Ostseeradtour 2015 – Teil 1

Temperatur ist Geschmackssache (Radler auf dem Elberadweg bei Glückstadt)

Enschede – Gronau – Hamburg – Brunsbüttel

start

Mal wieder viel zu früh fuhren wir am Sonntagmorgen los nach Gronau. Alles war noch still, nur einer unserer Nachbarn überholte uns auf seinem Rennrad. Nach einem kurzen Plausch fuhr jeder seines Weges.

Am Bahnhof war erst noch nicht so viel los, doch nach einer Weile versammelten sich mehrere Radler auf dem Bahnsteig. Die beiden Damen, die nach Metelen wollten, beschlossen, in den anderen Wagen einzusteigen, so dass wir und zwei weitere Herren auf dem Weg nach Münster nicht abpacken mussten. Einer dieser Herren hatte ein E-Bike mit, das wir testen durften. Das Teil zog ganz schön ab! Er erzählte, dass er Probleme mit dem Meniskus hatte und mit einem normalen Rad die Ruhrgebietstour mit seinem Kumpel nicht fahren könnte. E-Bikes haben wirklich Zukunft, denn die Akkuleistung wird immer besser, und es gibt auch immer mehr Möglichkeiten, diese aufzuladen. Irgendwann werden wir wohl auch auf Stromräder umsteigen.

e-bike

Da wir in Münster über eine Stunde Aufenthalt hatten, wollte ich zum Bahnhofsbäcker, um Brezeln und Streuselkuchen zu holen. Der Bahnhof war nicht wieder zu erkennen! Das Gebäude war größtenteils weg und die Geschäfte waren im Moment auf den Bahnhofsvorplatz ausgelagert. Die Umbauarbeiten sind umfangreicher als ich dachte.

Wir installierten uns auf dem Bahnsteig im richtigen Gleisabschnitt, doch als unser Zug angekündigt wurde hatten wir es wieder – umgekehrte Wagenreihung, aber nicht für den gesamten Zug. Also rechneten wir aus, wo wir hinmussten und hofften, dass es einigermaßen stimmte. Tatsächlich, wir standen halbwegs an der richtigen Stelle. Als der Zug einfuhr, packten wir ab, wuchteten Räder und Gepäck ins Innere und verstauten alles. Und wie es immer so ist, wollte just in diesem Moment auch das Mädchen mit dem Kaffeewagerl vorbei.

Nach einer Weile saßen wir auf unseren reservierten Plätzen. In der Nähe saß eine Gruppe junger Männer, gewandet in Trikots des Sportvereins Hintertupfingen-Ost oder etwas dergleichen. Sie hatten Cola mit, die sie eifrig mit Doppelkorn verdünnten. Irgendwann fragte einer seinen Kumpel: “Sollen wir mal Plätze tauschen?” – “Duu, das isss aber vvvooolll ansschschdrrrengend!”

Mit nicht allzuviel Verspätung erreichten wir Hamburg. Zusammen mit einem anderen niederländischen Paar, das den Elberadweg Richtung Dresden fahren wollte, hievten wir Räder und Gepäck nach draußen. Da die ganzen Hintertupfinger auch bei dieser Tür aussteigen wollten, dauerte das eine Weile. Zum Glück hatte der Zug hier einen längeren Aufenthalt, bevor er nach Stralsund weiterfuhr.

Die Elbe zu finden, war nicht schwer, der dazugehörige Radweg war jedoch etwas besser versteckt. Endlich befanden wir uns auf der Promenade. Allerdings hatten an diesem schönen Sonntagnachmittag alle Hamburger und sämtlicher Urlauber beschlossen, dort zu promenieren, also kamen wir nicht gerade schnell voran.

elbe2 elbe

Dann landeten wir beim Museumhafen Övelgönne, wo wir eine Weile unsere Räder inmitten einer größeren Menschenmenge durch die schmalen Gassen schieben mussten. Aber so konnten wir uns wenigstens in Ruhe die malerischen Häuser anschauen.

