Ostengland 2013 – Teil 1

England, 1. – 29. Juni 2013

Eigentlich hatten wir bei der diesjährigen Urlaubsplanung mit der Idee gespielt, mit dem Zug nach Schleswig zu fahren und dann so weit an der Ostsee entlang zu radeln, wie man in vier Wochen kommt. Aber irgendwie zwackte immer der Gedanke an England im Hinterkopf. Den Ausschlag gab dann das Weihnachtsgeschenk einer guten Freundin: ein England-Sehnsuchtskalender, der jede Woche ein neues, wunderschönes Foto dieses Landes zeigt.

Also fassten wir den Plan, von Harwich langsam an der Nordsee entlang nach Hull zu fahren und auch ein Stückchen Yorkshire mitzunehmen. Für diese Unternehmung hatten wir knapp vier Wochen – also wirklich langsam.

slow

Da der diesjährige Frühling so gar nicht in die Pötte kommen wollte – anscheinend war es der kälteste seit 1962 – beobachtete ich etwas besorgt das englische Wetter. Aber so schlecht sah es gar nicht aus, um die 15 – 18 Grad, aber meistens trocken, also ideales Radlerwetter. Sollte es trotzdem nichts werden, konnte man es ja immer noch mit den „Wise Guys“ halten:

Jetzt ist Sommer!
Egal ob man schwitzt oder friert:
Sommer ist, was in deinem Kopf passiert.
Es ist Sommer!
Ich hab das klar gemacht:
Sommer ist, wenn man trotzdem lacht.

Toad Hall Revisited

Bei strahlendem Sonnenschein fuhren wir am Sonntag gegen Mittag zum Bahnhof, und dort begann die Verwirrung: Ich hatte extra einen durchgehenden Zug nach Rotterdam ausgesucht, damit wir nur einmal umsteigen mussten, und jetzt wollte man uns erzählen, dass es erst ab Deventer einen Zugteil dorthin geben würde. Na gut, dann blieb uns nichts anderes übrig, als ein- und später wieder umzusteigen. Doch der Schaffner telefonierte eifrig, und in kurzer Zeit war alles geklärt – wir konnten tatsächlich durchfahren, wir mussten nur Räder und Gepäck in den benachbarten Wagen verfrachten. Zum Glück hatten wir noch genügend Zeit bis zur Abfahrt, es hat halt unbestreitbare Vorteile, an einer Endstation einzusteigen.

Pünktlich ruckelte der Zug aus dem Bahnhof und blieb kurz darauf wieder stehen. Peter meinte: „Zehn Meter haben wir ja schon geschafft.“ Nach einer Weile lief der Lokführer durch den Zug du stieg am anderen Ende aus. Kurz darauf kam eine Durchsage, dass es ein Problem mit den Bremsen gebe und sich die Abfahrt auf unbestimmte Zeit verzögere. Aber wir hatten ja Zeit, die Fähre legte ja erst um halb zehn ab.

Es blieb bei einer zwanzigminütigen Verspätung, und auch das Umsteigen in Rotterdam ging problemlos. Der Bahnhof wurde zwar in den letzten Jahren komplett umgebaut und den alten, klapprigen Lastenaufzug gibt es nicht mehr, aber die neuen Aufzüge sind auch groß genug für ein Fahrrad mit Bepackung.

In Schiedam wurde es plötzlich eng, da eine sechsköpfige englische Familie mit Rädern zustieg. Wir mussten gewaltig zusammenrücken, aber es ging, doch die Schaffnerin war nicht gerade amüsiert, da niemand mehr irgendwie durchkam. In ausgezeichnetem Englisch (wir erfuhren später, dass sie Engländerin ist), erklärte sie, dass diese Anzahl an Rädern nicht zulässig sei, dass sie aber diesmal ein Auge zudrücken würde, da auch Kinder dabei waren. Die Engländer waren ein paar Tage in Amsterdam unterwegs gewesen uns mussten nun nach Maassluis, um die Fähre nach Hull zu erwischen.

In Hoek van Holland lag die „Stena Britannica“ schon im Hafen, aber es war natürlich noch viel Zeit bis zum Einchecken. Das Wetter war immer noch schön, und so suchten wir uns ein gemütliches Plätzchen am Deich, und ich ging zum gut besuchten Fischimbiss. Da die Überfahrt ziemlich kurz ist, hatten wir diesmal keine Mahlzeiten gebucht. Vor mir stand ein Engländer, der wahrscheinlich auf einem der Schiffe arbeitete. Er bestellte eine größere Fuhre Fish and Chips und schimpfte beim Bezahlen über „them bloody Euros“, was den Wirt sehr amüsierte.

   hoekvanholland

Danach fuhren wir noch kurz zum Strand, wo es kräftig wehte, und dann war auch schon die Zeit zum Einchecken gekommen. Wir stellten uns an, und während es bei dem Oldtimer vor uns sehr lange dauerte, ging es bei uns ohne Probleme. Wir rollten auf das Schiff und durften die Fahrräder diesmal bei den Motorradfahrern auf Deck 3 unterbringen und vertäuen. Bis jetzt hatten wir noch keine weiteren Radler gesehen.

Unsere Kabine befand sich auf Deck 10, aber wer nicht kam, war der Lift. Also schlurften wir zu Fuß die steilen Treppen hoch. Zum Glück hatten wir so gepackt, dass wir nur zwei Taschen mitnehmen mussten. Nachdem wir unsere Kabine inspiziert und uns umgezogen hatten, inspizierten wir das Schiff. Oben auf dem Sonnendeck sprach uns ein älteres deutsches Paar an, das nach Cornwall wollte. Als wir von unseren Plänen erzählten, rief sie: „Ach so, Sie sind die Radfahrer! Wir hatten Sie vorhin schon gesehen, aber jetzt haben wir Sie gar nicht erkannt!“ Natürlich, wir waren ja jetzt auch landfein.

Während die vertraute niederländische Küste in der Ferne verschwand, tranken wir ein Bierchen und gingen dann schlafen. Zur Sicherheit hatte ich den Wecker an meinem Handy eingestellt, doch das wäre gar nicht nötig gewesen, denn eine halbe Stunde vor der Ankunft dröhnte Bobby McFerrins „Don’t worry be happy“ aus dem Lautsprecher, gefolgt von der Durchsage, dass jetzt das Frühstück serviert würde. Das hatten wir aber nicht bestellt, also gingen wir auf das Sonnendeck und aßen ein paar Kekse. Das Wetter war traumhaft und in der Ferne sahen wir die grünen Hügel von Essex und Suffolk.

harwich

Dann durften wir auf das Cardeck. Dort hatte sich ein weiteres Rad zu unseren gesellt, dessen Besitzer aus Kassel kam und Klassiker „Land’s End to John o’Groats“ fahren wollte. Respekt!

Irgendwann durften wir zwischen den Autos und Motorrädern vom Schiff rollen, und nach der Passkontrolle rief eine Dame in Sicherheitsweste: „Bicycles over here!“ Sie zeigte uns eine Abkürzung, so dass wir schnell und gefahrlos vom Hafengelände weg konnten. Wir fuhren zum Supermarkt um die Ecke, wo sie auch ein Café mit Frühstück hatten. Doch das öffnete erst in gut einer Stunde, also beschlossen wir, ohne Frühstück loszufahren. Da es noch nicht einmal sieben Uhr war, herrschte eine angenehme Ruhe auf den Straßen, und schon bald waren wir unterwegs nach Manningtree.

froehlichesradeln

An unserer rechten Seite befand sich die Flussmündung des Stour mit den angrenzenden Feldern. Als wir vor drei Jahren dort gewesen waren, wurde gerade die Ernte eingefahren, jetzt war noch alles grün.

stour

Wir kamen auch an dem Pub „Stranger’s Home Inn“ nebst Campingplatz vorbei, das wir ebenfalls noch in angenehmer Erinnerung hatten. Im nächsten Dorf bogen wir an einem Kreisverkehr falsch ab und wären beinahe in einem großen Bogen in den Hafen zurückgefahren, wenn ich nicht noch rechtzeitig ein Schild erspäht hätte. Also ein Stück zurück und weiter nach Flatford, wo John Constable einige seiner berühmten Bilder gemalt hat. Dort sollte es ein Café geben, wo man sicher frühstücken konnte. Leider war das Café nur über einen sehr schmalen Schotterweg zugänglich, den wir uns mit dem ganzen Gepäck nicht antun wollten.

Also weiter. Langsam fing mein Magen an, Rabatz zu machen, und ich war kurz davor, eine Szene wie Hape Kerkeling auf dem Weg nach Santiago hinzulegen („Ich habe die Schnauze voll von dieser doofen Pilgerei und will sofort mein Frühstück!”, Ich bin dann mal weg, Seite 159/160), als wir in East Bergholt eine gemütliche Bank und einem Supermarkt sahen. Dort besorgte ich die notwendigen Zutaten für ein vernünftiges Frühstück. Während wir es uns schmecken ließen, beobachteten wir, wie das Dorf langsam zum Leben erwachte: Viele Leute gingen mit ihren Hunden spazieren, und fast jeder musste zum Supermarkt.

fruehstueck

Gestärkt ging es weiter über verkehrsarme Nebenstraßen und sanfte Hügel durch nette Dörfer. Erst bei Ipswich wurde es wieder schwieriger: zahlreiche Kreisverkehre, Ampeln und diverse Orientierungsschwierigkeiten hielten uns ziemlich auf. Doch nach einer Weile hatten wir die Tourist Information gefunden, wo ich eine detaillierte Radkarte für die Umgebung bekam. Damit fanden wir schnell den Campingplatz „Toad Hall“ wieder, wo wir auch beim letzten Urlaub gezeltet hatten. Dort hatte sich auch wirklich nichts verändert: Garten und Gewächshäuser waren noch da, man hieß uns freundlich willkommen und gab uns den Code für das Toilettengebäude.

