In der Vorweihnachtszeit fühle ich mich deutsch

Über einen Beitrag von Elvira landete ich bei einem Blogpost von Bunt und Farbenfroh: Weihnachten wird abgeschafft. Und während ich so vor mich hin las und dachte, entdeckte ich plötzlich, dass dies ja auch ein echtes Grenzwandererthema ist. Wie oft werde ich nicht gefragt, ob ich mich deutsch oder niederländisch oder beides oder keines von beiden fühle. Und ich komme immer mehr zu der Schlussfolgerung, dass es situationsgebunden ist.

Beim Fußball ist es mir wurscht, da lehne ich mich entspannt zurück und denke: „Möge der Bessere gewinnen.“ Oder ich feuere eine Mannschaft an, die ich irgendwie goldig finde: Irland, Ecuador, die Faröer-Inseln etc. Das verstehen die Wenigsten, aber damit kann ich leben.

Beim Eurovision Soncontest habe ich in den letzten zwei Jahren mit den Niederländern mitgebibbert, auch wenn mir andere Einsendungen ebenfalls gut gefallen haben. Und Anouk und die Common Linnets haben es ja auch wirklich gut gemacht. Über den Beitrag für nächstes Jahr kann ich mir am Freitag ein Urteil bilden. Mal sehen, ob der Partiotismus anhält, wenn Trijntje Oosterhuis bei „The Voice of Holland“ ihr Lied zum Besten gibt.

In sehr vielen anderen Kontexten bin ich eigentlich weder noch. Ich bin ein Grenzgänger, Europäer, Weltbürger. Aber in der Vorweihnachtszeit ist alles anders: Da fühle ich mich deutsch und bin froh, in Grenznähe zu wohnen.

In den Niederlanden spielt Weihnachten eher eine untergeordnete Rolle. Hier ist das Nikolausfest (Sinterklaas), das am 5. Dezember gefeiert wird, der Höhepunkt der Wintermonate. Bereits Wochen vorher macht sich Sinterklaas aus Spanien auf den Weg, um den Kindern die Geschenke zu bringen, und wird Mitte November feierlich in den verschiedenen niederländischen Städten empfangen. Begleitet wird er von zahlreichen Helfern, den „Zwarte Pieten“. Diese sind seit einiger Zeit umstritten, da seine Rolle als schwarzer Diener von Kritikern als rassistisch empfunden wird. Dies aufzurollen würde hier jedoch zu weit führen und so verweise ich auf Alex‘ Beitrag auf buurtaal. Nur kurz mein Senf: Wenn eine Bevölkerungsgruppe angibt, dass sie sich durch die heutige Darstellung verletzt fühlt, sollte man sich nicht gleich eingraben, sondern bereit sein, darüber nachzudenken, ob da nicht vielleicht ein Kern von Wahrheit darin steckt. Traditionen können sich ja schließlich ändern.

Da ich aber nicht nicht mit dem „Sinterklaasfeest“ aufgewachsen bin und keine Kinder habe, ist es mir nie gelungen, dazu den richtigen Draht zu entwickeln. Und das ist wohl auch der Grund, warum ich mich in der Vorweihnachtszeit deutsch fühle – sie ist eine schöne Erinnerung an die Zeit, als ich noch klein und die Welt noch in Ordnung war. Darum versuche ich immer, ein bisschen Vorweihnachtsstimmung zu verbreiten und zu genießen.

Dazu gehört natürlich der Adventskranz auf dem Wohnzimmertisch, auch dieses Jahr wieder Marke Eigenbau mit weihnachtsfeinem Mitbewohner. Und jedes Jahr bekomme ich einen Adventskalender aus der alten Heimat geschickt. Dieses Jahr sind es sogar zwei geworden, so dass der Gatte und ich jeder etwas Eigenes haben. Vielen Dank, es freut mich, dass ihr trotz Weihnachtstress dafür die Zeit gefunden habt.

Auch das Kartenschreiben gehört dazu, und ich sehe es nicht als lästige Pflicht an, sondern als Möglichkeit, mit den Leuten aus der alten Heimat mal wieder analog in Kontakt zu treten, und nicht „nur“ über Mail und soziale Netzwerke. Selbstverständlich bekomme ich auch sehr gern Post.

Dann gibt es natürlich auch die Weihnachtsmarktbesuche: Bratwurst essen, Glühwein trinken, meine Tassensammlung vergrößern, nach Geschenken stöbern und die Atmorspäre genießen. Dieses Jahr war ich bereits in Warendorf, Tecklenburg und am Wochenende fahre ich zum @heinzi-Treffen nach Bremen. Zwar lauert auf den Weihnachtsmärkten immer die Gefahr, gewhamt zu werden, also das Lied „Last Christmas“ zu hören und damit beim Spiel „Christmas King“ auszuscheiden. Aber noch bin ich im Rennen, und ich freue mich auf Bremen.