oevelgoenne

Dann wurde es etwas ruhiger, und ohne Probleme fanden wir den Campingplatz am Elbstrand. Dort nahm man uns etwas übel, dass wir nicht reserviert hatten, obwohl sie doch dafür ein Online-Formular haben, aber wir durften trotzdem dort stehen. Wir pflügten uns durch den Sand und fanden einen Platz mit festerem Untergrund, wo wir unser Zelt aufstellten, selbstverständlich mit Elbblick.

elbe4 elbe3

Dann gingen wir in den Biergarten zum Essen. Der Barkeeper verblüffte uns damit, dass er zwei Weißbiergläser gleichzeitig einschenkte, und bei der Essensausgabe bekommt man keine Nummern, sondern Namen wie „Mary Poppins“ oder „Miss Piggy“, die lauthals gerufen werden, wenn das Essen fertig ist. Der Fisch war aber auf jeden Fall lecker. Mit vollem Bauch zogen wir uns in unser Zelt zurück. Nachts war es ziemlich kalt, so dass ich irgendwann meine Kapuzenjacke anzog.

Am nächsten Morgen schien die Sonne, doch es wehte ein ziemlich frisches Lüftchen. Die beiden italienischen Jungs neben uns saßen bibbernd bei ihrem Gaskocher und machten Kaffee. Auch wir frühstückten erst mal in Ruhe. Obwohl unsere Nachbarn schon lange vor uns aufgestanden waren und mit dem Einpacken angefangen hatten, waren wir ungefähr gleichzeitig fertig. Bei uns gilt die Regel: Vom Aus-dem-Schlafsack-Kriechen bis zum Losradeln vergehen ziemlich genau eineinhalb Stunden. Klappt fast immer!

elbstrand

Wir pflügten uns wieder durch den Sand und fuhren erst an der Elbe entlang, bis wir vor einer steilen Treppe nach oben standen. Also zurück. Wir begegneten den Italienern wieder und warnten sie, doch sie fuhren weiter. Nach einer Weile standen wir wieder vor dieser Treppe, aber diesmal oben, wo die Italiener ihre Räder hochwuchteten. Kurz darauf riefen uns zwei ältere Herren auf einer Bank etwas nah, das wir nicht verstanden, und bald landeten wir in einer Sackgasse. Ach, das hatten die Herren gemeint! Also wieder zurück, an den Herren vorbei. Wahrscheinlich haben sie so den ganzen Tag Unterhaltung, Statler und Waldorf lassen grüßen.

Uns reichte es erst mal mit dem Elbe-Radweg, wir wollten bloß raus aus der Stadt. Wir folgten den Schildern nach Uetersen und Elmshorn, das lag so ungefähr in der richtigen Richtung. Die Elbe würden wir irgendwann schon wiederfinden. Die Radwege waren auch okay, aber warum sind sie in der Stadt immer von Glas gespickt? Ich hoffe ja, dass diejenigen, die das verursachen, im Jenseits bis zum jüngsten Gericht Reifen flicken dürfen.

Bei Elmshorn fanden wir auch den Radweg nach Glückstadt und hatten den Wind kräftig von vorne. In der Stadt merkt man das ja nicht so. Bei einer Pause auf einer Bank mit Elbblick unterhielten wir uns mit einem Herrn, der zu einem Badestrand in der Nähe wollte, die Wassertemperatur sei im Moment 16 Grad. Auf meinen Einwand, dass das doch etwas kühl, um nicht zu sagen saukalt sei, meinte er: „Temperatur ist Geschmackssache“. Wunderbar, dieser Satz sollte uns den restlichen Urlaub begleiten.

deich deich2

Wir radelten weiter auf dem Deich und erreichten bald Glückstadt mit einem netten kleinen Hafen.

glueckstadt glueckstadt2

Hier kann man auch mit der Fähre die Elbe überqueren, was wir aber diesmal nicht vorhatten. Und weiter ging es gegen den Wind auf dem Deich, wo die Schafe friedlich grasten. In der Ferne sahen wir die Kernzentrale Brokdorf. Trotz zahlreicher Pausen wurden die Kilometer nach Brunsbüttel langsam, aber stetig weniger.

unterwegs unterwegs2

Kurz vor Brunsbüttel standen wir plötzlich vor einer Schranke. Da es außer zurück keine Alternative gab, zwängten wir uns daran vorbei und radelten über ein Fabrikgelände auf eine Straße, die uns direkt zur Fähre über den Nord-Ostseekanal brachte. Peter war mal wieder etwas voraus und rollte auf die Fähre, doch als ich den Anleger erreicht hatte, setzte sich plötzlich die Autoschlange in Bewegung, und ich war noch auf der falschen Straßenseite! Hilfe, der Gatte wird doch nicht ohne mich den Kanal überqueren? Gut, sowas kommt vor, ich hatte ihn auch mal in London an einer Underground Station zurückgelassen, weil er in ein Plakat vertieft war und die Türen schneller zugingen als gedacht. Aber diesmal sollte das nicht passieren. Ich sah den Mitarbeiter der Fähre fragend an und rollte an Bord, allerdings auf der falschen Seite, wo ich einigen Fußgängern im Weg stand, aber egal, die Fähre legte mit mir ab.

kanalfaehre

Auf der anderen Kanalseite fuhren wir zur Tourist Information und suchten auf einem Umgebungsplan den Weg zum Campingplatz am Elbdeich. Dort angekommen empfing uns ein Schild: „Einchecken Deichstraße 71.“ Zum Glück war das gleich um die Ecke und nicht beim Fähranleger oder so. Der Platzwart erwies sich als Scherzkeks, denn er empfing uns mit folgenden Worten: „Leider habe ich nichts mehr frei, aber in Hamburg könnte ich Ihnen noch etwas anbieten.“ In diesem Stil ging die Eincheckprozedur weiter, bis wir unser Zelt aufbauen konnten. Der Platz ist einfach, aber nett und hat eine kleine Küche für Camper. Die Dusche war wunderbar, ich hätte duschen können, bis die rote Sonne im Meer versinkt, aber man muss es ja nicht übertreiben.

brunsbuettel brunsbuettel2

brunsbuettel3 brunsbuettel4

Aufgewärmt und munter machten wir einen Spaziergang zum historischen Ortskern, wo wir eine nette Pizzeria fanden. Während wir auf die leckere Pizza warteten, rekonstruierten wir den Tag und ich schrieb meine Stichpunkte in den Kalender.

Nach dem Essen gingen wir zurück zum Campingplatz und setzten uns eine Weile auf eine Bank auf dem Deich. Dann gingen wir schlafen. Die Schafe blökten noch eine Weile friedlich vor sich hin, dann war es still.

deichschafe

Nach den Anstrengungen von gestern hatten wir uns einen Ruhe- und Kulturtag verdient, also trödelten wir beim Frühstück gemütlich herum und beobachteten die Schafe, die in einer langen Reihe aus der Stadt wieder zum Deich kamen. Dann fuhren wir an selbigem entlang in die Stadt und parkten die Räder bei der Tourist Information.

Erst gingen wir zur Aussichtsplattform 3 des Nord-Ostseekanals und beobachteten, wie die Schleuse geöffnet wurde, um einige Schiffe durch zu lassen. Das scheint eine ziemlich aufwändige Sache zu sein, bei der mehrere Arbeiter irgendwelche Kolben in Löcher gleiten ließen bzw. selbst in diesen Löchern verschwanden. Was da alles passierte, erschloss sich mir ehrlich gesagt nicht, aber interessant war es auf jeden Fall.

schleuse schleuse2

schleuse3 schleuse4

Dann besuchten wir die Ausstellung in der Tourist Information, denn wir wollten mehr über den Kanal erfahren, der die Nordsee mit der Ostsee verbindet und so den Schiffen einen langen Umweg über Skagen erspart. In der Ausstellung selbst kann man verschiedene Kanalmodelle, Fotos, Grafiken und Tabellen bewundern. Dann zeigte man uns einen Film über die Geschichte und den Bau des Kanals. Dabei erfuhren wir, dass bereits im 7. Jahrhundert die Wikinger in Haithabu Pläne für einen derartigen Kanal hatten. Der direkte Vorläufer war der Eiderkanal, der im 18. Jahrhundert gebaut wurde. 1887 wurde dann mit dem Bau des Nord-Ostseekanals begonnen, der 1895 dann fertig wurde.

