Das Königsleid, pardon -lied

Wie man ja schon eine ganze Weile weiß, haben wir am 30. April unseren letzten Koninginnedag. Dann wird Königin Beatrix das Zepter an ihren ältesten Sohn Willem-Alexander übergeben, der ab dem übernächsten Jahr den Koningsdag an seinem eigenen Geburtstag, dem 27. April, feiern wird. Nächstes Jahr fällt dieser Tag auf einen Sonntag, also ist der erste Koningsdag einen Tag früher. Genaueres dazu kann man wieder in Alex‘ Blog buurtaal nachlesen, wo ich auch auf die Idee mit dem Wortspiel in der Überschrift gebracht wurde.

Zum Anlass dieses Thronwechsels kam das Nationaal Comité Inhuldiging auf die Idee, ein Lied schreiben zu lassen, das die positive Stimmung in der Bevölkerung und die breit getragene Sympathie für den zukünftigen König zum Ausdruck bringen sollte. Jeder, der wollte, durfte etwas einschicken, und daraus wurde dann mit über 50 mitwirkenden Künstlern ein Lied gebastelt. Dieses Lied soll am 30. April in Rotterdam im Ahoy aufgeführt werden, und überall im Land sollen die Leute mitsingen – eine Art nationaler Megaflashmob also.

Soweit die Idee, doch seit ein paar Tagen komme ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus ob der weiteren Entwicklungen.

Am Freitag wurde also das Lied präsentert (auf Youtube unter „Koningslied“ zu finden), und danach ging es rund: Es wurde eine Petition gegen das Lied ins Leben gerufen, eine Facebook-Seite „Sorry voor het Koningslied“ eingerichtet und die Leserkommentare bei den verschiedenen Zeitungen ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Den meisten Leuten gefällt das Lied wahrlich nicht. „Monstrum“ und „missgestaltet“ waren noch milde Bezeichnungen dafür.

Nach all dieser negativen Kritik zog Komponist John Ewbanks das Lied zurück, aber gesungen werden soll es wohl trotzdem.

Selbstverständlich habe ich es mir ebenfalls angehört. Mein Eindruck: Es ist vor allem gut gemeint, aber das ist ja leider oft das Gegenteil von gut. Ganz so dramatisch wie der Niederlandist Wim Daniëls, der in der Sendung „Pauw en Witteman“ Hackfleisch daraus machte, finde ich es nicht, aber ein Erfolg ist es auch nicht gerade. Der Aufbau ist ziemlich wirr, und aufgrund des fehlenden Refrains (oder erkenne ich ihn bloß nicht als solchen?) eignet es sich überhaupt nicht zum Mitsingen. Und der Text voller sprachlicher Fehler ist dermaßen verschwurbelt, dass er mich ratlos zurücklässt.

Vor allem die Perspektive macht mir zu schaffen, wenn es heißt: „Durch Regen und Wind werde ich neben dir stehen bleiben. Ich beschütze dich vor allem, was kommt. Ich werde wachen, wenn du schläfst…“ Wer sind hier ich und du? Soll ich hier (stellvertretend für den Rest der Bevölkerung) den Schlaf des Königs bewachen? Also bitte, der Mann ist Mitte Vierzig und hat drei Töchter! Oder fand hier ein Perspektivenwechsel statt, und der König wacht über uns? Dann hat er aber einiges zu tun.

„Stolz wie ein Pfau, das ist unser Klang“ – oder wäre „Lärm“ hier das bessere Wort? Wer einmal auf einem Campingplatz in der Nähe eines Pfauengeheges übernachtet hat, weiß, was diese Viecher für ein hässliches Geschrei von sich geben. Außerdem tauchen auch immmer wieder ein bis zwei Löwen auf, so dass ich schon auf Hape Kerkelings „Hurz!“ wartete.

Über das W von Willem, Wasser, Wind und Stamppot (Eintopf) wurde ja sowieso schon genug gesagt und geschrieben, und den „Reim-dich-oder-ich-fress-dich“-Charme will ich mal so stehen lassen. Ich denke, es kann einfach kein vernünftiger Text herauskommen, wenn Daphne Deckers, die normalerweise Bücher über das Mutterwerden und -sein schreibt, bei der Textproduktion mitmachen lässt. Nicht jeder, der hin und wieder mal ein paar Kapitel in die Tastatur hämmert, kann ein packendes Lied schreiben – ich kann es wohl auch nicht. Aber warum wurde dann nicht jemand hinzugezogen, der es wohl kann?

Solche Leute scheint es doch zu geben, wie zahlreiche Alternativvorschläge beweisen: Paul van Vliets „Oranje de kleur van mijn hart“ ist eine richtig gut gelungene Liebeserklärung an das Land, in dem wir leben, und „Willem, jij bent een koning“ der beiden Studenten Allard und Huib ist ein fröhlicher Mitsing-Ohrwurm.

Und was sagt unser Kronprinz dazu? Er findet es schade, dass das Königslied die Nation so spaltet, sieht es aber positiv: Er hat inzwischen schon sieben Königslieder, und das kann wohl kein anderer König von sich behaupten. Und ich möchte noch den Königsjodler von Fredl Fesl vorschlagen:

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11 Gedanken zu „Das Königsleid, pardon -lied

  1. Ich fände es schön, wenn es ein Lied gäbe, das so etwas wie eine zweite Nationalhymne werden könnte. In Australien habe ich das erlebt, jedes Kind saugt mit der Muttermilch Waltzing Matilda mit auf. Wäre doch nett, wenn das Krönungslied das Zeug dazu hätte. Schließlich debattiert eine ganze Nation zu diesem Thema. Da müsste doch was zu machen sein.
    Liebe Grüße von Elvira

    • Hi Elvira, wie Petra schon schreibt gäbe es durchaus Alternativen …

      • Die „Untertanen“ abstimmen lassen?

      • Das wäre sicher eine Idee gewesen: Ein paar Vorschläge einreichen lassen und dann abstimmen lassen. Das Stück von Paul van Vliet hätte vielleicht das Zeug zu einer inoffiziellen Hymne – sogar ich war ganz gerührt, obwohl ich Orange nicht besonders mag. 😉

  2. Du hast das ganze Brimborium schön beschrieben. Die Idee hinter dem Lied ist wirklich lobenswert; die Ausgestaltung hingegen nicht gerade ein Wunder von sprachlicher und musikalischer Schönheit (obwohl: über nichts lässt sich besser – oder schlechter – streiten als über Geschmack …)

    • Hier scheint man sich ja sogar einig zu sein. Toos und Henk, die Cartoonfiguren unserer Tageszeitung kommentierten heute: „Es sorgt für ein Gefühl von Verbundenheit, jeder findet es schrecklich.“

  3. Einen netten Nebeneffekt hatte Dein Beitrag gerade: Ich habe, wenn ich in den Niederlanden war, Ende der 1960er, Anfang der 1970er leidenschaftlich Radio Veronica gehört. Bei YouTube habe ich sogar Jingles gefunden – herrlich.

  4. In sechs Wörter

    “ Koningslied met tuiten
    tranen naar buiten“

  5. Songtext Wenn Melodie, Harmonie und Rhythmus 50% eines Songs sind, dann gehören die restlichen 50% dem Songtext. Worte sind Kommunikationsmittel Nummer eins unter Menschen und sie spielen eine wichtige Rolle in guten Songs.

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