Meine Bibliothek muss bleiben – Einspruch

Da sich auch ein paar deutsche Bibliotheken unter meinen Folgern befinden, was mich sehr freut, möchte ich euch kurz auf dem Laufenden halten, wie es hier mit unserer Bibliothek weitergeht. Letzten Montag wurden die Sparmaßnahmen im Kultursektor in der Städtischen Kommission besprochen, und nächsten Montag wird der Vorschlag dem Stadtrat zur Abstimmung vorgelegt. Die Debatte der Kommission ist öffentlich, und jeder Bürger hat das Recht, Einspruch zu erheben, und man darf dann maximal fünf Minuten sprechen. In einem Anfall von Wahnsinn hatte ich mich tatsächlich – mit 19 anderen Sprechern – dafür angemeldet.

Pünktlich versammelten sich die Sprecher und weitere ca. 200 Sympathisanten bei der Bibliothek, von wo wir in schicken T-shirts mit dem Logo „Mijn bieb moet blijven“ und mit viel Krach zum Rathaus zogen. Dort mussten sich die Sprecher an der Rezeption melden und durften dann im Sitzungssaal Platz nehmen. Die übrigen Sympathisanten durften die Debatte vom Bürgersaal aus auf einer Leinwand mitverfolgen. Mann, hatte ich Lampenfieber.

Der Abend war auf jeden Fall sehr interessant und lehrreich. Erst wurden wir von der Vorsitzenden darauf hingewiesen, dass wir nicht applaudieren, pfeifen oder auf andere Art und Weise seine Meinung kundtun dürfen, denn jeder soll hier sagen können, was er denkt. Außerdem fand sie es gut, dass so viele Leute von ihrem demokratischen Recht, Einspruch zu erheben, Gebrauch machen. Vielleicht sollte ich das öfter mal machen…

Die Ansätze der 20 Sprecher waren sehr unterschiedlich, aber jeder machte deutlich, warum die Bibliothek, die Zweigstellen in den Stadtteilen und der Bücherbus so wichtig sind und dass die Bibliothek weit mehr ist als Bücher ausleihen und zurückbringen. Unsere ehemalige Stadtdichterin begann mit einem Gedicht über die Bedeutung von Kultur, dem Sauerstoff der Gesellschaft, das Projekt „Vorleseexpress“ wurde vorgestellt, ein Grundschullehrer erzählte, wie die Kinder sich immer auf den Bücherbus freuen usw. Der letzte Sprecher, der Direktor der Bibliothek, ging vor allem auf die finanzielle Seite ein und erklärte, was die geplanten Einsparungen für Folgen haben.

Nach einer kurzen Pause diskutierten die Vertreter aller Fraktionen die Sparmaßnahmen und gingen auch auf die Punkte von uns ein. Wie zu erwarten, ist die Koalition dafür, denn der Haushalt muss ja stimmen, die Opposition findet die Einschnitte zu rigoros und mahnt zum Nachdenken. Ich habe den Eindruck, dass alle Fraktionen zwar finden, dass die Bibliothek weiterhin den gewohnten Service bieten soll und dass auf keine der Aktivitäten verzichtet werden kann, aber das Ganze doch bitteschön mit deutlich weniger Geld. Damit kann man wirklich was anfangen. Der Stadtrat wird am Montag wohl auch für die Sparmaßnahmen stimmen, aber es gibt Hoffnung, das die Bibliothek mehr Zeit bekommt, um sie durchzuführen.

Als ich nach einem langen Abend das Rathaus verließ, sah ich, dass einige der Figuren des Rathausbrunnens ebenfalls in ein schickes T-shirt gekleidet waren. Ich musste sehr lachen und mir wurde wieder einmal klar, dass ich diese Stadt einfach mag, in der ich vor 18 Jahren eher umständehalber gelandet bin, die aber mich  sofort willkommen hieß.

Heute morgen las ich in der Zeitung, dass für einen meiner Lieblingskolumnisten  die 20 Sprecher zu seinen Helden dieser Woche gehören. Das passiert mir auch nicht so oft.

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Kategorien: Ganz "normaler" Alltag, Literarisches und Kulturelles | Schlagwörter: , , , , , , | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Meine Bibliothek muss bleiben – Einspruch

  1. heerlijk beschreven, Petra!

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