Ostengland 2013 – Teil 11

Mal wieder in York

Als wir gegen acht Uhr wach wurden, war es schon hell und trocken. Eine Stunde später schien die Sonne, also bauten wir das Zelt ab und fuhren los. Über idyllische Landwege ging es durch die Howardian Hills. Die Bezeichnung „Hills“, also Hügel, ist hier vollkommen richtig, wenn man die Definition von Rennbiene anwendet: „Wenn ich absteigen und schieben muss, ist es ein Berg.“ Nun, ich musste nicht schieben.

howardianhills nachyork

Ziel des heutigen Tages war York – einer unserer Lieblingsstädte, die wir schon mehrmals besucht hatten. Das letzte Mal waren wir vor acht Jahren hier gewesen. Wie die Zeit vergeht!

Leider hielt das Wetter nicht ganz, was es am Morgen versprochen hatte. Wir mussten immer wieder das Regenzeug an- und wieder ausziehen. Trotzdem war es eine schöne Strecke. In Sherrif Hutton gönnten wir uns ein Picknick, und dann wurde es deutlich urbaner: Sowohl die Bebauung als auch der Verkehr verdichteten sich.

Vom Norden her rollten wir in die Innenstadt von York, die zum größten Teil Fußgängerzone ist. Und das ist auch gut so, denn zu viel Verkehr würden die engen verwinkelten Gassen auf die Dauer nicht verkraften.

Ohne allzu große Schwierigkeiten fanden wir den Campingplatz am Ufer des Ouse, auf dem wir früher schon einmal gezeltet hatten. Wegen seiner zentralen Lage und der Tatsache, dass man von dort zu Fuß ins Zentrum gehen kann, hatte er uns gut gefallen. Vor der Rezeption stand eine längere Schlange Fahrzeuge, und auch im Inneren des Häuschens ging es turbulent zu. Vier Mitarbeiter des Campingplatzes waren an der Arbeit und wirkten irgendwie überfordert.

Ich stellte mich an und wurde nach kurzer Wartezeit von einem weiblichen Dragoner angebellt: „Have you come back for your pitch number?“ Wieso „back“? Ich erklärte ihr, dass wir gerade angekommen seien und gerne einchecken würden. Daraufhin sollte ich meine Clubkarte vorzeigen und erntete missbilligendes Kopfschütteln, da ich so etwas nicht besaß. Ich antwortete, dass wir nun schon über drei Wochen kreuz und quer durch England gegurkt waren, und noch nie hätte jemand uns nach so etwas gefragt. Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass der Preis für Nichtkarteninhaber etwas höher sei, nämlich 30 Pfund. Mir blieb die Spucke weg. Fast 40 Euronen pro Nacht für ein Zweimannzelt und zwei Räder! Das ging mir doch etwas zu weit, gute Lage hin oder her.

Ich verließ die Rezeption und ging zurück zu Peter und den Leezen. Wir beratschlagten kurz und wollten schon weiterfahren, denn in York gibt es ja noch mehr Campingplätze, wenn auch nicht so zentral. Da kam einer der Herren aus dem Rezeptionsgebäude und rief uns zurück. Man hätte dort gedacht, dass wir zu dem Riesen-Wohnmobil vor der Schranke gehörten, das zwei Räder hintendrauf hatte. Der Preis für uns sei ewas über 18 Pfund pro Nacht. Das klang schon besser, und so folgte ich ihm hinein, erledigte die Formalitäten und erhielt einen Schlüssel für das Sanitärgebäude und die Hintertür des Platzes.

Die nette kleine Zeltwiese am Ende der langen Reihe gekiester Stellplätze war noch so, wie wir sie in Erinnerung hatten, und wir hatten sie für uns alleine. Nach dem Aufbauen gingen wir einkaufen. Wir fanden tatsächlich die Reihe Geschäfte wieder, die wir von unserem letzten Besuch vor acht Jahren noch in Erinnerung hatten. Damals mussten wir unsere Planung fast komplett umschmeißen, da ich mir vor der Abfahrt eine saftige Erkältung zugezogen hatte, die ich erst auskurieren wollte, bevor wir uns in ländlichere Gegenden begaben. Die Drogerie mit den abgefahrenen Sorten Halspastillen (Erdbeer, schwarze Johannisbeere etc.) konnten wir jedoch nicht mehr entdecken.

Auf einem Plakat stand der Aufruf „Support your local shops!“, dem wir auch prompt Folge leisteten: In dem netten kleinen Sainsbury’s deckten wir uns mit Vorräten ein.

Danach bummelten wir in die Innenstadt, wo gerade ein Art Festival stattfand. Über all gab es Musik und Kleinkunst, und es war eine Menge los. Wir ließen uns eine Weile durch die Gassen treiben und wanderten dann gemütlich am Fluss entlang zurück zum Campingplatz. Wir betraten den Platz durch den Hintereingang und waren immer noch die Einzigen auf der Zeltwiese. Wir überlegten, ob wir den Schlüssel nicht einfach behalten und irgendwann heimlich wiederkommen sollten. Nach dem Abendessen gingen wir schlafen, denn wir hatten uns für den nächsten Tag einiges an Kultur vorgenommen.