Danach zeigte man noch einen Film über die Navigation auf dem Kanal. Manche Schiffe sind ja sehr breit, so dass ein genauer Plan eingehalten werden muss, wann und wo sie einander passieren können. Dabei erhält jedes Schiff abhängig von der Breite eine Passierzahl. Die Summe der beiden Schiffe, die aneinander vorbei wollen darf ein bestimmtes Maximum nicht überschreiten, sonst muss eines der beiden Schiffe in einer Art „Ausweichbucht“ warten. Wieder etwas gelernt.

Wir bummelten noch durch den Ort und erledigten Einkäufe. Dabei fiel uns auf, dass Brunsbüttel viele Geschäfte aller Art, aber relativ wenig Besucher hat. Das kann natürlich auch an der Vorsaison liegen, gut möglich, dass hier im Hochsommer der Bär steppt. An der Promenade verspeisten wir das erste Fischbrötchen des Urlaubs. Es war nicht schlecht, aber an Norden reicht es nicht heran.

hafen hafen2

Dann fuhren wir zurück zum Campingplatz, wo ich mich in die Sonne setzte, um ein paar Schönheitsreparaturen an Peters Schlafsack vorzunehmen. Inzwischen hatten wir auch Nachbarn bekommen: ein Radfahrerehepaar aus Bayern, die auch ostwärts radeln wollten und heute ebenfalls mit dem Wind zu kämpfen hatten, und eine junge Frau, die auf dem Nordseeradweg unterwegs war.

Später traf ich in der Küche eine Frau, ebenfalls aus dem sonnigeren Süden, die über das Wetter schimpfte: „Mei, is des a Wind hier! Normal fahrn mer ja im Urlaub ins Allgäu, aber mein Mann wollt unbedingt Schiffe sehn. Also samma heuer hier. Aber warm is hier ja ned grad.“ Aber Temperatur ist ja bekanntlich Geschmackssache, ich fand die knapp zwanzig Grad ideales Radlerwetter. Und so lange es nicht regnet…

Nach dem Abendessen gönnten wir uns noch ein Bierchen in der Strandhalle auf dem Deich.

deichschafe2 elbblick

Dann verkrochen wir uns in unsere Schlafsäcke, während in einem der Nachbarzelte schon diverse Bäume zersägt wurden.

Advertisements
Kategorien: 2015 - Ostseeradtour | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , | 6 Kommentare

Beitragsnavigation

6 Gedanken zu „Ostseeradtour 2015 – Teil 1

  1. bockmouth

    Schöner Beginn eines schönen Reiseberichts, liebe Petra!
    Hoffentlich musstest ihr im Hbf. Münster nicht zu lange nach diversen Geschäften suchen. Schade, ich hätte euch vorwarnen sollen….
    Aber nächstes Jahr zur Hauptreisezeit soll das alles prunkvoll neu aufgebaut sein….Schauen wir mal!

    • Macht nichts, ich hab den Bäcker ja gefunden. Es ist nur ein etwas seltsames Gefühl, wenn dort, wo früher der Streuselkuchen war, plötzlich nichts mehr ist.

  2. Ich bewundere euch sehr! Vielen Dank für Deine immer sehr ausführlichen Reiseberichte. Das gibt mir ein Gefühl, als ob ich dabei gewesen wäre – nur ohne Muskelkater 😉
    Liebe Grüße,
    Elvira

    • Vielen Dank. Ich freue mich immer, wenn jemand gerne „mitreist“. Und auch für mich ist es eine Art Wiederholung der Reise, nur, dass ich schon weiß, wie es ausgeht.

  3. Na super, wenn der Wirt mein Essen mit ‚Miss Piggy‘ ansagen würde, ginge ich hungrig in’s Bett 😀

    Was für Fahrräder habt ihr?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: