Ostengland 2013 – Teil 10

Die North York Moors

 In der Nacht hatte der Regen gemütlich auf das Zelt getrommelt, das bis jetzt zum Glück gut dicht hielt. Am Morgen regnete es leider immer noch, so dass wir im Vorzelt frühstückten – ohne Kaffee, da sich das Anzünden des Gaskochers im Zeltinneren nicht empfiehlt. Danach war immer noch keine Struktur in der Wolkendecke zu sehen, also hieß es nass abbauen und einpacken. Richard war weit und breit nirgends zu sehen. Treulose Tomate.

Wir brachen auf und glitschten vorsichtig den steilen Hügel vom Campingplatz zur Hauptstraße hinunter und fuhren zum Bahnhof. Da es bis zur Abfahrt der „North Yorkshire Moors Railway“ noch eine Weile dauerte, deckten wir uns im Supermarkt schon mal mit Verpflegung ein. Dann unterhielten wir uns mit einem Radfahrer aus der Gegend, der mit dem Zug nach Middlesborough und dann nach Norden radeln wollte. Als ich ihm erzählte, wo wir bisher gewesen waren, meinte er: „You‘ve done the easiest part then.“ Sooo deutlich hätte man das jetzt auch nicht formulieren müssen, auch wenn es stimmte. Dann bemerkte er, dass die Leute „vom Kontinent“ meistens mit Ortlieb-Packtaschen unterwegs seien. Richtig, sie sind zwar nicht billig, aber meine Hintertaschen habe ich schon zwölf Jahre, und sie sind immer noch tiptop in Ordnung: Sie sind noch absolut wasserdicht, und auch die Aufhängung ist noch so, wie sie sein soll.

Dann fuhr der Zug ein und die Dampflokomotive („Green Knight“, Baujahr 1956) wurde umgehängt.

dampflok

Ein Zugbegleiter in stilvoller Uniform half uns, die Räder ins Innere zu bugsieren, und wir suchten uns einen Fensterplatz in der Nähe unserer Leezen. Dann tuckerte die Bahn am Fluss Esk entlang aus Whitby heraus. Wir warfen noch einen letzten Blick auf die Abbey.

Als wir mit der Planung unseres ersten gemeinsamen Englandurlaubs beschäftigt waren, stieß ich in einem Reiseführer auf eine Beschreibung dieser Eisenbahnstrecke und erklärte zur Erheiterung der Verwandtschaft: „Dann weiß ich schon, wer Bahn fährt.“ Damals waren wir die Strecke in Gegenrichtung, von Pickering nach Whitby, gefahren und ich hatte einer alten Dame im Fahrrad- und Gepäckwagen Gesellschaft geleistet, das ihr Rollstuhl nicht durch die Abteiltür passte. Wir hatten uns sehr angenehm unterhalten.

Diesmal hatte ich einen schönen Sitzplatz am Fenster und genoss die Aussicht auf die dramatischen Hügel, während der Regen gegen die Scheiben schlug. Es war eine gute Entscheidung, mit der Bahn zu fahren.

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Nach einer Dreiviertelstunde erreichten wir Goathland, einen schnuckligen Bahnhof, wo die Abfahrtszeiten noch mit Kreide an eine Tafel geschrieben werden. Später las ich, dass es sich um den Bahnhof von Hogsmeade in den Harry-Potter-Filmen handelt. Schön, nicht?

goathland

Wir fotografierten noch ein paar der steilen Hügel und waren froh, dass wir da nicht drüber mussten.

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Dann erreichten wir die Endstation Pickering. Einer der Schaffner brachte eilfertig eine Rampe, über die wir die Räder problemlos nach draußen befördern konnten. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen, aber es war immer noch bewölkt und ungemütlich. Also beschlossen wir, heute nicht mehr allzuweit zu radeln. Zwischendurch kam auch die Sonne wieder vorsichtig hervor.

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In Great Barugh, das nur aus ein paar Gehöften besteht (der Nachbarort Little Barugh ist sogar noch kleiner), fanden wir den netten Campingplatz „Willow Garth“, den Weidengarten. Zum Einchecken mussten wir erst einmal um das Haus in den Garten, wo sich die Familie versammelt hatte, um die vier Sonnenstrahlen des heutigen Tages zu genießen. An der Rezeption konnte man auch Milch, Brot und die Zeitung bestellen, und sie hatten auch Spülmittel, Shampoo, Bratfett und dergleichen in handliche Minifläschchen abgefüllt, die für 50 p verkauft wurden.