toadhall

Neben dem Sanitärgebäude stand ein riesiges Wohnmobil, in das unsere gesamte Ausrüstung locker viermal reingepasst hätte. Da hat man schon so ein Luxusteil und steht dann direkt neben dem Örtli, wo ständig jemand vorbeischlurft. Aber vielleicht hatten die Leute ja aus genau diesem Grund diesen Standplatz gewählt…

Unterwegs hatte Peter festgestellt, dass irgendetwas in seinem Lenker kaputtgegangen war, was er leider nicht selbst reparieren konnte. Auf der Radkarte waren auch Fahrradläden eingezeichnet, und zum Glück gibt es nicht weit vom Campingplatz einen Halfords. Also nichts wie hin. Allerdings fuhren wir erst mal dran vorbei, da die Schilder und Fahnen nicht wie bei uns blau, sondern orange sind, aber gut. Drinnen konnte man uns auf jeden Fall schnell und kompetent weiterhelfen, und teuer war es auch nicht. Der Rest des Urlaubs war gerettet.

Da der Superstore auch nicht weit ist, wurde auch gleich für das Abendessen eingekauft. Die leckeren Schichtsalate, die wir auf unserer letzten Reise mit Begeisterung verspeist hatten, gab es leider nicht mehr, aber dafür eine Menge andere leckere Dinge: Couscous, Humus, Nudelsalat usw. Dazu Cider und für das Frühstück Milch und Müsli und die Zeitung – die Daily Mail. Gut, das ist nicht gerade gehobene Literatur, hat aber jede Menge Unterhaltungswert, nicht zuletzt dank einer ausführlichen Leserbriefrubrik. Und ich liebe Leserbriefe! Das Wetter versprach in den nächsten Tagen gut zu werden, alles war also wunderbar!

Als es zu frisch wurde, um noch draußen zu sitzen, verkrochen wir uns in die Schlafsäcke. Das war noch ein ganz schönes Stück Arbeit, da wir uns auf niedrige nächtliche Temperaturen (unter 10 Grad) vorbereiten mussten: Schlafanzug, warme Socken (die farblich sogar gut dazu passen), Sweatshirt, Innenschlafsack und zu guter Letzt der Außenschlafsack. Perfekt! So konnten die Nacht und der nächste Tag mit neuen Abenteuern kommen.

Kategorien: 2013 - Ostengland | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 11 Kommentare

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11 Gedanken zu „Ostengland 2013 – Teil 1

  1. Ich habe diesen Artikel mit großer Spannung und viel Vergnügen gelesen. Und weißt Du was? Ich freue mich wirklich schon auf die Fortsetzung! Du beschreibst eure Tour so, dass ich das Gefühl habe, direkt dabei gewesen zu sein.
    Ein sonniges Wochenende wünscht Dir
    Elvira

    • Danke, das freut mich! 🙂 An der Fortsetzung wird auch schon eifrig gearbeitet. Dir auch ein sonniges WE!

  2. Sie sollten mal Suffolk besuchen. Ich habe ein Ebook darüber geschrieben. Suffolk ist nicht weit von Harwich. Man kann dort gut Fahrrad fahren.

    • Willkommen hier. Vor drei Jahren waren wir auch schon mal in Suffolk, und es hat uns gut gefallen. Dem Blog eines Englandliebhabers muss ich auf jeden Fall einen Gegenbesuch abstatten. 🙂

  3. bockmouth

    Der England-Bericht fängt schon so spannend an! Es ist, als wäre man auf dem Fahrradsattel dabeigewesen. Und dann noch in der Szenerie, die der berühmte Constable auf seinen wunderschönen Gemälden festgehalten hat!
    Ich freue mich auf die weiteren Teile deines Reiseberichtes, Petra! Auf jeden einzelnen Tourenabschnitt….

  4. Durch England reisen, zelten und ab und zu Cider trinken. Das klingt nach einem tollen Urlaub. Und ganz offensichtlich hat das Wetter es gut mich euch gemeint.
    Seufz…nach England möchte ich auch wieder fahren.

    • Es war auch wirklich absolutely wonderful! Und wir hatten tatsächlich wenig Schietwetter, das ist auch schon anders gewesen. Den Cider haben wir allerdings auch gelegentlich mit Bier abgewechselt. England ist ein tolles Reiseland, alle paar Jahre muss ich da einfach hin.

  5. Die Erfahrung, mit Rad und Fähre zu reisen, haben wir auch gerade machen dürfen – spannend! Den Bericht werde ich mir nochmal in Ruhe durchlesen müssen. Denn der Fahrradurlaub hat Spaß gemacht, sowas möchte ich noch öfter machen 🙂

    • Rad und Fähre bleibt auch spannend, da jeder Hafen und jedes Schiff wieder anders ist. Und Radurlaube kann ich nur empfehlen. 🙂

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