„Inselgrab“ von Johan Theorin

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Es ist vollbracht, mit dem Sommerbuch ist Johan Theorins Öland-Tetralogie komplett. Erst mal wieder zum Titel: Im schwedischen Original heißt das Buch „Rörgast“. Ein „gast“ ist im Schwedischen kein Besuch, oder höchstens einer, den man nicht so gerne hat, das Wort bedeutet nämlich Geist oder Gespenst, während ein „rör“ ein Grabhügel, Steinhügel oder auch ein unterirdischer Gang sein kann. Ein Grabhügelgespenst also. Der deutsche Titel dieses Romans ist „Inselgrab“ und der niederländische „Grafheuvel“, während der englische in Anlehnung an den ersten Band „Echoes from the Dead“ hier „The Voices Beyond“ ist.

Es ist Sommer 1930, und der vierzehnjährige Gerlof Davidsson arbeitet als Gehilfe des Totengräbers. Diese Stelle behält er nicht lange, denn als der Patriarch Edvard Kloss begraben wird, ertönen Klopfgeräusche aus dem Sarg. Dieser wird, zum Missfallen des Pastors, der den Segen schon  gesprochen hat, geöffnet. Der herbeigerufene Arzt kann jedoch wie beim ersten Mal nur den Tod feststellen. Als es zum zweiten Mal klopft, erleidet Edvards Bruder Gilbert einen Herzinfarkt, so dass nur noch Sigfrid Kloss übrigbleibt.

Fast siebzig Jahre später, im Jahr 1999, verbringt der inzwischen 84jährige Gerlof wie im Jahr davor  den Sommer in seinem Sommerhaus anstatt im Seniorenheim. Es ist Mittsommer und auf Öland wimmelt es von Sommergästen. Mitten in der Nacht klopft es plötzlich an Gerlofs Tür.  Der dreizehnährige Jonas Kloss berichtet aufgelöst von einem Geisterschiff im Sund, auf das er sich gerade noch retten konnte, als sein Schlauchboot unterging, und wo einer der Toten ihn mit einer Axt bedrohte.

Kurz darauf wird der Ferienpark von Jonas‘ Verwandten, das Ölandic Resort, von einer Magen-Darm-Epedemie heimgesucht, der noch andere unangenehme Vorfälle folgen. Irgendjemand will die Familie Kloss ruinieren.

Die Geschichte, die sich langsam aufrollt, wird aus wechselnden Perspektiven erzählt. Da ist natürlich Gerlof, der viel erlebt hat, viel weiß, dank seines neuen Hörgerätes eine Menge mitkriegt und über eine ausgezeichnete Kombinationsgabe verfügt. Dann gibt es Jonas, der mit seinem Vater und seinem älteren Bruder im Ferienpark ist und dort etwas Geld verdient. Sein Bruder und seine Cousins schließen ihn regelmäßig von ihren Aktivitäten aus, so dass Jonas sich allein die Zeit vertreibt und auf allerlei geheimnisvolle Dinge stößt. Neben dem Geisterschiff gibt es da nämlich noch eine Gestalt, die immer wieder bei dem alten Hünengrab in der Nähe des Ölandic Resort auftaucht. Außerdem ist da noch Lisa, die als DJ Lady Summertime im Resort arbeitet und den Gästen der Disco die Portemonees entwendet, um ihrem drogenabhängigen Vater Geld schicken zu können.

Dazwischen wird in Rückblenden die Geschichte des Heimkehrers Aron Fredh erzählt, der beim Begräbnis von Edvard Kloss dabeigewesen war. Kurz danach emigrierte er mit seinem Stiefvater Sven in „das neue Land“. Erst nach einer Weile stellt sich heraus, dass es sich bei diesem neuen Land nicht um Amerika, sondern um das stalinistische Russland handelt, wo Ausländer und Regimegegner erbarmungslos verfolgt werden. Nach einigen Jahren im Arbeitslager gelingt es Aron, dem verunglückten Ukrainer Vlad Kleidung und Papiere abzunehmen. Als Vlad wird er zum Helfershelfer des Regimes und leistet seinen Beitrag zu den Säuberungsaktionen. Doch als Aron sehnt er sich nach Schweden. Auch im ersten Band geht es um Emigration und Heimweh, so dass sich gewissermaßen der Kreis schließt.

Es wird relativ schnell deutlich, dass das Schicksal des Heimkehrers mit der Familie Kloss verwoben ist, aber nicht, wie. Auch hier muss der Leser wieder etwas Geduld haben, denn Theorin lässt sich Zeit, seine Geschichte zu entwickeln. Und das passt zu seinem Protagonisten Gerlof, der ja schon im ersten Band erklärte, dass eine Geschichte in ihrem eigenen Tempo erzählt werden muss, und zum Ort. Auch wenn Öland durch eine Brücke mit dem Festland verbunden ist, bleibt es eine Insel, und dort geht alles etwas langsamer. Es bringt ja nichts, sich abzuhetzen, man kommt ja nicht weit.

Ein absoluter Pluspunkt dieses Buches ist natürlich wieder der sympathische Rentner Gerlof, der zuhört, nachdenkt und kombiniert. Schön finde ich auch, dass man nebenbei erfährt, wie es Gerlofs Tochter Julia und seiner Nichte Tilda geht, die in den ersten beiden Bänden eine wichtige Rolle gespielt haben.

VN Detective & Thrillergids schreibt über dieses Buch: „Ein atmosphärisch dichter Thriller mit einem kräftigen Schuss Geschichte und einem Hauch skandinavische Folklore.“ Das stimmt, aber vom letzten hätte es durchaus ein bisschen mehr sein dürfen. Das Gespenst am Grabhügel und die Geschehnisse auf dem Geisterschiff werden zu schnell rational erklärt, und anders als in den Vorgängerbänden hatte ich nicht dieses Gefühl, dass dahinter noch mehr stecken könnte. Auch die unheimliche Atmorspäre, die vor allem die ersten beiden Bände bestimmte, kommt hier nicht so gut zum Tragen. Das könnte aber auch an der Jahreszeit liegen, Spukgeschichten passen wohl besser zum Herbst und Winter. Trotzdem ist „Inselgrab“ ein spannendes Buch und ein gelungener Abschluss der Öland-Tetralogie.

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