Ostengland 2013 – Teil 7

Über den Humber

 Auch ohne Socken hatte ich gut geschlafen, der Sommer war anscheinend gekommen. Und mit ihm die Dauercamper, die nun mit ihren Vierbeinern den Gassistreifen bevölkerten. Der Ruhetag  jedoch hatte vielleicht den Fahrrädern gut getan, aber mir überhaupt nicht. Ich war völlig aus dem Rhythmus und die Beinpower, falls ich sie denn jemals gehabt hatte, war komplett weg, so dass wir nur langsam vorwärts kamen. Dem Gatten passte es gar nicht, von mir zwangsentschleunigt zu werden, aber da musste er durch. Wir waren ja im Urlaub und nicht auf der Flucht, und irgendwann würden wir schon irgendwo ankommen.

Die Landschaft war immer noch flach, doch die Aussicht war nicht mehr so weiträumig. Wir schürten zwischen zwei hügligeren Gebieten durch nach Norden. Gelegentlich gab es kurze Regenschauer, die jedoch schnell wieder vorbei waren, so dass das Regenzeug kaum benötigt wurde.

lincolnshire3 lincolnshire2 Kurz vor halb eins kamen wir nach Messingham und wollten unsere Einkäufe erledigen. Dabei fuhr uns erst der Schreck in die Glieder, da wir dachten, dass in wenigen Minuten der Supermarkt schließen würde. Doch wir hatten das falsche Schild gelesen, nämlich das mit den Öffnungszeiten des Postschalters, der samstags tatsächlich um halb eins schließt. Der Supermarkt war noch ein paar Stunden geöffnet, so dass wir uns Zeit lassen konnten. Während Peter einkaufen ging, bewachte ich die Räder und studierte die Aushänge am schwarzen Brett. Dort wurde eine Wanderung über die Humberbrücke angekündigt, bei der Geld für einen guten Zweck gesammelt werden sollte. Besagte Brücke stand uns am nächsten Tag auch bevor. Hoffentlich spielte das Wetter mit, denn bei starkem Wind und strömendem Regen war das sicher kein Vergnügen.

Nach einem Imbiss ging es weiter. Zum Glück hatte ich meinen Fahrrhythmus einigermaßen wieder gefunden, denn inzwischen hatten wir die Ebene endgültig verlassen, und es ging fröhlich auf und ab, wie man es von England kennt.

huegliger trent

Wir durchquerten die Ortschaft Flixborough mit ihren Werften und Industrieanlagen und fuhren über eine lange Hügelkette nach Burton-upon-Stather. Dort verfranzten wir uns in einem ausgedehnten Vorortgebiet, bis wir endlich ein Hinweisschild zum Campingplatz fanden, das zum Fluss hinunter wies. Wir sausten einen halsbrecherischen Hang hinunter und erwischten gerade noch die Abzweigung zum Campingplatz. Dann mussten wir über eine frisch geschotterten Parkplatz zur Rezeption, wo ein Zettel hing, dass der Platzwart Richard sich in der Scheune befand, wo er liebevoll einen alten Morgan restaurierte.

Nachdem Peter ihm Bescheid gesagt hatte, kam er mit einer Kaffeetasse in der Hand zur Rezeption. Nachdem wir eingecheckt hatten, zeigte er uns voller Stolz die gepflegten sanitären Anlagen mit Spülküche, Wasch- und Trockenraum sowie Musikberieselung und erzählte, dass er selbst ein begeisterter Radfahrer und Besitzer von fünf Rädern ist.

Nachdem wir das Zelt aufgebaut und unser Abendessen (Pork Pie und Beilagen) verspeist hatten, gingen wir in ein Pub mit dem schönen Namen „Ferry House Inn“, wo man kanadisches Bier in Weizengläsern servierte. Wir holten uns ein Bierchen und setzten uns auf eine Bank am Fluß Trent, wo wir die sich auftürmenden Wolkengebilde beobachteten.

porkpie trent2

wolken

Nachdem wir unsere Gläser geleert und zurück gebracht hatten, erkundeten wir einen Fußweg am Flussufer. Wir hofften, dass man diesem Weg folgen und so den Monsterhügel ins Dorf umfahren könnte. Doch nach einer kurzen Weile endete der Weg am Hintereingang des Campingplatzes.

Am nächsten Morgen dudelte aus den Lautsprechern im Sanitärblock „Here Comes the Sun“ von den Beatles. Ich beschloss, das als gutes Omen für unsere Humberüberquerung zu nehmen. Als wir losfuhren, winkte Richard uns hinterher und wünschte uns eine gute Reise.

Als erstes mussten wir den Monsterhügel, den wir gestern so schwungvoll hinuntergesaust waren, wieder hinauf. Begleitet vom Klang der Kirchenglocken, das in England ganz anders klingt als zu Hause, kämpften wir uns nach oben. Dann ging es eine Weile sanft auf und ab, wobei wir langsam wieder an Höhe verloren.

Noch war es ruhig auf den Straßen, doch plötzlich kam uns eine ganze Karawane von Minis entgegen. Da fiel uns ein, dass heute Vatertag war, was in England eine größere Sache zu sein scheint. Schon seit unserer Ankunft hatten wir überall bei Pubs und Restaurants Aushänge gesehen, dass man rechtzeitig reservieren sollte. Vielleicht gehörte dieser Mini-Ausflug auch zum Programm.

minis

Dann hatten wir das Ufer des Humber erreicht und sahen in der Ferne die Brücke, die Lincolnshire mit Yorkshire verbindet.

humber humberbridge

Mit einer Mittelspannweite von 1410 Metern ist sie eine der längsten Hängebrücken auf der Welt, und – wenn man diversen Radfahrerwebsites glauben darf – die längste, die man mit dem Rad überqueren kann. Da die Brücke nicht gerade billig war, müssen Autofahrer für eine Strecke 1,50 Pfund bezahlen, doch für Radfahrer und Fußgänger ist die Überquerung umsonst.

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Unser Weg führte allerdings nicht, wie erhofft, gemütlich am Fluss entlang, sondern über ein paar Hügel, bis wir nach einer Weile Barton-upon-Humber erreichten. Ich machte mir ein bisschen Sorgen, ob wir den Radweg auf die Brücke ohne Probleme finden oder plötzlich mitten auf der meist stark befahrenen A 15 landen würden. Doch die Beschilderung war – von einer Abzweigung abgesehen – deutlich genug. Der Rad und Fußgängerweg an der westlichen Seite war aus Witterungsgründen gesperrt, so dass wir auf dem östlichen Streifen mit Aussicht zur Nordsee gen Norden fuhren.

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Es war wirklich beeindruckend. Rechts von uns die weite Flussmündung, links die vorbeifahrenden Autos und über und unter uns gigantische Kabel- und Stahlkonstruktionen, die wohltuend haltbar aussahen.

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Hin und wieder mussten wir uns den Streifen mit Sonntagsspaziergängern, Joggern und anderen Radfahrern teilen, aber viel Verkehr war nicht.

ueberdenhumber

Am anderen Ufer angekommen fuhren wir ostwärts durch Hessle und das Hafengebiet von Hull und kamen am Victoria Dock vorbei, wo wir in knapp zwei Wochen die Heimreise antreten würden. Doch daran wollte ich noch nicht denken, vor uns lag ja noch eine Menge Urlaub. Langsam wurde es Essenszeit, und an einem der Kreisverkehre erspähten wir einen Lidl. Da Peter zu Hause regelmäßig die Lidl-Reklame studiert und auch regelmäßig dort einkauft, ernannte ich ihn zum Experten und schickte ihn hinein, während ich die Karte und die Straßenschilder studierte. Hull ist sicher eine hübsche Stadt und hat wohl auch einiges zu bieten, doch zum Durchradeln finde ich es zu groß und unübersichtlich. Auf dem Radweg an der Hauptstraße kamen wir wahrscheinlich nur deshalb so gut vorwärts, weil Sonntag war und aus den zahlreichen Hafen- und Fabrikausfahrten, die in die Hauptstraße einmündeten, keine Lastwagen kamen.

Nach einer Weil kam Peter wieder zurück und hatte sogar ein paar Brezeln mitgebracht, die sofort vertilgt wurden. Dann fuhren wir gestärkt weiter. Sobald wir die Stadt verlassen hatten und wieder Richtung Norden unterwegs waren, wurde es wieder sehr ländlich. Wir fuhren durch das Dörfchen Preston, wo ein Campinglatz sein sollte. Doch schon bald waren wir auf halber Strecke zum nächsten Dorf, und außer ein paar verstreuten Bauernhöfen war nichts zu sehen.  Ich konsultierte meine Adressenliste: die Straße stimmte. Aber wenn wir diesen Platz nicht finden sollten, war es nicht tragisch, im nächsten Dorf gab es noch einen. Also schwangen wir uns wieder auf die Räder, fuhren über den nächsten Hügel und standen vor dem gesuchten Campingplatz, ein Bauernhof mit gemütlich gackernden Hühnern und einem Anglerteich.

prestoncamping

Der Platzwart stellte die üblichen Fragen nach unserem Woher und Wohin, aber da er im Gegensatz zu Richard eher kurz angebunden war, fühlten wir uns erst ein bisschen ins Kreuzverhör genommen. Doch nach einer Weile gewöhnten wir uns daran. Wir beschlossen, zwei Nächte zu bleiben und mal wieder unsere Klamotten zu waschen. Zeit wurde es, meine verschwitzte Radkleidung konnte man schon fast hinstellen.

Auf der Zeltwiese standen zwei Zelte, eines davon mit Blümchendekor und der Aufschrift „Hippie Zone“. Wir stellten uns im Geiste schon auf Gitarrenschrammelmusik am Lagerfeuer ein: „This tent is your tent, this tent is my tent…“, aber die Hippies waren schon am Packen.

Unterhaltung hatten wir aber trotzdem genug, denn nach einer Weile hielt ein Auto auf der Zeltwiese, und zwei ungefähr 17jährige Jungen stiegen aus. Sie packten ein Zelt aus und versuchten, es aufzubauen. Schon bald erkannte unser geübtes Auge, dass sie zum ersten Mal ein Zelt aufstellten, das sie auch noch von jemandem geliehen hatten. Eine fatale Kombination, und die zahlreichen Bierdosen, die sie dabei leerten, waren nicht gerade hilfreich. So kam es, dass es hin und wieder zwar halbwegs aufrecht stand, doch sobald einer der beiden die Schnüre nachspannen wollte oder sich ins Innere begab, krachte es wieder zusammen. Sie nahmen es nicht tragisch, lachten laut über ihren Misserfolg und genehmigten sich ein weiteres Bier. Auch die Anweisungen, die sie per Telefon erhielten, waren nicht von Erfolg gekrönt.

Langsam hatten wir uns genug amüsiert und wollen unsere Hilfe anbieten, da kam wieder ein Auto, dem fünf weitere Jugendliche entstiegen, die noch ein Zelt auspackten. Die Herren widmeten sich sofort dem Fußballspielen, das sie eindeutig besser konnten, und die zwei Mädels kümmerten sich um den Zeltaufbau. Und es dauerte nicht lange, da standen beide Zelte wie eine Eins.

Wir hatten inzwischen unsere Wäsche gewaschen und in die Sonne gehängt. Nach dem Abendessen fuhren wir wieder ins Dorf, da wir am Ausgang ein nettes Pub mit dem Namen „The Nag’s Head“ entdeckt hatten. Drinnen duftete es verführerisch nach „Sunday Roast“, dem bei den Engländern beliebten Sonntagsbraten, und ich erkundigte mich gleich an der Theke, ob sie unter der Woche auch Abendessen servieren würden. Darauf kann man sich auf den Britischen Inseln nämlich nicht immer verlassen, wie wir aus Erfahrung wussten. Doch hier hatten wir Glück und beschlossen, morgen dort essen zu gehen.

prestonchurch

Wir setzten uns mit unserem Bierchen in den Garten und beobachteten die Leute, die von Vatertagsausflug heimkehrten. Danach fuhren wir noch eine Runde durch das Dorf mit seiner netten Dorfkirche und ein paar kleinen Läden und kamen an einer Schule vorbei, an deren Tor ein großes Schild verkündete, dass das Gassigehen mit Hunden sowie Golf und andere Ballspiele auf dem Gelände strengstes untersagt sind.

school

Zurück auf dem Campingplatz bot sich uns ein ungeheuerlicher Anblick, und dabei hatte ich doch nur ein Bierchen getrunken. Ich schüttelte den Kopf und schloss die Augen, doch als ich sie wieder öffnete, war das Bild unverändert. Ich fragte Peter: „Sag mal, siehst du auch ein Mädchen im Löwenkostüm und sechs Leute in graurosahellblau gestreiften Overalls auf der Wiese rumrennen?“ – „Ja!“ Erleichtet atmete ich auf: „Dann ist es ja gut! Aber wo haben die bloß solche scheußlichen Teile aufgetrieben, und warum zieht man sowas freiwillig an???“ Darauf wusste Peter auch keine Antwort. Als einer der Jungen zu unserem Zelt kam und schon mal um Verständnis bat, falls es etwas lauter werden sollte, befragten wir ihn zu seinem Outfit. Die Antwort, dass sie gemeinsam Spaß haben und dieselben Sachen tragen wollten, stellte uns zwar nicht wirklich zufrieden, aber gut, jeder, wie er mag.

Es wurde auch tatsächlich etwas lauter, da sie durch die Gegend rannten, über die Hecken sprangen und Unmengen Bier in sich hineinschütteten. Die Platzwärtin kam zu unserem Zelt, um sich zu entschuldigen, bei der Reservierung hatte sie keine Ahnung gehabt, was sie hier erwartete. „Wir sind eigentlich ein ruhiger Platz. Wenn es gar nicht anders geht, könntet ihr euer Zelt ja auf der anderen Wiese aufstellen. Oder wir müssen die Bande heimschicken.“ Wir versicherten ihr, dass wir schon Schlimmeres erlebt hatten und notfalls Taschentücher in die Ohren stopfen konnten. Und so lange die Kids in ihrer Hälfte blieben und nicht etwa auf die Idee kämen, unser Zelt über den Haufen zu rennen, könnten wir mit dem Krach leben. Irgendwann würde ihnen ja die Puste ausgehen.

Tatsächlich war dies auch bald der Fall, oder wir kriegten nicht mehr viel mit, denn wir waren tatsächlich bald eingeschlafen.

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