Nochmal 52 Bücher (9) – „Slow Coast Home“ von Josie Dew

Nochmal 52 Bücher

Nachdem ich – mal wieder wegen Vielzutun, Weniglust und Dauermüdigkeit – zwei Wochen ausgelassen habe, geht es jetzt weiter mit Woche 9. Das Thema ist etwas außergewöhnlich, und es haben sich wohl schon einige die Zähne dran ausgebissen: Regenbogen.

Tja, ein Buch mit einem Regenbogen im Titel fällt mir gerade nicht ein, und auch keins, das irgendwie um einen Regenbogen geht. Vielleicht sollte ich meine Bücher im Regal mal nach Farben sortieren und so einen schönen Regenbogen basteln. Aber da ich im Moment keine Zeit und noch weniger Lust zum Auf- und Umräumen habe, wird um die Ecke gedacht, jawohl!

slowcoasthome

Das Ergebnis meiner angestrengten Überlegungen ist der Reisebericht „Slow Coast Home“ der Engländerin Josie Dew (London, 2003). Auf Deutsch gibt es dieses Buch anscheinend nicht.

Josie Dew ist von Beruf Köchin, Radfahrerin und Schriftstellerin. Mit schöner Regelmäßigkeit stürzt sie sich in höchst abenteuerliche Radreisen in ferne Länder (Japan, USA, Neuseeland etc.) und berichtet dann ausführlich und mit entwaffnender Ehrlichkeit über ihre Erlebnisse und Pannen.

 Diesmal hatte sie eigentlich schon ihre Neuseelandreise geplant, doch die Renovierung ihres Häuschens und der Bauarbeiter Gary, in den sie sich verliebt, machen ihr einen Strich durch die Rechnung. Gemeinsam fahren ging nicht, denn „at the eleventh hour the builder had to keep building“, und allein will sie auch nicht mehr ans andere Ende der Welt. Aber radfahren – das muss doch sein, und so beschließt sie, Großbritannien zu umrunden und dabei so gut wie möglich dem Küstenverlauf zu folgen. Auf dieser gut siebenmonatigen Reise war das Wetter für britische Verhältnisse ziemlich normal, d.h. sie kriegt eine Menge Regen. Und wo Regen ist, sieht man ja auch gelegentlich mal Regenbogen. 🙂

 Am 25. April verlässt sie ihr Häuschen in Milland, verabschiedet von einem überwältigenden Abschiedskommitee, nämlich ihren Eltern und der Nachbarin. Erst ging es nach Süden bis an die Küste, danach westwärts, da sie im Uhrzeigersinn fahren wollte. Tut man das nicht, begegnet man nämlich unterwegs dem Teufel, wie die schottische Großmutter eines Freundes ihr erklärte.

 Mit einem etwas unlogischen Umweg über Oxford erreicht sie die Küste. Unterwegs macht sie zusammen mit ihrem Builder, der gerade eine Weile Zeit hat, einen Abstecher nach Frankreich, dann umrundet sie zusammen mit ihrer Mutter die Isle of Wight. Sie kommt bis Land’s End, wo sie wegen einer Knieverletzung aufgeben und sich von Muttern abholen muss.

Monate später geht die Reise weiter, aber diesmal in Gegenrichtung, der Teufel kann ihr gestohlen bleiben. Die geplante Schottlandumrundung streicht sie irgendwann aus dem Programm, da die Reise doch ziemlich lang dauert, und sie folgt dem Hadrian’s Wall auf die andere Seite des Landes. Im Lake District hat sie wieder Pech – diesmal ist es ihre Achillessehne, die Probleme macht. Aber mit Hilfe des Builders und eines Physiotherapeuten schafft sie es, bis Land’s End zu kommen und so die Runde abzuschließen.

 Josie Dew erzählt spontan, herzerfrischend und mit viel Liebe zum Detail. So sucht sie einmal im Herbst wieder wegen eines heftigen Regenschauers Unterschlupf in einer Kirche und vertreibt sich die Zeit mit dem Gemeineblatt. Dort fällt ihr vor allem der Leserbrief eines Herrn auf, der zwei Dinge überhaupt nicht gut findet: Dass man viel zu früh mit dem Singen von Weihnachtsliedern anfängt und dass Frauen inzwischen Priester werden dürfen. Kleinigkeiten dieser Art (meiner Meinung nach das Salz in der Suppe) darf der Leser mitgenießen.

 Letztes Jahr, am 18. März, besuchte ich eine Lesung von ihr in Utrecht. Eingeladen war sie von der Natur-Camping-Vereinigung, und das Publikum bestand vornehmlich aus Leuten mit derben Wanderschuhen und Fleecejacken. Josie Dew kam standesgemäß mit dem Fahrrad angereist, zusammen mit Gary, dem Builder und den beiden gemeinsamen Töchtern Molly und Daisy. Sie war ganz begeistert von der Tatsache, dass Radfahrer in den Niederlanden als ernstzunehmende Verkehrsteilnehmer und nicht, wie in England oft, als Hindernisse betrachtet werden.

Sie erzählt genauso, wie sie schreibt, oder ist es umgekehrt? Ihr Vortrag über ihre Neuseelandreise, die sie endlich doch geschafft hat, und ihre täglichen Erlebnisse, wenn sie ihre älteste Tochter Molly zur Schule bringt, waren jedenfalls sehr unterhaltsam. In der Pause ließ ich mir mein Buch signieren und wir plauderten kurz über Radfahren in England und Sustrans, die Stiftung, die sich dort für den Ausbau des Radwegnetzes stark macht. Ich fand sie eine sehr sympathische Frau mit einem sonnigen Gemüt – womit wir wieder beim Regenbogen sind.

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