Ostengland 2013 – Teil 9

Weltstadt Whitby

 Am Morgen war es mal wieder bewölkt, doch während des Frühstücks wagte sich die Sonne langsam und vorsichtig hinter den Wolken hervor.

Dieses Mal dauerte es etwas länger als die üblichen zwei Stunden nach dem Aufstehen, bis wir reisefertig waren, denn beim Betrachten unserer gepackten Taschen fand Peter, dass sie Ähnlichkeit mit „standing stones“ hatten, und dass man daraus einen wunderbaren Steinkreis bauen konnte. Also experimentierten wir mit verschiedenen Aufstellungen. Leute, vergesst Stonehenge, und Avebury war gestern! Die Touristenattraktion des 21. Jahrhunderts ist der Hunmanby Bag Circle.

hunmanbybagcircle

Dann machten wir uns auf den Weg nach Scarborough, und dreimal dürft ihr raten, welcher Ohrwurm mich an diesem Tag verfolgte. Tipp: Beim Kochen habe ich ihn auch gelegentlich.

nachscarborough

Unterwegs kamen wir an einem „Car Boot Sale“ vorbei, einer Art Flohmarkt, wobei viele der Artikel direkt aus dem Kofferraum der zahlreichen Autos verkauft wurde. Was wir im Vorbeifahren erspähten, weckte in uns nicht den Wunsch, sich das Ganze genauer anzuschauen. Wir hatten selten so viel Ramsch auf einem Haufen gesehen.

Als wir Scarborough erreichten, machten wir uns auf die Suche nach dem Anfang des „Cinder Track“, einer stillgelegten Eisenbahnstrecke, die jetzt ein Radweg ist. Vor knapp zwanzig Jahren waren wir schon einmal das Stück von Whitby bis Ravenscar gefahren, und zu meiner großen Freude hatte ich im Internet entdeckt, dass man den Weg inzwischen bis Scarborough durchgezogen hatte. Soweit ich mich erinnerte, war der Weg recht gut zu fahren und die Steigungen, die es in dieser Gegend in sich haben, hielten sich in Grenzen. Der einzige Nachteil war, dass man von der Schlacke, die als Bodenbelag verwendet wird (daher auch der Name „Cinder Track“), ziemlich schwarze Beine bekam, aber damit kann man ja leben.

cindertrack

Der Eingang ist nicht gerade leicht zu finden, man muss irgendwie hintenrum über den Parkplatz des Superstore. Dort machten wir auf einer Bank Brotzeit, was zur Folge hatte, dass sich plötzlich sämtliche Hunde Scarboroughs mit ihren Herrchen und Frauchen im Schlepp zu uns gesellten. Auch ein Rudel Kindergartenkinder mit gelben Sicherheitswesten kam vorbei. Ihre Leiter hätten einen Schäferhund, der die Kleinen umkreist, gut gebrauchen können.

 cindertrack2

Dann fuhren wir weiter und folgten den Totempfählen, die den „Cinder Track“ markieren. Am Anfang ging es noch wunderbar. Der Weg war zwar geschottert, und immer, wenn er eine Straße kreuzte, musste man mühsam ein Gatter öffnen oder umfahren (die Betonung liegt auf der zweiten Silbe, nicht auf der ersten), aber verglichen mit der Landschaft, durch die der Weg führt, ist er wirklich ziemlich flach.

cindertrack6 cindertrack5

Wir kamen an schnuckligen Häuschen, Rapsfeldern und blühenden Ginstersträuchern vorbei und genossen die spektakuläre Aussicht über die Hügel und die Küste.

cindertrack4 cindertrack3

cindertrack8 cindertrack7

Doch leider wurde die Oberfläche immer schlechter, und auf den an den Gattern angebrachten Hinweiszetteln konnte man lesen, dass die starken Regenfälle im Frühjahr den Belag zum größten Teil weggespült hatten. Die Folge waren tiefe Schlaglöcher, die man mit akrobatischem Geschick umfahren musste, und bei Gegenverkehr, von dem es hier eine ganze Menge gab, wurde es manchmal richtig gefährlich.

cindertrack9

Bei Ravenscar entschlossen wir uns dann, den Weg zu verlassen und über die steigungsreiche Hauptstraße weiter nach Whitby zu fahren.

nachwhitby nachwhitby2

Es war mal wieder der Wahl zwischen Pest und Cholera, denn die Hügel haben es in sich, und die Autos, die hier unterwegs sind, fahren nicht gerade langsam. Deshalb waren wir froh, als wir die A 171 verlassen und über Sneaton und Ruswarp weiterfahren konnten. Die paar zusätzlichen Kilometer nahmen wir gerne in Kauf. Whitby konnten wir auf jeden Fall nicht verfehlen, denn schon eine ganze Weile sahen wir die alten Abteiruinen ehrfurchtgebietend auf den Klippen thronen.

whitbyabbey

Kurz vor Whitby ging es jedoch mal wieder schief, denn bei der Brücke über den Fluss Esk gab es zwei Schilder, die einen Radweg in die Stadt anzeigten, und der Hausherr, der es mal wieder eilig hatte, war nirgendwo zu sehen. Ich fragte einen Radfahrer, der aus einem der Wege kam, ob Peter ihm entgegen gekommen war, doch er verneinte. Also fuhr ich vorsichtig ein Stück den anderen Weg entlang, und Peter, der wohl gemerkt hatte, dass ich nicht mehr da war, war inzwischen auch umgekehrt, und so machten wir uns zusammen auf den Weg in die Stadt, die in Bram Stokers Roman “Dracula” folgendermaßen beschrieben wird:

“This is a lovely place. The little river, the Esk, runs through a deep valley, which broadens out as it comes near the harbour. […] The valley is beautifully green, and it is so steep that when you are on the high land on either side you look right across ist, unless you are near enough to see down. […] Right over the town is the ruin of Whitby Abbey, which was sacked by the Danes […]. (Seite 80)

Und steil ist es hier wirklich, manchmal sogar um die 20%, so dass ich mal wieder zum Schieben verdammt war. Bei einer scharfen Rechtskurve überkamen mich plötzlich Zweifel dass ich mein Rad da herum kriegen würde! Sollte ich jetzt etwa alles abladen und einzeln diesen verflixten Hang hochschleppen? Mit aller Kraft stemmte ich mich dagegen und schaffte die Kurve. Wir sahen ein Schild zu einem Campingplatz, dem wir folgten, und sahen einen Mann mit sehr muskulösen Oberarmen, der einen Kinderwagen nach oben schob. Diese Muskelpakete braucht man hier auch!

whitby

Der Campingplatz befand sich noch im Aufbau, und der Platzwart war auf dem Gerüst eines Ferienhäuschens zu finden. Er rief uns zu, dass wir uns einen Platz aussuchen durften und später abrechnen sollten. Wir suchten uns ein Plätzchen auf der terrassenartig angelegten Wiese und bauten langsam auf. Mann, war ich geschafft.

Als unser Zelt stand, gingen wir den Hügel wieder hinunter ins Zentrum.

whitby2

Bei einem Mega-Coop am Bahnhof mit einer riesigen Kühlfront kauften wir ein, allerdings nicht für das heutige Abendessen. Auf dem Weg hatten wir einige Fish-and-Chips-Läden entdeckt, und da wir schon in einer Hafenstadt waren, konnte man sich auch mal wieder so etwas gönnen. In dem Landen überließ ich es Peter, das Essen zu besorgen, denn die Hitze dort drin und der Fisch- und Fritierfettgeruch hätten mich fast aus den Socken gehauen. Im spärlichen Schatten der Hauswand wartete ich und ärgerte mich im Stillen über einen ebenfalls wartenden Autofahrer, der die ganze Zeit den Motor laufen ließ. Ich überlegte, ob ich etwas sagen sollte, aber es erschien mir nicht ratsam, mich mit diesem tätowierten Kleiderschrank am Steuer anzulegen. Also grollte ich nur leise vor mich hin, bis Peter wieder aus dem Laden kam.

Wieder auf dem Campingplatz verspeisten wir mit Aussicht über die Stadt unsere Fish and Chips.

Danach machten wir einen Verdauungsspaziergang zur Abbey. Diese war im 7. Jahrhundert erbaut worden, doch bereits im Jahre 877 wurde sie von den damals noch heidnischen Dänen zerstört. Seit 1995, als wir unseren ersten gemeinsamen Englandradurlaub gemacht hatten, hatte sich dort einiges verändert. Um die Ruinen, die damals noch frei zugänglich waren, zog sich jetzt eine Mauer mit einem Abbey Experience Centre“. Fotgrafieren konnte man die Ruinen aber immer noch kostenlos. Den Campingplatz zwischen Ruinen und Steilküste, auf dem wir damals gestanden hatten, gab es nicht mehr. Dort hatte ich damals nachts immer wieder zur Abbey gespäht, ob die Äbtissin Hilda, die seit dem Überfall der Dänen regelmäßig an einem der Fenster erscheinen soll, oder eines der anderen Gespenster, die sich dort angeblich rumtreiben, zeigen würde, aber nichts war’s. Und diesmal war unser Campingplatz zu weit weg.

whitbyabbey2

Wir gingen noch ein Stück an der Steilküste spazieren, die auch hier sehr eindrucksvoll ist, und genossen den Blick über das Meer und die Aussicht über die Stadt.

whitbyaussicht2 whitbysteilkueste

whitbyaussicht4 whitbyaussicht3

whitbyaussicht

Auf einer Weide grasten vier Kühe, die sich extra für das Foto nebeneinander aufstellten.

kuehe

Dann gingen wir zurück zum Campingplatz, wo sich ein Amselmännchen bei unserem Zelt niedergelassen hatte, und bewunderten den Sonnenuntergang über der Stadt. Dann gingen wir schlafen.

whitbysunset

In der Nacht fing es an zu regnen, und der Regen hielt auch morgens noch an, so dass wir erst mal im Zelt herumtrödelten, lasen und Postkarten schrieben, von denen wir einige schon seit zwei Wochen mitschleppten. Bei unserem späten Frühstück leistete uns das Amselmännchen von gestern Gesellschaft und ließ sich zutraulich auf meinem Fahrradlenker nieder. Wir beschlossen, ihn Richard zu nennen, das passte irgendwie zu ihm.

richard

Endlich war es trocken genug, dass wir in die Stadt gehen konnten. Wie in Lincoln kann man auch hier 3D-Karten aus dem Automaten ziehen, aber da Whitby eher überschaubar ist, verzichteten wir diesmal darauf. Die Stadt ist nicht nur wegen ihrer Abteiruine einschließlich Gespenster bekannt, sondern auch wegen des Seefahrers James Cook, der hier im Jahre 1768 zu seiner Südseereise aufgebrochen war. Auch seine Schiffe wurden hier gebaut.

Außerdem schrieb Bram Stoker hier seinen Roman „Dracula“ und ließ den Vampir aus Transsylvanien in Whitby an Land gehen. Während des Studiums hatte ich das Buch zwar gelesen, aber erst jetzt erschien mir Whitby als Landeplatz denkbar unlogisch, wenn man mit dem Schiff aus Rumänien kommt. Wäre da ein südenglischer Hafen nicht naheliegender gewesen? Diese Frage ließ mir keine Ruhe, und so nahm ich mir zu Hause noch einmal den Roman vor. Und tatsächlich, das Schiff „Demeter“ war wegen eines Sturms vom Kurs abgekommen, und der Graf hatte unterwegs die Besatzung gnadenlos dezimiert. Als die „Demeter“ den Hafen von Whitby erreicht hatte, waren nur noch der ans Steuer gebundene tote Kapitän und ein schwarzer Hund an Bord. Letzterer sprang an Land und verschwand.

Als erstes gingen wir zum Bahnhof, um Karten für die „North York Moor Railway“, eine Dampfeisenbahn, die durch die raue Heidelandschaft nach Pickering fährt, zu erwerben. Dort wollten wir morgen hin und dann weiter nach York.

Danach bummelten wir durch die Stadt mit ihren schmalen steilen Gassen und besuchten die zahlreichen Geschäfte. Die gefühlten sieben Hügel der Stadt haben es in sich, da die Engländer anscheinend nicht viel von Serpentinen halten und die Straßen möglichst gerade den Berg hinauf legen.

whitby3 whitby4

Im Hafen gingen wir bis zum Ende des Piers, wobei man gut aufpassen musste, wo man hin tritt, denn zwischen den Planken befinden sich breite Spalten, und es geht ziemlich tief runter. Am Anfang des Piers gibt es einige Fish-and-Chips-Läden und auch entsprechen viele Möwen, doch gegen Ende, wo weniger Menschen sind, verteilen sich die Vögel auch wieder. Misstrauisch beäugte ich die Möwen, denn bei meinem ersten Aufenthalt hier hatte mich eine so richtig erwischt – die Ladung landete mitten auf meinem Kopf! Ich hatte mich selten so beschissen gefühlt. Diesmal jedoch blieb mir ein solches Missgeschick erspart und ich konnte die Aussicht über den Hafen und zur Abbey auf dem gegenüberliegenden Hügel genießen.

whitbypier whitbypier2

whitbypier3

Nach einer Weile fing es wieder an zu regnen, und wir gingen zum Supermarkt und danach zurück zum Campingplatz, wo wir den Tag mit Salat, Pork Pie, Birnencider und Zeitungslektüre ausklingen ließen.

Advertisements
Kategorien: 2013 - Ostengland | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

Beitragsnavigation

3 Gedanken zu „Ostengland 2013 – Teil 9

  1. Das ist wieder ein sehr anschaulicher Reisebericht. Vielen Dank dafür!
    Liebe Grüße von Elvira

  2. bockmouth

    Wieder ein total amüsanter Reisebericht von der Insel. Das Foto mit dem Gepäcktaschenkreis ist wirklich preisverdächtig…:-)

    Scarborough und Münsters Partnerstadt York sind mir auch in guter Erinnerung. Dort hab ich 1973 erstmals im Leben Fast Food gespeist und zwar im Whimpy. Gibt’s heute gar nicht mehr….

  3. Pingback: Urlaub im Moinland- Teil 5 | Grenzwanderer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: