Ostengland 2013 – Teil 6

Lincolnshire – weites Land, Stadt und Kathedrale

In der Nacht kam der schon lange angekündigte Regen und trommelte gemütlich auf das Zeltdach. Ich kuschelte mich tiefer in meinen Schlafsack und schlief wunderbar. Unser Nachbar allerdings nicht, er erzählte uns am morgen, dass er Ohrenstöpsel gebraucht hatte. Wir unterhielten uns kurz über unsere weiteren Pläne – wir wollten nach Lincoln, er wollte nach Skegness, um die Küste zu erkunden –  dann gingen wir unserer Wege.

Wir fuhren erst wieder durch Boston, vorbei am „Stump“ und der Windmühle Maud Foster. Diese steht am Foster Canal, einem der größten Entwässerungskanäle der Gegend. Im Gegensatz zu den meisten anderen Windmühlen hat sie fünf Flügel und ist sieben Stockwerke hoch. Auch heute ist sie noch in Betrieb und produziert biologisches Mehl.

maudfoster

Außerhalb der Stadt fegte der Wind ungebremst über die Ebene, und manchmal trafen uns ganz schön hinterhältige Böen von der Seite. Wir machten einen kleinen Umweg über die kleine Ortschaft New York, um das Ortsschild zu fotografieren.

newyork

Unsere Mittagspause machten wir diesmal in Woodhall Spa. Dort hatte man im 19. Jahrhundert, als man eigentlich Steinkohle suchte, eine Mineralquelle entdeckt, deren Wasser sehr reich an Jod und Brom ist. Einige kranke Kühe, die davon tranken, wurden wieder gesund, und Woodhall Spa wurde ein Kurort. Wir suchten uns ein Bänkchen gegenüber dem Denkmal für die gefallenen Soldaten des ersten Weltkriegs. Am Morgen hatten wir in der Zeitung gelesen, dass die Engländer ziemliche Schwierigkeiten mit dem bevorstehenden Jubiläum nächstes Jahr haben: Einige Politiker möchten vermeiden, dass es zum „German Bashing“ kommt, während ein Kolumnist meint, dass es keinen Grund gäbe, sich bei den Deutschen einzuschleimen („sucking up to the Germans“). Aber es muss doch noch eine Menge zwischen diesen Extremen geben, oder sehe ich das falsch? Nachdem wir eine Weile erfolglos darüber philosophiert hatten, fuhren wir weiter, vorbei an netten Kirchen, Ruinen und Spaziergängern.

ruine

spaziergänger

In der Nähe befand sich auch ein Übungsgelände der Royal Air Force, und die Flugzeuge gingen uns nach einer Weile gewaltig auf den Senkel. Jetzt kam auch zum ersten Mal auf dieser Reise das Regenzeug zum Einsatz. Irgendwie bewegten wir uns in einem Gebiet, in dem die Schön- und Schlechtwetterfront aufeinander trafen, so dass wir immer wieder einen kräftigen Duscher abbekamen und dann wieder durch fast sonnige Abschnitte radelten. In der Praxis bedeutet dies: Regenjacke an, Regenjacke aus, denn wenn es nicht mehr regnet, fängt man in seinem Regenzeug an, im eigenen Saft zu schmoren.

mitregenzeug

Und dann sahen wir, leider etwas verschwommen, in der Ferne die Kathedrale von Lincoln. Majestätisch thront sie auf einem Hügel mitten in der weiten, leeren Ebene. Bill Bryson beschreibt Stadt und Kathedrale in seinen „Notes from a Small Island“ wie folgt: „I like Lincoln, partly because it is pretty and well preserved but mostely because it seems so agreeably remote. H. V. Morton, in „In Search of England“, likened it to an inland St. Michael’s Mount standing above the great sea of Lincolnshire Plain, and that’s exactly right.“ (S. 194)

kathedralelincoln

Als wir den Vorort Langworth erreichten, war es gerade mal wieder sonnig. Wir machten uns auf die Suche nach einem Campingplatz und wurden schnell fündig – ein Schild dirigierte uns zu dem Platz “Lakeside”. Peter war sich nicht sicher, ob wir dort mit dem Zelt stehen durften, aber ich hatte ja alles recherchiert. Und siehe da, an dem verschlossenen Tor prangte das Zelt-Symbol. Jetzt mussten wir noch auf das Gelände kommen. Es gab eine Klingel, die wir betätigten, und aus der Sprechanlage quakte es: “What can I do for you?” Na was wohl? Peter antwortete höflich: “We would like to get in.” Langsam glitt das Tor zu Seite und wir rollten hinein zur Rezeption. Diesmal wollten wir zwei Nächte bleiben, um Lincoln zu besichtigen. Der Platzwart gab uns den Tipp, mit dem Bus zu fahren, und die Idee erschien uns gar nicht schlecht. Dann mussten wir uns nicht durch siebzehn Monsterkreisverkehre einen Weg in die Stadt suchen, und die Stahlrösser hatten auch mal einen Ruhetag. Wir bekamen noch ein paar Broschüren und einen Code für das Tor. Auch dieser Campingplatz ist, wie der Name schon andeutet, ein Angelcampingplatz, der wohl vor allem auf Wohnwagengäste eingestellt ist, da die Sanitäranlagen ziemlich klein sind. Da wir aber mal wieder die einzigen Zeltbewohner waren, war das kein Problem.

Gerade, als wir da Zelt aufgebaut und eingerichtet hatten, begann es zu gewittern, und der Himmel öffnete seine Schleusen. Warm und trocken saßen wir im Zelt und studierten das Informationsmaterial, das wir an der Rezeption erhalten hatten. Im Dorf gab es ein Pub und ein chinesisches Restaurant. Das Abendessen war also gesichert – dachten wir.

regen

Als der Regen nachgelassen hatte, machten wir uns zu Fuß auf den Weg ins Dorf. Bei der Bushaltestelle notierten wir die Abfahrtszeiten und gingen dann zum Pub, das nicht weit weg war. Man konnte dort tatsächlich essen, aber nur von Freitag bis Sonntag, und jetzt war Donnerstag. Wir hatten aber keine Lust, bis zum nächsten Tag zu warten, und machten uns auf die Suche nach dem Chinesen. Das war leichter gesagt als getan. In der einen Richtung war nichts zu finden, und in der anderen schien plötzlich das Dorf zu Ende zu sein. Und einen Supermarkt konnten wir auch nirgends entdecken. Wir gingen zurück zum Campingplatz, um die Leezen zu holen. Die zwei Angler, die wir fragten, wussten auch nur so ungefähr Bescheid. Wahrscheinlich fingen sie genug, so dass sie kein Restaurant brauchten.

Wir folgten den Erklärungen der Angler und landeten erst mal in der Pampa. Also wieder zurück und noch einmal die Hauptstraße entlang. Tatsächlich, wo wir das Ende des Dorfes vermutet hatten, war nur eine Lücke in der Bebauung, danach ging es noch ein ganzes Stück weiter. Irgendwie logisch, der Ort heißt ja auch Langworth. Der Chinese befindet sich direkt am Ortsausgang bei den Bahnschienen. Dort ist auch noch ein Campingplatz, und diesen hatte ich mir eigentlich im Internet ausgeguckt. Aber egal, wir standen gut.

Im Restaurant gab es ein gutes und reichhaltiges Büffet, war zur Folge hatte, dass wir mal wieder viel zu viel aßen, denn man muss ja alles probieren, und manche Sachen schmecken so gut, dass man sich noch eine zweite Portion genehmigen muss. Danach rollten wir langsam zurück zum Campingplatz und krochen in unsere Schlafsäcke.

Gegen vier Uhr nachts wurde ich kurz wach, da eine Krähe genau neben meinem Kopf einen Mordsradau machte. Zum Glück flog sie bald weg, und ich konnte weiter schlafen. Wir standen recht spät auf und trödelten erst noch eine Weile herum, bevor wir uns auf den Weg zur Bushaltestelle machten.

lakeside2 lakeside

Doch erst waren wir zu früh und dann der Bus zu spät, so das wir eine ganze Weile dort spazieren standen. Aber zum Glück warteten außer uns noch ein junges Paar mit Kind und zwei ältere Damen. Dann gibt es zumindest noch Hoffnung, dass man nicht irgendetwas übersehen hat. Endlich kam der Doppeldeckerbus und oben war sogar noch etwas frei. Im oberen Stockwerk eines Doppeldeckers zu reisen ist schon abenteuerlich: Man fühlt das Schwanken des Busses in der Kurve deutlich mehr als unten und man hat ständig das Gefühl, dass das Gefährt sehr nah an allem vorbeischrammt. Außerdem kann man in den ersten Stock der Häuser an der Straße schauen. In der Stadtmitte stiegen wir aus und kamen alsbald an einem Stadtplan-Automaten vorbei. Wir investierten ein Pfund und erstanden einen Plan, in dem die Straßen und Häuser in dreidimensionaler Optik eingezeichnet waren.

Die Stadt Lincoln blickt auf eine lange, bewegte Geschichte zurück. Schon vor der Ankunft der Römer gab es an dieser Stelle eine Siedlung, über deren Bewohner jedoch nichts bekannt ist. Die Römer nannten ihre Siedlung “Lindum Colonia”, was nach und nach zu “Lindon” und später “Lincoln” wurde. Schon früh entwickelte sich die Stadt  aufgrund ihrer günstigen Lage an zwei Hauptstraßen und dem Fluss Witham zu einem regen Handelszentrum. Nach de Römern kamen die Angelsachsen und später die Dänen, deren Einfluss noch in den Straßennamen zu erkennen ist: Hungate, Michaelgate, Westgate etc. Dabei handelt es sich nicht um Tore, sondern um Straßen, denn die Endung “-gate” stammt vom skandinavischen “gata” (Weg, Straße). In York wird das Ganze noch verwirrender, aber ich möchte hier nicht vorgreifen. Später ließ William the Conqueror das Schloss errichten, um die Stadt zu kontrollieren, und im Jahr 1070 ließ Bischof Remigius den Grundstein zur Kathedrale legen. Im Jahr 1141 fand die Schlacht von Lincoln statt, in der König Stephen und Kaiserin Mathilda um den Thron Englands kämpften. Dieser Schlacht wird in Ken Follets Roman “Die Säulen der Erde” sehr eindringlich aus der Perspektive von Prior Philipp beschrieben, der eigentlich nur den Bau der Kathedrale von Kingsbridge fortsetzen möchte und bei seinem Versuch, König Stephen um Hilfe zu bitten, mitten in das Kampfgetümmel gerät.

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Wir wollten als erstes die berühmte Kathedrale besichtigen, die ganz oben auf den “Steep Hill” steht. Dieser Hügel trägt seinen Namen zurecht, er ist wirklich sehr steil! Mühsam schnäufelten wir nach oben, und die zahlreichen Geschäfte boten genug Ablenkung. Eines verkaufte Eis und Getränke und warb dafür mit dem Slogan: “Steep Hill? Thirst Aid available here!”

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Endlich erreichten wir die Kathedrale, deren Türme und Teile der Fassade gerade renoviert wurden.

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Am Eingang erhielten wir einen Prospekt, in dem der Rundgang durch das Gotteshaus wie eine Pilgerreise beschreiben wird, die am Eingang beginnt, dann am Taufbecken, den zwei großen Rosenfenstern und dem Altar sowie einigen anderen Stationen vorbei führt und schließlich am Schrein von St. Hugh, im 12. Jahrhundert Bischof von Lincoln und Namenspatron der Kathedrale, endet.

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Wie immer faszinierten mich besonders die bunten Fenster, die ich stundenlang anschauen könnte.

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In einem der Gänge stand eine Büste eines Steinmetzes, der auf dem Plakat darunter als „Mason Paul“ vorgestellt wurde. Seit 35 Jahren arbeitet er schon an der Kathedrale und leitet auch die derzeitigen Renovierungsarbeiten. Wenn diese fertig sind, soll die Büste in einem der Türme ihren Platz finden. Trotz aller technischer Fortschritte ist die Renovierung einer Kirche weitgehend ehrliches Handwerk, und ich finde es sehr sympathisch, dass Mason Paul einen Ehrenplatz erhalten soll.

masonpaul

Zum Schluss gingen wir noch durch den Kreuzgang.

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Nach der Besichtigung bewunderten wir die Aussicht auf dem Hügel und gingen dann wieder in die Stadt hinunter. Da es Zeit zum Mittagessen war, gingen wir in einen asiatischen Imbiss, wo sie auch WLAN hatten, so dass wir in unsere Mails schauen konnten. Zum Glück gab es wenig Neues, wir hatten ja schließlich Urlaub. Danach streiften wir noch eine Weile durch die Stadt, wobei uns bestätigt wurde, was wir vor einigen Tagen in der Zeitung gelesen hatten: Wegen der Wirtschaftskrise waren die „Barber Shops“, also Herrenfriseure, wo man sich einen unkomplizierten Wald- und-Wiesenhaarschnitt verpassen lassen kann, wieder groß im Kommen. Schließlich gelangten wir zum Brayford Pool, dem Hafenviertel der Stadt. Früher war es ein Industriegebiet, doch nach einer eingreifenden Renovierung beherbergt es nun zahlreiche Cafés und Restaurants.

brayfordpool brayfordpool2

Nachdem wir dort eine Weile auf einer Bank gesessen und Leute und Wasservögel beobachtet hatten, gingen wir zu Marks and Spencer, um für das Abendessen einzukaufen. Wir erreichten den Eingang gerade noch rechtzeitig, bevor ein gewaltiger Regenschauer losprasselte. Als wir unsere Einkäufe erledigt hatten, war es jedoch wieder trocken, und wir nahmen den Bus zurück zum Campingplatz. Natürlich saßen wir wieder oben, und so konnten wir gut beobachten, wie sich bei einer Straßenverengung ein Auto noch schnell vor den Bus drängeln wollte und dabei ein bisschen angedatscht wurde. Aber viel war wohl nicht passiert, denn sowohl Auto als auch Bus fuhren weiter.

Auf dem Campingplatz stellten wir erfreut fest, dass am Teich bei unserem Zelt eine neue, frisch gestrichene Bank stand, auf der wir gemütlich unser Abendessen einnahmen. Danach lasen wir noch Zeitung, doch irgendwann schwirrte etwas zu viel Getier herum, so dass wir uns ins Zelt verkrochen. Zum ersten Mal auf dieser Reise war es warm genug, um ohne Socken schlafen zu gehen.

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