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Am nächsten Morgen ging ich nach dem Frühstück zum Abwaschen. In der Spülküche herrschte ziemliches Gedränge: Vier pensionierte Herren standen vor den Waschbecken, in denen sich größere Mengen Geschirr tummelten, gegen die sich mein Topf, zwei Teller, Becher und Löffel eher kümmerlich ausnahmen. Zwei von ihnen trugen kleidsame gelbe beziehungsweise rosa Gummihandschuhe und alle vier fachsimpelten über Teeflecken und Spülmittel. Hochinteressant.

Dann machten wir uns auf die Socken. Da wir nicht zum ersten Mal in York waren, wussten wir schon einiges über die Stadt und ihre bewegte Geschichte, die sich in ihren unterschiedlichen Namen wiederspiegelt: Die Römer nannten sie „Eboracum“, die Angelsachsen „Eoforwic“, und die Wikinger machten später „Jorvik“ daraus. Bei unserem letzten Besuch hatten wir eine Stadtführung durch die sogenannten “Snickelways” gemacht. Dieses Wort hatten wir damals zum ersten Mal gehört, es stammt nämlich von Mark Jones, dem Verfasser des Buches „The Snickelways of York“ und ist aus Teilen Wörter „snicket“ (wohl Yorkshire-Dialekt), „ginnel“ (wohl aus Lancashire) und des englischen Wortes „alleyway“ zusammegesetzt, die alle dasselbe bedeuten, nämlich „Gasse“. Es handelt sich hier um unauffällige, schmale Durchgänge und Querverbindungen verschiedener Straßen zwischen Häuserreihen hindurch, also eigentlich Schleichwege. Wenn man einmal darauf aufmerksam gemacht wurde, sieht man sie überall, nicht nur in York!

Außer Snickelways gibt es in York noch „Gates“, womit aber nicht die Stadttore gemeint sind, sondern die Straßen, nach dem skandinavischen Wort „gata“. Die Tore hingegen heißen „Bars“, vom normannischen „barrière“ abgeleitet, und die Bars heißen auch in York schlicht und ergreifend „Pubs“.

Diesmal wollten wir eine Führung durch das York Minster mitmachen. Es ist die größte gotische Kathedrale in England, und die Bauzeit betrug ungefähr 250 Jahre. Unser Reiseführer „England per Rad“ schreibt darüber: „Aus der langen Bauzeit erklärt sich die eigentümliche Stilmischung, die sämtliche gotischen Formen einschließt, ohne dass sie das Auge des Betrachters zu irritieren vermag. Besonders stolz sind die Kirchenoberen auf die Verglasung, deren Kunstfertigkeit sie in allen Teilen der Kathedrale überprüfen können, besonders im östlichen Bereich, der Marienkapelle, wo das gewaltige Fenster mit dem größten Buntglas der Welt geschmückt ist.“

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Eine alte Dame mit einem Gehstock, eine begnadete Geschichtenerzählerin mit typisch englischem Humor, zeigte uns über eine Stunde lang viele interessante Details, die man von selbst nicht sofort entdeckt. Das Minster heißt ja offiziell „The Cathedral Church of St. Peter“, und entsprechend sind die drei Symbole des heiligen Petrus (Schlüssel, Hahn und Felsen) überall zu finden. Ein Detail in einem Fenster beim Eingang wird auch seine Kreuzigung mit dem Kopf nach unten dargestellt.

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Von dem berühmten East Window, das den Anfang und das Ende der Welt zeigt, war leider nicht allzu viel zu sehen, das es gerade renoviert wurde, doch es gab eine Ausstellung darüber.

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Das Rose Window erinnert an das Ende der Rosenkriege. Die roten und weißen Rosen symbolisieren die Hochzeit von König Heinrich VII. (Haus Lancaster, rote Rose) und Elisabeth von York (weiße Rose). Ein sehr großes Fenster ist dem heiligen Cuthbert von Lindisfarne gewidmet und zeigt sehr detailreich verschiedene Stationen seines Lebens. Unsere Führerin erzählte sehr lebendig, wie der kleine Cuthbert mit den anderen Kindern seines Dorfes spielte. Da er aber damals schon sehr tugendhaft war, fiel sein Gewand beim Handstand nicht nach unten, sondern stand, so will es die Überlieferung, stramm nach oben und bedeckte seine Körpermitte und Beine. Geschichten dieser Art sind einfach das Salz in der Suppe einer guten Führung.

Ein weiteres interessantes Detail befindet sich an der Decke. Eines der Gemälde dort zeigt Maria, die das Jesuskind füttert. Dieses Gemälde entstand in der viktorianischen Zeit, und damals konnte man unmöglich eine Frau zeigen, die ihr Baby stillt. Also muss sich Jesus wohl oder übel mit der Flasche begnügen.

Der Lettner aus dem 15. Jahrhundert, der Hauptschiff und Chor voneinander trennt, stellt die Könige von England (von Wilhelm I. bis Heinrich VI.) dar, die einander sehr ähnlich sehen.

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Immer wieder führen einige Stufen (meistens drei) nach oben oder unten, und unsere Führerin ließ es sich nicht nehmen, uns jedes Mal zur Vorsicht zu mahnen. Dies tat sie nicht, weil sie uns nicht zutraute, drei Stufen zu bewältigen, sondern sie hielt sich nur streng an die „health and safety regulations“, die Regeln der Gesundheitsbehörde, die sie für gründlich übertrieben hielt.

Um 11 Uhr wurde zu einem kurzen Augenblick der Besinnung aufgerufen und das Vaterunser in mehreren Sprachen gesprochen. Dann verabschiedete sich die Dame, und wir gingen ins „Undercroft Museum“, […] „das (wie unser Reiseführer schreibt) in Räumen untergebracht ist, die 1967 gefunden wurden, als zur Sicherung des Gebäudes die Fundamente überprüft werden sollten. Zur Verblüffung der Historiker stießen die Bauarbeiter auf Unterbauten aus der römischen Zeit, die nun den würdigen Rahmen für die Schatzkammer abgeben.“ Außer den Kirchenschätzen befinden sich in diesem Museum noch Modelle der Kathedrale in verschiedenen Stadien, Reste eines römischen Wandfrieses, uralte Gräber und vieles mehr.

Wir hatten diesmal viel mehr gesehen als bei unseren früheren Besuchen, aber ich bin mir sicher, dass wir auch beim nächsten Mal wieder eine Menge Neues entdecken werden.

Dann gingen wir durch die Gassen über den „Monday Market“, der aber laut Schild auch dienstags, mittwochs, donnerstags, freitags und samstags geöffnet hat, und wo sich die üblichen Verdächtigen versammeln: Lebensmittel, Kleidung, Souvenirs etc.

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Kultur macht ja bekanntlich hungrig, und so wurde es Zeit für einen Imbiss. Diesen gönnten wir uns auf einer Bank bei Clifford’s Tower, wo sich auch zahlreiche Gänse tummelten.

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Dann machten wir einen ausgedehnten Spaziergang auf der Stadtmauer. Auf diese Weise sieht man die Stadt aus einer anderen Perspektive.

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An strategisch wichtigen Stellen sind Plaketten im Boden eingelassen, die angeben, welche Sehenswürdigkeiten in der Nähe sind. Die Plakette „Jewbury“ zum Beispiel auf der Höhe des großen Sainsbury-Supermarkts weist auf den ehemaligen jüdischen Friedhof. Wir erinnerten uns daran, was wir bei unserem letzten Besuch bei einer Stadtrundfahrt gehört hatten: Als der Supermarkt gebaut werden sollte, wurden bei den Bauarbeiten die Überreste des Friedhofs entdeckt. Nach einigem hin und Her, was man damit machen sollte, beschloss man, sie dort wieder zu begraben, einen Rabbi die notwendigen Riten vollziehen zu lassen und den Supermarkt nebst Parkplatz wie geplant darüber zu bauen.

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Die Umrundung des Zentrums auf der Stadtmauer ist ein ganz schöner Spaziergang, und so verließen wir bei St. Olave’s Church die Mauer und machten eine Pause im angrenzenden Park.

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Danach gingen wir zurück zum Campingplatz. Dort stand inzwischen ein anderes Zelt neben unserem, an dessen Spannschnüren Wandersocken auslüfteten. Den Nachbarn bekamen wir jedoch nicht zu sehen. In der Zeitung ging die Soap um Nigella Lawson und ihren nichtsnutzigen Gatten fröhlich weiter. Außerdem wurde für den nächsten Tag gutes Wetter angekündigt, was uns sehr in den Kram passte: Wir wollten nämlich wieder an die Küste und die letzten Tage an der See verbringen.

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5 Gedanken zu „Ostengland 2013 – Teil 11

  1. Ich werde nie verstehen, warum ich im Life Traffic Feed so häufig aus Jena kommend angezeigt werde. Nichtsdestotrotz war Dein Reisebericht wieder sehr informativ. Um das Zelten beneide ich Dich, ich habe das nie gemacht und jetzt ist es eindeutig zu spät dafür. Da wären wir dann wohl eher für das große Wohnmobil zu haben 😉
    Liebe Grüße aus Berlin von
    Elvira

    • Das mit dem Feed verstehe ich auch nicht, Bekante aus Bayern werden da gelegentlich in Thüringen oder Schleswig-Holstein lokalisiert. Veilleicht hat das was mit dem Povider zu tun. Aber er ist halt eine nette Spielerei. 🙂

      Freut mich, wenn dir die Reise gefällt. Einen Teil gibt es noch, dann drohen sich neue Abenteuer an.

  2. bockmouth

    Ach ja, York! Das ist nun auch schon wieder 41 Jahre her, dass ich dort war. Die Stadt war nach London die erste größere Ortschaft auf der Reise.

    Klar, Stadtmauer, Kathedrale, Partnerstadt von Münster und das Schnellrestaurant Wimpy, gibt’s heute gar nicht mehr!

  3. Pingback: Nordostengland und Borders 2016 – Teil 1 | Grenzwanderer

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