Wir suchten uns ein nettes Plätzchen und bauten das nasse Zelt auf. Dann wollte ich duschen, was aber leichter gesagt als getan war. Man brauchte 20 p für drei Minuten Duschen, doch nachdem ich die Münze in den für den Münzeinwurf bestimmten Münzeinwurf geworfen hatte, leuchtete nur der rote Schriftzug „Reset“. Also musste ich mein Zeugs wieder zusammensuchen, mich in mein Handtuch wickeln und in die Nebenkabine umziehen, wo es dann zum Glück funktionierte.

Dann nahm ich diverse Broschüren und Umgebungskarten aus dem Kästchen im Vorraum und ging zurück zum Zelt. Inzwischen schien tatsächlich die Sonne, so dass der Tag doch mehr als vier Sonnenstrahlen aufweisen konnte. Wir studierten das Informationsmaterial und beschlossen, nicht gleich am nächsten Tag nach York weiter zu fahren, sondern das Freilichtmuseum in Hutton-le-Hole zu besuchen und diverse Aussichtspunkte zu erradeln.

Im Lauf des Nachmittags trudelten einige Familien ein – es war wieder Freitag. Wir machten ein Schläfchen, lasen weiter in unseren Kathedralbüchern und brutzelten irgendwann ein Abendessen. Dann verkrochen wir uns in unsere Schlafsäcke und wurden vom Blöken der Schafe in den Schlaf gewiegt. Es lebe das Landleben!

Nachts regnete es wieder, und morgens war es bewölkt, als wir nach Hutton-le-Hole aufbrachen. Erst war es noch schön sanftwellig und irgendwann passierten wir das Schild „North York Moors National Park“. Das wäre gar nicht nötig gewesen, denn jetzt ging es kräftig bergauf. Wie es sich für einen Samstag gehört, waren auch die Rennradler wieder in Rudeln unterwegs. Wie so oft fiel es uns auf, das manche uns freundlich grüßten, andere aber schienen es für unter ihrer Würde zu halten, sich mit Tourenradlern zu befassen und glotzten stur geradeaus.

Hutton-le-Hole ist ein typisches idyllisches Yorkshire-Dorf mit einer kurzen Dorfstraße mit ein paar Läden, einigen Wohnhäusern und dem Ryedale Folk Museum, wo gerade das „Wonders of Wood Weekend“ stattfand.

Nachdem wir unseren Eintritt bezahlt hatten, wurden wir erst in die Kunstgalerie dirigiert, wo man verschiedene Landschaftsgemälde bewundern konnte. Dann ging es nach draußen durch eine Dorfstraße des frühen 20. Jahrhunderts: Schmied, Bäcker, Dorfladen, Drogerie und natürlich Bauernhöfe mit Haupt- und Nebengebäuden sind dort liebevoll aufgebaut und gestaltet.

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In einigen dieser Gebäude zeigten an diesem Wochenende alle möglichen Handwerker, was man alles aus Holz machen kann. Fasziniert schauten wir einem Drechsler bei der Arbeit zu, ließen uns erklären, wie man einen Bogen herstellt und beobachteten eine Dame beim Stuhlflechten. Ich finde (Kunst-)Handwerk faszinierend und könnte stundenlang zuschauen. Das Stuhlflechten würde ich auch gerne mal selbst ausprobieren.

Außerdem hat das Museum ein rekonstruiertes Rundhaus aus der Eisenzeit, das einen guten Eindruck des Lebens damals vermittelt. Alles spielte sich in einem einzigen Raum ab. Bei diesem Rundhaus gibt es auch ein Labyrinth, das der Gatte natürlich sofort durchwandern musste.

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Doch nicht nur die Vergangenheit spielt im Ryedale Folk Museum eine wichtige Rolle, sondern auch Landwirtschaft und Naturschutz in der Gegenwart. Wir lernten die beiden Minischweinderl Ethel und Maud kennen und sahen verschiedene Arten von Hühnern.

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Auch einen Obstgarten gibt es hier, wo anhand von Fotos der Fruchtzyklus des Apfelbaums erklärt wird, und man wird darauf hingewiesen, wie wichtig die traditionellen Obstgärten für unsere Umwelt sind. Auch gibt es dort eine Wiese mit alten Acker- und Wiesenblumen, die man leider nicht mehr so oft sieht: Kornblumen, Klatschmohn, Schafgarben, Margeriten, Springkraut und viele mehr.

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Doch nicht nur draußen gibt es einiges zu sehen. In einem der alten Gebäude befindet sich die Harrison Collection der Brüder Edward und Richard Harrison, die alles Mögliche aus fünf Jahrhunderten gesammelt hatten: Uhren, Puppen, Bücher, Spielzeug aller Art – es gibt eigentlich kaum etwas, was sie nicht sammelten.

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Mein persönlicher Höhepunkt war allerdings „The Model Village“. In den 50er Jahren begann ein gewisser John Hayton aus Harrogate, dieses Miniaturdorf zu bauen, und es beschäftigte ihn die nächsten 30 Jahre. Nach seinem Tod wurde das Dorf in den Harlow Carr Gardens in Harrogate ausgestellt, bis es im Jahr 2008 nicht mehr ins Konzept passte. Das Ryedal Folk Museum zeigte sich interessiert, doch leider überstanden die zahlreichen Gebäude den Transport nicht besonders gut und mussten erst aufwändig von einigen freiwilligen Helfern restauriert werden, bevor sie ein Jahr später wieder in voller Glorie ausgestellt werden konnten. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an den liebevoll und detailliert gestalteten Gebäuden: Kirche, Schloss, Pub, eine Windmühle und vieles mehr.

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Am Ende unseres Besuchs entdeckte ich noch ein Schmankerl für Alex und ihr Blog „Buurtaal“. Ort hat sie vor einiger Zeit einen Post über die verschiedenen Namen für das stille Örtchen verfasst. Hier gibt es die Nachbildung eines viktorianischen Außenklos. Wasserspülung gab es zu dieser Zeit natürlich noch nicht, und damit es in den Sommermonaten nicht gar so stinkt, pflanzte man einen Fliederstauch daneben, und so heißt das Häuschen passenderweise „Lilac Cottage“ (Fliederhäuschen).

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Es war ein rundum gelungener Besuch. Als wir das Museum verließen, kam mal wieder ein Regenschauer herunter, so dass wir uns unter einen großen Baum stellten und die Gänse auf der Dorfstraße beobachteten.

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Dann fuhren wir weiter, teilweise über Steigungen von 16%, zum Aussichtspunkt Gillmoor. Die Strampelei lohnte sich aber durchaus, die Aussicht ist toll! Dort befindet sich auch eine Bank, und in der Steinmauer daneben eine Tafel mit einem Gebet:

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„Thou who hast given me eyes to see
And love this sight so fair,
Give me a heart to find out thee
And read thee everywhere.“ (J. Keble)

Wer auch immer das Schild dort anbringen ließ, man kann ihm einfach nur Recht geben.

Wie die Aussicht hatten wir uns auch die Abfahrt ins Tal redlich verdient. Wir fuhren ins Dorf Normanby, nicht weit von unserem Campingplatz, wo wir auf den Hinweg ein nettes Pub für unser Abendessen entdeckt hatten. Dort wollte man mir erst nur ein halbes Pint andrehen, aber nach den vorangegangenen Anstrengungen bestand ich – gar nicht ladylike – auf einem ganzen Pint, was von den Leuten am Nebentisch mit einem „good for you“ kommentiert wurde. Geht doch. Nach einer einfachen, aber nahrhaften Mahlzeit fuhren wir zurück zum Campingplatz. Inzwischen hatte es wieder zu regnen angefangen. Einer der Dauercamper sah es philosophisch: „The weather is always like this, one minute sun, one minute rain, and we can’t do anything about it.“

Wir verkrochen uns ins Zelt und widmeten uns unserer Zeitungslektüre. Der Aufreger der Woche war diesmal ein Foto der Autorin und Fernsehköchin Nigella Lawson und ihrem Mann Charles Saatchi in einem Londoner Restaurant. Die beiden sind anscheinend in einen Streit verwickelt, und er würgt sie. Irgendwie stieß mir das Foto ziemlich auf, ich hätte es sympathischer, wenn auch weniger medienwirksam gefunden, wenn der Fotograf anstatt zu knipsen, dem sauberen Herrn erklärt hätte, dass man sich so einfach nicht benimmt. Das Ganze wurde noch eine Weile in der Presse breit getreten, und im Juli ließ Nigella sich scheiden.

Da die Wettervorhersage nicht sehr vielversprechend aussah, wollten am nächsten Morgen spätestens um 11 Uhr beschließen, ob wir noch bleiben oder weiterziehen würden.

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Kategorien: 2013 - Ostengland | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Ostengland 2013 – Teil 10

  1. Du hast ja wieder einen tollen Reisebericht geschrieben. Hängenbleiben wird aber mit Sicherheit das Fliederhäuschen. Vielleicht avanciert das bei uns jetzt zum geflügelten Wort.
    Liebe Grüße schickt Dir
    Elvira

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