Ostengland 2013 – Teil 3

Die North Norfolk Coast

Am Morgen weckte uns strahlender Sonnenschein. Wie immer hatten wir zwei Stunden nach dem Aufstehen alles eingepackt, und nach einem Schwätzchen mit Linda fuhren wir los. Da Peter gestern schon so gut aus Norwich herausgefunden hatte, war ich mir sicher, dass er uns auch um die Stadt herum dirigieren konnte. Während ich hinter ihm herfuhr, summte ich leise „I will follow him…“ aus dem Film „Sister Act“ vor mich hin. Und tatsächlich ging alles gut, und bald waren wir wieder auf den bevorzugten gemütlichen Nebenstraßen, vorbei an den für diese Gegend typischen robusten Kirchen und Reetdachhäusern.

flachesland reetdachhaus

kirche

An das Linksfahren hatten wir uns inzwischen wieder gewöhnt. Aber wenn ein Auto mit gesetzten Blinker links  in einer Seitenstraße stand, erwarteten wir immer noch instinktiv, dass er auf unsere Spur hinüberziehen würde, was aber natürlich nicht der Fall war. Auch zeitunglesende Leute oder Hunde auf dem Sitz links vorne brachten uns gelegentlich noch aus dem Konzept.

Die Hügel, die es in und um Norwich durchaus in sich haben, wurden flacher. Doch je mehr wir uns der Küste näherten, wurden die Steigungen wieder merkbarer, das Land faltet sich zur See hin auf. Bei dem Seebad Cromer erreichten wir das Meer, das freundlich blau im Sonnenschein glänzte.

meerbeicromer

Dann ging es weiter nach Westen. Da wir praktisch links abgebogen waren, hatten wir jetzt fast Rückenwind und kamen flott voran. Wir folgten der A149, die an der Küste entlang führt. Normalerweise versuchen wir ja die Hauptstraßen zu meiden, aber hier war wenig Verkehr. Im Juli und August, wenn auch in England Sommerferien sind, ist das wahrscheinlich anders, dann werden die Autos wohl von King’s Lynn bis Great Yarmouth Stoßstange an Stoßtange spazieren stehen. Aber jetzt genossen wir die flache Strecke mit Meerblick.

In dem netten Städtchen Sheringham unterbrachen wir die Fahrt, um die nötigen Einkäufe zu erledigen, denn man braucht ja unterwegs die Kalorien.

sheringham

Bei einer Pause am Straßenrand mit Aussicht über den Golfplatz nahmen wir diese in Form von leckeren Blaubeermuffins zu uns. Wieviele Golfbälle bei diesem Platz wohl im Wasser versenkt werden? Bei Weybourne kamen wir an einer Windmühle vorbei und fühlten uns wie zu Hause.

windmeuhleweybourne

Bei Cley-next-the Sea mussten wir die Küstenstrecke verlassen, da ich dort einen Campingplatz in der Nähe des Naturgebiets Blakeney Point ausgesucht hatte. Doch was mussten wir sehen, als wir davor standen? Ein Schild mit der Aufschrift „The Camping and Caravanning Club – Members only!“ Davon war auf ihrer Website nicht die Rede gewesen! Natürlich sind wir keine Mitglieder irgendwelcher Campingclubs, denn vierzig Pfund sind eine Menge Geld, und so lange es Alternativen gibt, legen wir das doch besser in Pork Pie und Cider an. Wir beschlossen, zurück an die Küste und weiter westwärts zu fahren, bis wir etwas Passendes finden würden. Es war ja noch nicht besonders spät, und Wind und Wetter waren mit uns.

Nach etwa zehn Kilometern sahen wir am Ende des Dörfchens Stiffkey einen Wegweiser zu einem Campingplatz. Vor der Rezeption stand ein Eiswagen, der uns unterwegs überholt hatte. Sofort kramte ich meinen Geldbeutel heraus, und wir gönnten uns ein leckeres Vanilleeis (ich) bzw. Erdbeereis (Gatte). Damit war auch das Angebot des Eismannes ausgeschöpft.  Der Platzwart kam aus der Rezeption und fragte, wo wir heute Morgen losgefahren waren, und er und der Eismann zeigten sich gebührend beeindruckt: „Blimey, all the way from Norwich!“ Da freut man sich doch!

Er gab uns genaue Anweisungen, wo wir unser Zelt aufstellen durften – ein schattiges, windgeschütztes Plätzchen mit Morgensonne. Auf meine Frage, ob man Duschmünzen benötigte, antwortete seine Frau, dass wir nur auf den Knopf drücken mussten, und er ergänzte, dass es sogar 24 Stunden am Tag warmes Wasser gebe, wir bräuchten uns also nicht zu beeilen. Das war ja fast so schön wie vor Jahren in Bregenz, wo wir die indignierte Antwort bekamen: „Wo denken’S hi? Mir san angschloss’n ans modernste Sanitärsystem von Österreich, Sie drehen am Hahn und Sie ham Wasser!“

Dann musste erst mal mein Rad verpflastert werden, das ich während einer Pause irgendwo ungeschickt angelehnt hatte, so dass die Schaumstoffverkleidung am Lenker einen Riss hatte. Doch er konnte mit Leukoplast schnell repariert werden, und es hält auch jetzt noch.  Das Zeugs ist einfach gut!

Inzwischen war deutlich zu merken, dass es Freitag war, immer mehr Familien rückten an, um das schöne Wochenende an der See zu verbringen. Neben uns bauten zwei Männer mit ihren Söhnen, die noch die Schuluniform anhatten, drei Zelte auf – zwei zum Übernachten und ein Küchenzelt. Rhythmisch hämmerten die beiden Jungen die Heringe in den harten Boden. Auch wir mussten uns  bei einer anderen Familie einen Hammer leihen, und hier ging auch der erste (und einzige) Hering dieses Urlaubs kaputt. Bei meinen Beobachtungen stellte ich fest, dass mein Schlafanzug völlig dem Dresscode dieses Platzes entsprechen würde, aber ich fand es dafür noch etwas früh.

Nach getaner Arbeit und einem improvisierten Abendessen machten wir noch einen Spaziergang in das Naturgebiet „Salt Marshes“, das direkt hinter dem Campingplatz beginnt.

saltmarshes

Zwischen den Marshes und dem Platz verläuft auch der „Norfolk Coastal Path“, ein Küstenwanderweg von Hunstanton nach Cromer.

saltmarshes2

Bei Ebbe zieht sich das Wasser sehr weit zurück, aber es gibt zahlreiche „creeks“, also Prielen, die fast immer mit Waser gefüllt sind. Dort hausen zahlreiche Wasservögel, so dass diese Gegend gerne von „Bird Watchern“ besucht wird.

saltmarshes4  saltmarshes3

Man kann recht weit hinausgehen, aber natürlich muss man sich gut mit den Gezeiten auskennen und rechtzeitig umkehren, damit die Flut einem nicht den Weg abschneidet. Als Unkundige gingen wir nur ein Stück hinaus und behielten auch die anderen Spaziergänger, die sich hoffentlich besser auskannten, im Auge.

Dann machten wir es uns vor dem Zelt mit unserer Lektüre gemütlich. Jeder von uns hatte einen der dicken Kathedralenwälzer von Ken Follet dabei, „The Pillars of the Earth“ und „World Without End“, und wir achteten darauf, dass wir immer ungefähr gleich weit waren, so dass wir problemlos tauschen konnten, wenn wir durch waren. Seit wir uns mit dieser Lektüre beschäftigt haben, besichtigen wir Kathedralen mit noch mehr Interesse und Respekt als bisher. Als es dunkel wurde, verkrochen wir uns in die Schlafsäcke.

Am nächsten Morgen waren wir schon früh wach. Es war bewölkt und richtig kalt, und wir machten, dass wir in die Gänge kamen.  Beim Zeltabbauen riss ich mir an einem Hering den rechten Zeigefinger auf. Jetzt waren meine Leeze und ich an der gleichen Seite verpflastert. Als wir reisefertig waren, erwachte der Platz gerade langsam zum Leben.

Erst war auf der Hauptstraße noch angenehm wenig Verkehr und der Wind war mit uns. Doch je mehr wir uns King’s Lynn näherten, umso mehr Autos waren unterwegs, so dass wir bei Hunstanton doch wieder auf eine Nebenstraße auswichen. In Dersingham wurde es mal wieder Zeit für eine Pause, und Peter ging in den Supermarkt, während ich die Räder bewachte. Eine alte Dame musterte mein Fahrrad und fragte: „Is this your bike?“ Als ich dies bejahte, rief sie: „It’s wonderful!“ Die Dame hat Sachverstand und Geschmack, ich bin ja damit auch sehr zufrieden.

Als wir weiterfuhren, stießen wir wieder einmal auf den Nordseeradweg, der wir bis Sandringham House, dem Landsitz der Queen, folgten. Ich muss schon sagen, die Queen wohnt sehr schick!

sandringham

Wir brauchten eine ganze Weile, bis wir das ummauerte Grundstück passiert hatten. Anscheinend fand dort auch eine Art Wehrübung statt, denn es standen einige Soldaten in der Gegend herum, von denen einige so jung aussahen, das sich sie erst für eine etwas militaristische Pfadfindergruppe hielt. Weiter ging es an blühenden Rhododendren vorbei nach King’s Lynn.

rhododendron

Die Nordseeroute führte uns am Zentrum vorbei durch einen Park, an dessen Eingang man sich durch ein merkwürdiges Tor quetschen musste.

torkingslynn

Es waren noch zahlreiche andere Radfahrer und Spaziergänger unterwegs, doch die waren wohl Kummer mit Tourenradlern gewöhnt, denn hier führt ja auch der NSCR durch. Da es kein Schild nach North Runcton gab, wo wir eigentlich zelten wollten, fuhren wir weiter durch die inzwischen brettlebnene Landschaft nach Downham Market, wo es ebenfalls einen Campingplatz geben sollte. Am Ortsrand sahen wir an einer Tankstelle eine Hundewaschanlage. Ob das den Hunden wirklich so viel Spaß macht, wie uns die Aufkleber suggerieren sollen?

dogwash

Wir folgten den Schildern zur Tourist Information, um nach dem Campingplatz zu fragen. Doch diese hatte schon geschlossen. Davor hingen zwar zwei Karten, aber die eine zeigte nur das Zentrum, und die andere ein paar obskure Wanderwege. Was für eine Service-Dienstleistungswüste! Ich kann ja verstehen, dass man an einem Samstagnachmittag um drei Uhr nach Hause möchte, aber kann man dann nicht wenigstes eine gute Umgebungskarte mit Übernachtungsmöglichkeiten aufhängen? Woanders geht das doch auch? Da fällt mir ein, ich wollte ja da noch hinschreiben.

Aufs Geratewohl fuhren wir wieder aus der Stadt, und siehe da – ein Schild direkt am Eingang zum Everglades-Campingplatz, allerdings mit dem Zusatz „The Camping and Caravanning Club – Members Only“. Na toll! Trotzdem schauten wir uns das Gelände an, das nur aus einem Fischteich bestand, an dem ein paar unfreundliche Angler saßen. Es gab keine Rezeption, und so etwas wie ein Toilettengebäude konnten wir auch nicht entdecken. Außerdem war alles sehr ungepflegt und heruntergekommen. Das konnte es ja wohl nicht sein! Wir machten kehrt und fuhren wieder in die Stadt zurück. Dort sahen wir an einem Kreisverkehr ein Schild, das uns auf die Ausfallstraße nach Denver (nicht in den USA!) schickte, wo wir dann auch bald den Platz „West Hall Farm Holidays Lakeside“ fanden. Der sah schon viel besser aus, ein nettes Rezeptionsgebäude und ein gepflegter Fischteich begrüßten uns.

denver fischteich

Auch von den Platzwarten wurden wir freundlich empfangen und durften uns ein Plätzchen auf der Zeltwiese aussuchen. Da es Wochenende war, war ein Teil der Weise schon von Familien besetzt, die Zelt- und Wagenburgen gebaut hatten und den Grill vorheizten, auf dem wohl bald der Ertrag aus dem Fischteich verspeist werden sollte. Wir verzogen uns ans andere Ende der Wiese und bauten unser Zelt im Schutz der Hecke auf. Erst als es schon stand, merkten wir, dass ein Golfplatz an die Zeltwiese grenzte und ein Loch recht nah bei unserem Zelt war. Eine Gruppe Golfer versammelte sich dort und versuchte, den Ball einzulochen. Sie schafften es, ohne dass er über den Zaun und uns gegen die Rübe flog. Nicht schlecht.

Das Sanitärgebäude war ordentlich, und hier brauchte man zum Duschen eine Pfundmünze für ungefähr zehn Minuten. Peter hatte beim Duschen eine nette Szene mitgekriegt. Ein Vater wollte sein Kind duschen, das sich bitter beklagte, weil das Wasser so kalt war. Ein anderer Herr, der sich gerade rasierte, gab Anweisungen: „Left is hot, right is cold.“ Doch das Drehen nach links schien nicht zu helfen, also fragte er: „Have you put a pound coin in?“ „What?!?“ Das muss einem ja auch gesagt werden.

Nach einem gemütlichen Abendessen mit verschiedenen Salaten, Häppchen und Birnencider gingen wir schlafen.

Kategorien: 2013 - Ostengland | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „Ostengland 2013 – Teil 3

  1. bockmouth

    Hach Petra, ich mag deinen feinen englischen Humor!

    „Jetzt waren meine Leeze und ich an der gleichen Seite verpflastert.“

    Wie immer ein höchst interessanter und informativer Bericht aus deiner Feder! Schmeckt nach Meer…

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