome d’Hiver“ gebracht. Während die Polizisten mit Sarahs Mutter beschäftigt sind, schließt Sarah ihren vierjährigen Bruder Michel in einem geheimen Schrank ein, der ihnen schon öfter als Versteck gedient hat. Sie verspricht ihm, so schnell wie möglich zurück zu kommen und ihn heraus zu lassen. Doch es kommt ganz anders.

Sarah wird mit ihren Eltern erst mehrere Tage unter erbärmlichen Umständen in der Radsporthalle festgehalten, bevor sie über das Lager Drancy nach Beaune-la-Rolande gebracht werden. Dort trennt man die Eltern von den Kindern, um sie nach Auschwitz zu bringen. Die Kinder bleiben im Lager zurück. Sarah hat noch immer den Schlüssel in ihrer Tasche und will unbedingt zurück nach Paris, um ihrem Bruder aus dem Schrank zu lassen. Zusammen mit Rachel, einer Mitgefangenen, gelingt ihr die Flucht.

Auf einem abgelegenen Bauernhof in der Nähe von gewährt das freundliche ältere Ehepaar Dufaure ihnen Unterschupf. Für kurze Zeit scheinen sie in Sicherheit zu sein, doch dann wird Rachel krank, und sie müssen einen Arzt holen…

Knapp sechzig Jahre später erhält die amerikanische Journalisten Julia Jarmond den Auftrag, die Geschehnisse rund um „Vel d’Hiv“ zu recherchieren und zum Jahrestag der Razzia einen Artikel zu schreiben. Das Finden von Material und Zeugen ist nicht gerade einfach, da die über Rolle der Pariser Bürger während der deutschen Besetzung nicht gern gesprochen wird. Auch die Gedenktafeln, so es sie denn gibt, sind distanziert: Es wird über „Nazi-Verbrechen“, „Verbrechen des Hitler-Regimes“ gesprochen, als ob nicht die zahlreichen Mitläufer die schlimmen Geschehnisse erst möglich gemacht hätten, wie Julia und ihr englischer Kollege finden. Erst zum sechzigsten Jahrestag der Razzia scheint diese Haltung, auch durch eine sehr bewegende Rede des Präsidenten Chirac, langsam aufzubrechen.

Bei ihren Recherchen stößt Julia auch auf die Geschichte von Sarahs Familie und erhält Hinweise, dass auch ihre französischen Schwiegereltern und deren Eltern irgendwie damit zu tun hatten. Die Fragen, was passiert ist und aus Sarah geworden ist, lassen sie nicht mehr los.

Ihre Nachforschungen spalten die Familie in zwei Lager: Die einen, darunter auch ihr Mann Bertrand, sind der Meinung, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte, es sei ja schließlich schon so lange her, und über manche Dinge spricht man besser nicht. Die anderen, allen voran ihr Schwiegervater Edouard, mit dem sie sich bisher nicht besonders gut verstanden hatte, sind froh, dass sie endlich über die schlimmen Geschehnisse dieser Zeit sprechen dürfen.

Diese Geschichte und Julias unerwartete Schwangerschaft stellen ihre Ehe auf eine harte Probe: Bertrand hatte sich zwar lange noch ein zweites Kind gewünscht, doch jetzt steckt er in einer Midlife-Crisis, suhlt sich in Selbstmitleid, will kein alter Vater sein und stellt sie vor das Ultimatum: Entweder sie bricht die Schwangerschaft ab oder ihre Ehe ist zu Ende. Man möchte Julia am liebsten zurufen: „Wenn du tatsächlich darauf eingehst, wirst du es dir und ihm nie verzeihen, und dann ist eure Ehe ebenfalls im Eimer.“

Letzten Endes geht Julia ihren Weg und tut, was sie tun muss, auch wenn es manchmal für sie und andere sehr schmerzhaft ist.

Auf die Frage, warum sie nach so langer Zeit noch nach Sarah suchen will, antwortet sie, dass sie ihr sagen möchte, dass es ihr leid tut: „[Im‘] sorry for not knowing. Sorry for being forty-five years old and not knowing.“ (S. 192) Und genau darum geht es in diesem Roman über gegen das Verdrängen, Totschweigen und Vergessen.  Und deshalb braucht es immer noch solche Bücher.

Advertisements
Kategorien: 52 Bücher 1 - 3 | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Beitragsnavigation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: