Ostengland 2013 – Teil 4

Durch Cambridgeshire

Am Sonntagmorgen fuhren wir erst ein Stück am Great Ouse entlang. In England gibt es mehrere Flüsse, die den Namen „Ouse“ („uus“ ausgesprochen) in irgendeiner Zusammenstellung tragen, und der Name ist von „usa“, dem keltischen Wort für „Wasser“ abgeleitet. Hier handelt es sich, wie der Name schon sagt, um einen größeren Fluss, der bei King’s Lynn in die Nordsee mündet und einer der wichtigsten Schifffahrtswege der Region East Anglia ist.

greatouse

Die Landschaft ist hier richtig flach, man befindet sich in den sogenannten „Fens“, einer Moorlandschaft, die früher das Überschwemmungsgebiet der Flüsse Ouse, Nene, Witham und Welland bildete. Im 17. Jahrhundert versuchte der niederländische Ingenieur Cornelius Vermuyden mit Hilfe von Windmühlen, die Fens tockenzulegen, war aber nicht sehr erfolgreich.  Erst im 19. Jahrhundert, nachdem die dampfgetriebene Pumpe erfunden worden war, konnte man die Überschwemmungen eindämmen.

Am späten Vormittag erreichten wir das Städtchen Ely mit seiner beeindruckenden Kathedrale. Wir hätten sie gerne besichtigt, da sie auch ein schönes Museum über die bunten Fenster und deren Herstellung hat. Aber wie gesagt, es war Sonntagvormittag, und ein netter Herr am Eingang machte uns darauf aufmerksam, dass gerade Messe war und die Kirche erst nachmittags wieder besichtigt werden konnte. Aber wir durften immerhin einen Blick in das unglaublich hohe und helle Kirchenschiff werfen.

elycathedral

Bis zum Nachmittag warten wollten wir nicht, da des etwas zu lange gedauert hätte. Wir hätten auch nacheinander hineingehen müssen, da wir die Räder mit unseren Habseligkeiten nicht unbewacht stehen lassen wollten. Seit einem Freund von uns das Zelt geklaut worden war, während er in einem Café saß, sind wir da sehr vorsichtig. Außerdem war schlechtes Wetter angesagt, und wir wollten vorher in Cambridge sein. Aber Ely ist auf jeden Fall für später vorgemerkt.

Da sich mein Magen mal wieder zu Wort meldete, was er grundsätzlich zwei Stunden nach dem Aufbruch tut, setzten wir uns auf eine Bank vor der Kathedrale, bestaunten das Bauwerk von außen und nahmen einen Imbiss zu uns. Dabei leisteten uns einige Enten Gesellschaft, die hofften, etwas abzubekommen. Das scheint ihnen oft zu gelingen, denn sie machten einen wohlgenährten Eindruck.

elyente

Dann ging es weiter durch das nette Städtchen in Richtung Süden. Dabei hörten wir regelmäßig lautes Knallen etwas abseits der Straße, es klang wie Schüsse. Wir vermuteten, dass es sich um Tontaubenschießen oder eine ähnlich merkwürdige Freizeitbeschäftigung war, denen die Engländer so gern frönen, oder vielleicht wollten sie Vögel verscheuchen. Jagdsaison ist doch Anfang Juni noch nicht, wenn mich mein Halbwissen auf diesem Gebiet nicht täuscht.

Langsam wurden die Häuser größer und die Vorgärten aufwendiger gestaltet. Wohnten in Norfolk noch mehr Handwerker, die Werkzeugschuppen und Lieferwägen vor den Häusern stehen hatten, so schien es hier reichere Leute mit Zeit zum garteln zu geben. Über gemütliche Nebenstraßen erreichten wir Comberton, wo es wieder hügliger wurde.

cambridgeshire cambridgeshire2

Den Campingplatz, der etwa zehn Kilometer südöstlich von Cambridge liegt, kannten wir schon von einer früheren Reise. Peter war mal wieder schneller, und so unterhielt er sich schon mit der Dame an der Rezeption, als ich um die Ecke geschnäufelt kam: „Nur Sie und ein Zelt?“ – „Nein, meine Frau kommt noch.“ – „Ah! Da ist sie ja!“ Wir checkten ein und konnten für das Frühstück sogar Milch und eine Zeitung bestellen.

Der Platz ist ziemlich groß, und es war ja noch nicht viel los, also durften wir uns wieder ein gemütliches Plätzchen aussuchen. Dar Boden war ziemlich hart, und so ging ich wieder auf Hammersuche. Bei den netten Australiern mit ihrem Wohnmobil im Nachbarfeld wurde ich fündig: Ihr Hammer war sogar noch originalverpackt und wartete darauf, von uns eingeweiht zu werden. Als ich ihn nach dem Aufbauen zurückbrachte, wollten sie alles Mögliche über unsere Fahrräder, das Radeln in Europa, den Rechtverkehr auf dem Kontinent usw. wissen. Sie berichteten, dass es auch Leute gibt, die in Nord-Südrichtung durch Australien radeln, aber wir konnten uns nicht wirklich erklären, wie man das schaffen kann, so dünn besiedelt wie es da stellenweise ist. Und Vorräte kann man ja auf dem Rad nur in begrenzter Menge mitnehmen. Aber von Sydney nach Melbourne geht das durchaus, wurde mir versichert. Vielleicht eine Idee für den nächsten Urlaub? Nach einer Weile verabschiedete ich mich, da ich noch waschen wollte, und sie versprachen, noch vorbei zu kommen und unsere Räder zu bewundern.

Vor der Waschaktion ging ich erst duschen und stellte fest, dass das Himbeerrot meines Gesichts inzwischen ein zartes Milchkaffeebraun geworden war –  wer mein übliches Kaffee-Milchverhältnis kennt, weiß sicher, was gemeint ist. Danach fragte ich Peter, ob auf der Herrentoilette die Fliesen Himmelblau seien. „Ja, warum?“ – „Bei uns sind sie quietschrosa.“

Nach einem improvisierten Abendessen fuhren wir ins Dorf. Das Schild am Ausgang wies uns in mehreren Sprachen darauf hin, dass wir daran denken sollten, links zu fahren.

keepleft

Wir wussten, dass es im Dorf ein Pub gibt, und dass es nicht weit von der Dorfkreuzung entfernt ist, aber wir fanden es nicht auf Anhieb. So akkurat ist unsere Erinnerung nach zwölf Jahren doch nicht mehr. Wir fuhren alle vier Straßen ab und entdeckten das Pub in der letzten. Bei einem gemütlichen Bierchen ließen wir den Tag ausklingen.

comberton

Am nächsten Morgen war es kalt, also schliefen wir etwas länger, denn wir wollten sowieso nicht weiter. Nach dem Frühstück ging ich in den Waschraum, deponierte die Kleidungsstücke im Waschbecken und gab einen halben Waschmitteltab dazu. Während ich die Wäsche knetete, walkte und ausspülte, kam eine ältere Dame, um zu kontrollieren, ob der Trockner frei sei. Interessiert fragte sie, wo genau ich in den Niederlanden wohne. Die Stadt sagte ihr nicht allzuviel, also fragte sie nach unserer lokalen Fußballmannschaft, die sie wohl kannte. Sie fährt regelmäßig zu Fußballspielen in die Niederlande, da sie Feyenoord-Fan ist. Ihr Mann bevorzugt allerdings Ajax. Außerdem berichtete sie, dass es letztes Jahr um diese Zeit so stark geregnet hatte, dass der Campingplatz praktisch unter Wasser gestanden hatte. In den Wohnwägen und Wohnmobils ging es gerade noch, aber die Zelte waren gnadenlos abgesoffen. Mir wurde wieder einmal klar, was für ein Glück wir bisher mit dem Wetter gehabt hatten, und ich klopfte auf den Stuhl im Waschraum.

Inzwischen hatte Peter die Regeln des Campingplatzes studiert und eine entdeckt, die wir bisher noch nirgendwo gesehen hatten: Wenn man schon Wäsche draußen aufhängen muss, sollte man das doch bitte diskret machen. Ich hatte einfach eine Schnur zwischen zwei Hecken gespannt – ob das diskret genug war?

wäsche

Dann brachen wir auf nach Cambridge. Das Radwegnetz ist hier gut ausgebaut und ausgeschildert, so dass wir ohne Schwierigkeiten ins Zentrum kamen. Bei unserer morgendlichen Zeitungslektüre hatten wir gelesen, dass eine Studentin einen Ferienjob bei „The Body Shop“ in Cambridge nicht bekommen hatte, da sie nicht Chinesisch sprach. In der Stadt wimmelte es tatsächlich von Chinesen, aber dass die tatsächlich alle im „Body Shop“ einkaufen und in ihrer eigenen Sprache beraten werden möchte, bezweifelte ich doch etwas.

Wir stellten die Räder bei der Tourist Information ab, und ich ging hinein, um mich nach Tipps und Sehenswürdigkeiten zu erkundigen. Ich bekam eine Karte mit einer Stadtwanderung, und die Dame fragte noch ein bisschen nach dem Woher und Wohin und zeigte sich gebührend beeindruckt von unseren Radlerplänen. Wir schlossen die Räder gegenüber der Tourist Information an einen Zaun, wie es hier anscheinend üblich ist, und machten uns auf den Weg, um uns weiterzubilden.

Natürlich trabten wir erst mal in die falsche Straße, aber nach einer Weile waren wir auf dem richtigen Weg und schon bald standen wir vor der St. Bene’t’s Church, der ältesten Kirche der Grafschaft. Die beiden Apostrophe sind übrigens korrekt, der erste steht für die Verkürzung des ursprünglichen Namens St. Benedict, der zweite ist der Genitiv-Apostroph, der im Englischen auch wirklich dorthin gehört. Die Kirche wurde rund 1000 n. Chr. erbaut und ist bekannt für ihren angelsächsischen Turm. Innen ist sie angenehm ruhig und schlicht.

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Dann gingen wir weiter durch verschiedene enge Gassen und kamen an der Bibliothek vorbei, wo uns ein Schild darauf hinwies, dass man doch bitte leise sein sollte, da die Studenten für ihre Examen büffelten. Aus diesem Grund waren auch die meisten Colleges geschlossen, und wir konnten, zusammen mit zahlreichen anderen Touristen, nur Fotos vom Innenhof des Trinity College, dem größten und reichsten College der Universität, machen.

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Doch natürlich spazierten wir auch an den zahlreichen anderen Colleges vorbei und amüsierten uns über das Schild, dessen Aufschrift „Keep off the grass!“ man kaum noch lesen konnte, da besagter Rasen schon sehr hoch stand. Das ist zwar sehr unenglisch, aber die Bienen und Schmetterlinge freuen sich sicher über die Blumen!

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Dann wanderten wir zum Jesus Green, kauften unterwegs noch einen Imbiss ein (natürlich auch den unvermeidlichen Pork Pie) und suchten uns dort ein nettes Bänkchen. Im Park spielten Schulkinder Fangen und Verstecken. Irgendwann war die Mittagspause vorbei, und die Lehrer trieben ihre Schäflein wieder zusammen und sammelten die zurückgelassenen Kleidungsstücke ein. Auch wir gingen gestärkt wieder in die Stadt zurück.

Am Fluss Cam war es am späten Vormittag noch sehr ruhig, und die Punts lagen noch an den Kais. Doch als der Tag weiter fortschritt, konnte man von den Brücken aus die Boote beobachten, in denen die Touristen entweder selbst stakten oder staken ließen. Mir als eingefleischter Landratte sind diese kippligen Dinger ja zutiefst suspekt, und so war ich sehr beeindruckt von einem Stadtführer, der das Multitasking perfekt beherrschte: Das Gleichgewicht halten, das Boot mit Hilfe seiner langen Stange vorwärts staken und dabei noch fröhlich auf die Sehenswürdigkeiten hinweisen.

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Wir bummelten noch eine Weile durch enge Gassen und breite Einkaufsstraßen und betrachteten die verschiedenen, oft monumentalen Gebäuden, aber auch netten Fachwerkhäusern.

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fachwerkhäuser

Besonders interessant ist die Kirche „Holy Sepulchre“, eine von fünf Rundkirchen, die es in England gibt. Sie wurde im 12. Jahrhundert vom Tempelritterorden erbaut.

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Doch nach einer Weile hatten wir genug von den Menschenmassen. Bei Marks & Spencer kauften wir Paella und Birnencider für das Abendessen. Dann schwangen wir uns auf die Räder und fuhren in das malerische Dörfchen Grantchester.

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grantchester

Der fünfte Roman der Inspector-Lynley-Reihe von Elizabeth George, „For the Sake of Elena“, spielt in Cambridge und auch teilweise in Grantchester. Während die Autorin das St. Stephen’s Collge frei erfunden und zwischen das Trinity College und Trinity Hall gequetscht hat, gibt es die ehemalige Schule, in der die Malerin Sarah Gordon lebt, wirklich.

Als wir wieder auf dem Campingplatz waren, hing meine Wäsche immer noch zwischen den Hecken und war inzwischen trocken. Anscheinend hatte ich sie diskret genug aufgehängt. Wir ließen uns unsere Paella und den Birnencider schmecken und lasen Zeitung. Dann ging, nach einem eher bewölkten Tag, die Sonne über den weiten Feldern von Cambridgeshire unter.

sonnenuntergang

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