Da der Gatte und ich in einem Chor in Deutschland singen, kriegen wir auch genug von der deutschen Vorweihnachtszeit mit, auch wenn wir dieses Jahr vor allem englische Christmas Carols einstudieren. Wir singen am Heiligen Abend in der Christmette, also haben wir auch die Gelegenheit, die deutschen Klassiker wie „Oh du fröhliche“ und „Stille Nacht“ aus voller Brust mitzusingen. Im letzten Jahr wurde in den Niederlanden das Lied „Stille Nacht“ aus dem Gesangbuch für Weihnachten entfernt, irgendwie haben sie es hier wirklich nicht mit Weihnachtskultur.

Natürlich gehört auch das Plätzchenbacken zu den Dingen, die ich an der Vorweihnachtszeit liebe. Früher tat ich das mit meiner Mutter und meiner Oma, während meiner Schulzeit backten meine beste Freundin und ich zusammen und sauten die Küche ein, was bei unseren Müttern nicht gerade auf Begeisterung stieß, Die ersten selbstfabrizieren Punschbrezeln waren legendär, da uns zu viel Rum in die Glasur geriet und die Plätzchen sich richtig schön vollsogen. Nach drei Stück konnte man das Auto besser stehen lassen.

Vor einigen Jahren unterrichtete ich im Winterhalbjahr einen Deutschkurs für Anfänger. In der letzten Stunde vor den Weihnachtsferien brachte ich Plätzchen und Rezepte mit und las mit den Kursteilnehmern eine einfache Weihnachtsgeschichte. Nach der Stunde brachte ich der Sekretärin ein paar Plätzchen vorbei. Sie fragte: „Hast du die selbst gemacht?“ Ich nickte stolz, worauf sie ausrief: „Warum das denn, um Himmels Willen?“

Noch Fragen?

Kategorien: Ganz "normaler" Alltag, Typisch Nederlands - typisch deutsch (?) | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , | 13 Kommentare

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13 Gedanken zu „In der Vorweihnachtszeit fühle ich mich deutsch

  1. Ach guck! Letzten Freitag war ich nach der Arbeit auch in Tecklenburg auf dem Nikolausmarkt. Mir ist er am Wochenende selbst regelmäßig zu voll. Wann seid Ihr denn da gewesen?

    Plätzchenbacken gehört für mich noch immer (bin ohne Familie u. Single) fest in die Adventszeit. Ich backe sehr sehr wenig, aber im Advent möchte ich selbstgebackene Plätzchen essen u. auch ins Büro mitbringen.🙂

  2. Eine Schwester meiner Oma hat nach Maastricht geheiratet und dort mit fünf Kindern einen großen Familienzweig gegründet zu dem wir immer guten Kontakt haben/hatten. Wegen diesem Familienzweig und anderen Mitglieder, kommen bei uns immer mehr Elemente zu Weihnachten dazu, die aus anderen Ländern kommen. Relativ neu ist meine kenianische Schwägerin, die sicherlich auch ihren Einfluss hinterlassen wird. Sie feiert das zweite Jahr mit uns. Ich finde es klasse, wenn man aus verschiedenen Einflüssen und Kulturen das wählen kann, was einem persönlich am meisten liegt und daraus „sein“ Fest macht – Hauptsache ist ja, dass es für alle schön wird!🙂

  3. Plätzchen habe ich schon lange nicht mehr gebacken. Damit versorgen mich jetzt meine Enkel (na,eigentlich deren Eltern). Ja, die Frage der Sekretärin zeichnet am besten das Bild der Weihnachtsbedeutung in den Niederlanden. Ich wünsche Dir eine gute Adventszeit à la Scrooge!
    Liebe Grüße von
    Elvira

    • Nicht wahr? Perlen vor die Säue…
      Aber trotz aller Widrigkeiten backe, verschenke und verspeise ich weiterhin gerne Plätzchen.

  4. Noch Fragen? Ja, wie ist es denn nun nach Sinter Klaas in Holland mit Weihnachten? Das wäre doch noch einmal einen Beitrag wert.

    • Mal gucken.🙂

      • Tja, Langsam wird es natürlich knapp. Vielleicht hat es ja auch noch Zeit bis nächstes Jahr.
        Ich finde es jedenfalls immer spannend, wenn die Sitten anderer Länder mit unseren verglichen werden.

  5. Pingback: Weihnachten in den Niederlanden | Grenzwanderer

  6. Pingback: “Mijn” stad op weg naar de kerst | Grenzwanderer

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