Weitere 52 Bücher (1+2) – „Man muss das Kind im Dorf lassen“ von Monika Gruber

weitere52buecher

Letzte Woche ging das Monsterprojekt „52 Bücher“ in die dritte Runde. Auch wenn ich in der letzten Runde dramatisch wenig Bücher besprochen habe (ganze elf habe ich geschafft!), möchte ich doch auf jeden Fall wieder mitmischen. Denn gelesen habe ich in der Zeit ja trotzdem, und es gibt einiges, was sich vorzustellen lohnt. Um das Ganze aber etwas önkonomisch anzugehen (ich habe ja schließlich auch meinen Haushalt), habe ich beschlossen, das erste Buch gleich für die ersten ZWEI Themen zu verbraten. *g*

Das erste Thema ist ja, wie immer bie diesem Projekt, ein gemütlicher Einstieg, nämlich: Was liest du zurzeit? Und das zweite Motto Fußball-WM vorbei und nun? passt eigentlich auch irgendwie, denn ehrlich gesagt bin ich froh, dass das Gedöns vorbei ist und das Leben wieder gemütlich vor sich hinplätschert – ohne orangefarben dekorierte Straßen, lange Abende, Autokorsos und dergleichen.  Auch während der WM habe ich Bücher gelesen, und das tue ich jetzt immer noch.

monikagruber

Zurzeit lese ich die Autobiografie der Kabarettistin Monika Gruber „Man muss das Kind im Dorf lassen – Meine furchtbar schöne Jugend auf dem Land“ (München, 2014). Den Lesern aus meiner alten Heimat dürfte  sie sowieso ein Begriff sein, andere kennen sie vielleicht aus der bayerischen Vorabend-Krimiserie „Hubert und Staller“, wo sie die Lokalreporterin Barbara Hansen spielt.

Ich zitiere mal den Klappentext: „Was macht eine, die aus einem Ort namens Tittenkofen stammt, aber nicht so ausschaut? Die auf dem  Bauernhof aufwächst, aber eigentlich auf die Bühne will? Klar, sie nimmt es mit Humor und wird Komikerin.“

Eigentlich wollte sie die Menschheit nie mit einem Buch belästigen, aber anlässlich des 75jährigen Jubiläums ihres (und auch meines!) Gymnasiums wurde sie gebeten, einen Artikel für die Festschrift zu verfassen, was anscheinend die Schleusen des Schreibprozesses öffnete. Heraus kam ein flott lesbares Buch über ihre Kinder- und Jugendzeit im tiefsten Oberbayern. Dieses Thema wird ja in ihren Kabarettprogrammen mit schöner Regelmäßigkeit verbraten, wobei dort aufgrund des Klischees „Kind vom Land hat es schwer“ manchmal der Eindruck entstehen mag, dass es keine allzu schöne Zeit war. Beim Lesen zeichnet sich jedoch das Bild einer normalen, recht liebevollen Kindheit bei bodenständigen Eltern, die auf ihre Art oberbayerische Originale sind.

Anders als andere (Auto-)Biografien ist das Buch nicht chronologisch, sondern thematisch aufgebaut und behandelt Aspekte wie Heimat, Eltern und weitere Verwandtschaft (wobei dem Vater ein eigenes Kapitel gewidmet ist), Schule, den Kirchgang, Bauernhochzeiten, ihren Job als Kellnerin, die unvermeidlichen Preißn und was halt auf dem Dorf noch wichtig ist.

Sehr interessant finde ich ihre Beobachtung zu den feinen sprachlichen Unterschieden zwischen Land- und Stadtjugend:

Unser Dorf liegt zwar nur circa sechs Kilometer von der Kreisstadt entfernt, diese Entfernung reicht aber schon aus, um die Stadtkinder anders aussehen zu lassen. Und sie sahen nicht nur anders aus (kein Haferlhaarschnitt, Urlaubsbräune), sie redeten auch ganz anders: Einige sprachen zwar Dialekt, aber es war anders als unser dörfliches kerniges Bayerisch, es war dieses gepflegte Vorstadtbayerisch, dass ich heute sehr gern als Dallmayr-Bayerisch bezeichne.  (S. 37)

Zu diesen Stadtkindern gehörte auch meine Wenigkeit, auch wenn wir uns nie persönlich kennengelernt haben, da Monika Gruber zwei Jahrgänge unter mir war. Doch viele ihrer Erinnerungen decken sich mit meinen. Und wenn sie ihren Geschichtslehrer Herrn Zölch oder den Erdkundelehrer Herrn Hilburger beschreibt, sehe ich die Herren sofort wieder vor meinem geistigen Auge und habe den Duft von Herrn Hilburgers Aftershave in der Nase. Allerdings hatte ich die beiden in Biologie beziehungsweise in Deutsch und Geschichte. Meine Herrn, des warn Zeitn!

Auch die Frage, die ich mir schon seit langem stellte, warum ich sie nie bei Aufführungen der Theatergruppe des Gymnasiums gesehen hatte, wird beantwortet. Wegen ihres „Carolin-Reiber-Rs“ traute sie sich nicht, dort vorzusprechen, da die anderen alle Hochdeutsch konnten. Schreiben tut sie sehr wohl auf Hochdeutsch mit gepflegtem oberbayerischen Einschlag. Das Buch ist also auch für Nichtbayern sehr gut lesbar.

Erst vorletzte Woche habe ich mit meiner Feundin S., mit der ich mich Seite an Seite durch 13 Jahre Schule gekämpft habe, in Erinnerungen geschwelgt. Monika Grubers Erinnerungen scheinen allerdings etwas akkurater zu sein als meine. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass sie knapp drei Jahre jünger ist als ich, und da ist das Gedächtnis halt noch besser.  Ein weiterer Grund ist aber sicher auch, dass sie in der Gegend geblieben ist und zwischen ihr und ihren Erinnrungen keine 17 Jahre und 800 Kilometer liegen. Und so erfüllt mich die Lektüre mit leiser Wehmut.

Advertisements
Kategorien: 52 Bücher 1 - 3, Literarisches und Kulturelles | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 7 Kommentare

Beitragsnavigation

7 Gedanken zu „Weitere 52 Bücher (1+2) – „Man muss das Kind im Dorf lassen“ von Monika Gruber

  1. Sehr effiziente Vorgehensweise. 🙂 Schön, dass Du wieder dabei bist! Das Buch hört sich ja auch lesenswert an. Meine arme Wuli wird dicker und dicker…

  2. Danke für die tolle Buchbeschreibung – ich glaube, das wäre auch ein Leseschmankerl für mich. Wenn man allerdings in einem Buch so vieles wiederfindet, was man selbst nur zu gut kennt, ist das natürlich noch mal mindestens doppelt so schön! 🙂
    Ich freu mich auch, dass Du wieder dabei bist!
    LG Silke

  3. Vielen Dank. 🙂 Ich freue mich auch, dass ich wieder mal Zeit dafür habe. Schön, dass ihr mich nicht vergessen habt.

  4. Die Frau Gruber mag ich ja – eine der wenigen Frauen, die ich wirklich intelligent komisch finde. Und bei Hubert & Staller ist sie auch wirklich gut 🙂 Deine Beschreibung war allerdings so perfekt, dass ich das Buch wohl nicht mehr lesen muss 😉

    Liebe Grüße,
    Ralph

  5. Ich wußte gar nicht, dass Frau Gruber ein Buch geschrieben hat. Ich mag sie auch wirklich gerne. Auch bei mir eine Erinnerung nach 20 Jahren und 600 km, auch wenn ich etwas weiter westlich beheimatet war… Liebe Grüße, Andreas

    • Mir war das Buch eigentlich auch entgangen, aber als es in der Bibliothek schön prominent ausgestellt war, musste es einfach mit. 🙂
      Herzlich willkommen, Herr Ackerbau.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: