Ostengland 2013 – Teil 8

Zurück an die Küste

Die Morgensonne weckte uns früh, aber weil wir heute ohne Gepäck die Gegend erkunden wollten, konnten wir uns Zeit lassen. Während wir in aller Ruhe frühstückten, begann sich am anderen Ende der Wiese etwas zu regen. Eine graugewandete Gestalt schlurfte an uns vorbei, krächzte „Good morning“ und hängte sich an den Wasserhahn. Dann kroch das Mädchen, das noch immer sein Löwenkostüm trug, aus dem Zelt und rollte sich im Schatten der Hecke zusammen. Wenn man in so einer Haltung auf dem Boden liegt, fühlt man sich wahrlich nicht wohl, wie wir aus Erfahrung wissen. Aber da müssen sie durch – ging uns ja in jungen Jahren auch nicht anders.

springvalley

Nach dem Frühstück fuhren wir über die sanften Hügel zur Küste. Wir befanden uns im „White Rose County“, wie man unschwer an der weißen Rose erkennen kann, die hier die Ortsschilder ziert. Sie war das Wappen des „House of York“, das im 15. Jahrhundert erbittert mit dem „House of Lancaster“ um die Thronfolge kämpfte. Auf den Ortsschildern in Lancashire sieht man eine rote Rose, aber diesmal kamen wir nicht so weit nach Westen.

whiterose

Unterwegs kamen wir an einem Haus vorbei, in dessen Vorgarten das englische Georgskreuz und die bayrischen Rauten fröhlich Seite an Seite im Wind flatterten. Hier wohnt bestimmt eine „gemischte“ Familie, die ihren Lokalpatriotismus nicht versteckt. Nicht weit weg kündigte passenderweise ein Pub ein „Beer Festival“ für August an.

Bald erreichten wir das malerische Küstenstädtchen Withernsea mit seinem weißen Leuchtturm und der breiten, von viktorianischen Häusern gesäumten Strandpromenade. Dort ließen wir uns auf einer Bank nieder und beobachteten Möwen und Spaziergänger.

withernsea

An der Kaimauer befindet sich eine Tafel, die darauf hinweist, dass etwa eine Meile vor der Küste die Kirche St. Mary the Virgin stand, die im 15. Jahrhundert im Meer versank. Ob man auch hier, wie in Dunwich,  in stürmischen Nächten die Glocken hören kann?

withernsea3 withernsea2

Dann folgten wir einen Küstenweg durch Rapsfelder Richtung Süden. Immer wieder sahen wir auch Windräder, „windfarms“ werden diese Anlagen hier genannt. Bei Easington wurde es dann wieder etwas industrieller.

industrie

Wir folgten einem Pfad zu einer Küstenstelle, von der aus man einen guten Blick auf Spurn Head hat. Auch hier konnte man gut sehen, wie die Küste dramatisch wegbricht. Wieviel das wohl pro Jahr sein mochte? Irgendwen müssten wir hier noch fragen.

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Nach einer Weile schwangen wir uns wieder auf die Leezen und fuhren landeinwärts durch ein Gebiet, das Holderness genannte wird, Richtung Patrington, wo wir unversehens auf den Nullmeridian stießen. Erst war ich etwas verblüfft, denn das Ding ist ja bekanntlich in Greenwich, wo wir vor vielen Jahren auch schon gewesen waren. Aber es ist natürlich logisch, dass er weiter nach Norden (und auch nach Süden) läuft, denn es ist ja schließlich ein Längengrad. Etwa fünf Kilometer nördlich von Withernsea bei Tunstall erreicht er die Nordsee.

meridian

Wir fuhren weiter Richtung Hedon. Das Getreide auf den Feldern reifte friedlich vor sich hin, und am Straßenrand blühte der Klatschmohn – wunderschön!

hafer mohn

Überhaupt könnte man sich zu Hause ein Beispiel an den Hecken und Grünstreifen an den Straßenrändern nehmen. Die Hecken, die die Felder säumen, sorgen nicht nur dafür, dass der Boden nicht weggeweht wird, sondern bieten auch Insekten, Vögeln und anderen Kleintieren ein Zuhause.

In dem malerischen Städtchen Hedon gingen wir einkaufen.

hedon hedon2 hedon3

Dann fuhren wir zurück auf den Campingplatz. Die Zeltwiese war wieder leer, die Truppe in ihren merkwürdigen Overalls war verschwunden. Dafür gackerten die Hühner gemütlich vor sich hin. Als ich an ihnen vorbei zum Toilettengebäude ging, pickte der Hahn nach meinem Knöchel. Da blieb mir erst mal die Spucke weg – das Viech hat mich angefallen!

huehner

Nachdem ich mich von dem Schreck erholt hatte, legten wir uns vor das Zelt und lasen gemütlich die Daily Mail. Der Aufreger des Tages war das Wasserversorgunsunternehmen „Thames Water“ und die Tatsache, dass Direktor Robert Collington den „Order of the Britisch Empire“ erhalten hatte. Man ärgerte sich darüber, dass „Thames Water“ das Leitungsnetz in London nicht sanierte, dafür aber gnadenlos die Wasserpreise erhöhte und dann noch nicht mal Steuern zahlen musste. Seltsam nur – und schade – dass in Großbritannien so wenig Bürger die Petition „Wasser ist ein Menschenrecht“ unterzeichnet haben, die der weiteren Privatisierung von Wasser und den damit verbundenen Ärgerlichkeiten entgegengehen soll.

Später gingen wir ins Pub „Nag’s Head“, wo wir uns ein ausgezeichnetes Abendessen und ein Bierchen schmecken ließen. Danach verkrochen wir uns ins Zelt und schliefen den Schlaf der Gerechten. Was für eine Ruhe herrschte doch heute auf dem Platz!

leererplatz

Am nächsten morgen war es sonnig, aber ziemlich kalt. Der Wind hatte sich wieder mal gedreht und wehte nun aus Nordosten. Doch als wir abgebaut hatten, war es warm genug, dass wir uns dick mit Sonnencreme einschmierten. Dann ging es los. Man merkte, dass wir jetzt in Yorkshire waren, hier ist es nirgendwo mehr richtig flach.

yorkshireweg

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Bei Mappleton erreichten wir wieder die Küste und gönnten uns eine kurze Verschnaufpause. Dann ging es nordwärts durch Hornsea nach Bridlington. Kurz vorher mussten wir wieder ein Stück auf einer vielbefahrenen A-Road zurücklegen. Zum Glück sind die Autos hier nicht mehr solche Dreckschleudern wie vor zwanzig Jahren, als ein paar Kilometer A-Road einen mittleren Erstickungsanfall provozierten. Trotzdem waren wir froh, als wir die Hautstraße wieder verlassen und nach Bridlington hineinfahren konnten. Die zahlreiche Ampeln kosteten uns eine Menge Zeit, bis wir endlich auf der Promenade waren, wo es wieder Zeit für eine Pause war.

bridlington bridlington2

Dort lasen wir auf einem Schild, dass hier der „Way of the Roses“ beginnt – oder endet, je nachdem. Diese 170 Meilen (knapp 275 km) lange Radstrecke führt von Bridlington im White Rose County an die Westküste, genauer gesagt nach Morecambe im Red Rose County – womit wir wieder bei den Rosen wären. Wir studierten die Informationen auf dem Schild und stellten fest, dass der Weg hier im Osten noch relativ gut zu fahren ist, doch je weiter man nach Westen kommt, umso härter wird er, da man die Pennines überqueren muss, einen Gebirgszug in nord-südlicher Richtung, der auch „the backbone of England“ genannt wird. Vor acht Jahren waren wir in glühender Hitze dort unterwegs gewesen und hatten uns immer wieder verfahren, da die Schilder irgendwie gar nicht zu unserer Karte passen wollten. Am Ende jeder Etappe hatten wir das dumpfe Gefühl, dass es sicher auch einen kürzeren und weniger anstrengenden Weg gegeben hätte. Diesmal bleiben uns derartige Abenteuer hoffentlich erspart.

Nach einer Weile brachen wir wieder auf. Wegen des Windes schenkten wir uns den Abstecher zum Flamborough Head, aber für den Campingplatz in Bempton war es definitiv noch zu früh, also  fuhren wir über idyllische Wege und sanfte Hügel mit schönen Abfahrten weiter Richtung Norden.

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In dem Dörfchen Hunmanby stockten wir ein einem kleinen Supermarkt unsere Vorräte auf: vernünftiges Müsli, Cider, Salate und dergleichen und fuhren weiter Richtung Filey. Doch als wir den Eingang des Campingplatzes „Orchard Farm“ passierten, hatten wir plötzlich keine Lust mehr und beschlossen, hier zu bleiben, da die Zeltwiese bei der Rezeption recht gemütlich aussah. Die Übernachtung war hier auch erstaunlich günstig. Wir durften uns wieder einen Platz aussuchen – es war auch fast alles frei – und sollten die Toiletten und Duschen neben der Rezeption benutzen.

Erst, als wir das Zelt aufgebaut hatten und den Platz erkundeten, stellten wir fest, dass es sich um einen riesigen Holiday Park mit Schwimmbad, Spielplatz und einer Miniatureisenbahn handelte. Aber alles, auch die großen Toilettengebäude, waren noch geschlossen, und die Eisenbahn stand wohl noch im Depot. Außer uns waren nur ein paar Dauercamper und ein Herr nebst Tochter im Wohnmobil da. Es war eindeutig noch Vorsaison.

Nach dem Abendessen setzten wir uns in die Sonne und vertieften uns in unsere Lektüre. Als die Sonne unterging und es kühler wurde, verkrochen wir uns in die Schlafsäcke.

 

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Kategorien: 2013 - Ostengland | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Ostengland 2013 – Teil 8

  1. bockmouth

    Ach Petra, immer wieder ist es so schön, von euren Radabenteuern in Merry Old England zu lesen…

    Eine Idee von mir: Könntest du evtl. zu jeder Reiseetappe eine Routenkarte hinzufügen?

    • Darüber habe ich schon mal nachgedacht, aber im Moment weiß ich noch nicht, wie man sowas macht. Vielleicht bei der nächsten Reise. 🙂

  2. Pingback: Nordostengland und Borders 2016 – Teil 1 | Grenzwanderer

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