Ostseeradtour 2015 – Teil 2

May the wind always be at your back (aus einem irischen Segen)

Brunsbüttel – Breiholz – Kiel

Am nächsten Morgen herrschte entgegen der Wettervorhersage vom Vortag ideales Radlerwetter mit ca. 18 Grad und einem frischen Westwind. Bald hatten wir unsere Sachen gepackt, und unsere Nachbarn, die eigentlich einen Ruhetag geplant hatten, beschlossen die Gunst der Stunde zu nutzen und ebenfalls weiter zu fahren. Beim Wasserholen traf ich die Frau, deren Mann unbedingt Schiffe sehen wollte. Sie berichtete, dass sie nach Hause fahren würden, da es ihnen zu kalt war. Klar, Temperatur ist ja bekanntlich Geschmackssache.

Wir folgten erst der Hauptstraße durch ein Industriegebiet und kamen dann bei Averlak auf den Kanalweg.

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Dort macht das Fahren richtig Spaß, der Weg ist eben, der Untergrund meist gut und der Wind wehte heute auch aus der richtigen Richtung. Unterwegs begegneten wir zahlreichen Radfahrern, die uns mit einem fröhlichen „Moin Moin!“ begrüßten. Ich finde das so schön. Erst sahen wir vor allem Schiffe, die in Richtung Kiel unterwegs waren, später gab es dann mehr Gegenverkehr.

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Immer wieder fuhren wir an idyllischen Bänkchen, teilweise umgeben von Heckenrosen, vorbei und machten sebstverständlich hin und wieder auch Pausen.

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Natürlich kamen wir auch am Campingplatz Hochdonn vorbei, wo wir vor einigen Jahren schon einmal gezeltet und Schiffe beobachtet hatten. Allerdings war es noch zu früh zum Übernachten, und so fuhren wir weiter. Auch einer ganzen Schwanenkolonie und einem Reiher begegneten wir.

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Das Radeln ging wunderbar, bis wir den Kanal verlassen und den Weg nach Breiholz suchen mussten. Es gab zahlreiche Hinweisschilder auf einen Bäcker in dieser Ortschaft, aber laut unserem Bauchgefühl war es besser, erst bei der Abzweigung „Breiholz Fähre“ ab zu fahren, da unser Campingplatz in der Fährstraße liegen sollte. Nun kam der Wind nicht mehr so schön von hinten, und es brauten sich auch dunkle Wolken über uns zusammen, aber wir fanden bald ein Schild zum Campingplatz.

Über einen Schlaglochweg an einer verlassenen Fabrik vorbei kamen wir zu einem geschlossenen Restaurant und einem Sanitärgebäude. Auf einer Weise standen ein paar Wohnwägen. Sehr einladend sah das Ganze ja nicht aus. Am Restaurant hing eine Preisliste mit dem Hinweis, dass wir uns bei einer bestimmten Telefonnummer melden sollten. Peter rief dort an und ihm wurde mitgeteilt, dass wir schon mal aufbauen sollten. Das Toilettengebäude sei offen, und im Laufe des Abends käme jemand vorbei. Wir suchten uns ein geschütztes Plätzchen, da es inzwischen kräftig wehte, und bauten unser Zelt auf. Die Aussicht über die Eider auf Hamdorf war auch sehr schön.

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Abwechselnd gingen wir duschen. Auch wenn der Platz noch sehr einfach ist, über die Sanitäranlagen darf man nicht nölen. Während ich auf Peter wartete und mein Reisetagebuch aktualisierte, kamen zwei weitere Radfahrer um die Ecke – unsere Nachbarn aus Brunsbüttel! Sie wollten eigentlich erst bis Hochdonn fahren, aber der Wind hatte auch sie gemütlich vor sich her geschoben.

Dann fuhren wir nach Hamdorf zum Einkaufen und stellten fest, dass der Campingplatz von der Eiderbrücke aus sehr wohl einladend aussieht. Man muss halt von der richtigen Seite kommen. Der Supermarkt befand sich am äußersten Ortsende, und es ging dort sehr gemütlich zu: Jeder scheint dort jeden zu kennen. Eine Kundin, die nicht genug Kleingeld hatte, durfte der Postbotin einen unfrankierten Brief mitgeben und am nächsten Tag bezahlen.

Wir kauften diverse Snacks und eine Zeitung und erreichten den Campingplatz gerade noch rechtzeitig, bevor ein Platzregen lospladderte. Im Zelt verspeisten wir unser Abendessen und lasen in der Zeitung, dass Harry Rowohlt gestorben war. So alt war er doch noch gar nicht, gerade mal 70. Natürlich kenne ich ihn als Penner Harry aus der Lindenstraße, aber auch als Übersetzter von „Winnie the Pooh“ und „Angela’s Ashes“. Von ihm stammt auch das herrliche Zitat: „Als Übersetzer muss man sich einfach für jeden Scheiß interessieren, es könnte ja mal wichtig werden.“ R.I.P., Harry.

Nach einer Weile ließ der Regen wieder nach, doch inzwischen war es dunkel geworden, und wir gingen schlafen.

Am nächsten Morgen war es noch immer trocken, so dass wir wieder draußen frühstücken konnten. Unsere Nachbarn verkündeten, dass sie genug vom Zelten hatten und sich ein Zimmer nehmen wollten, es war ihnen zu kalt. Weder bei ihnen noch bei uns war jemand zum Bezahlen gewesen, aber da wir so hervorragend geduscht hatten, wollten wir uns nicht einfach davon machen und falteten die 12 Euronen in ein kleines Dankbriefchen und deponierten sie im Briefkasten.

Dann fuhren wir los und waren schon bald wieder am Nord-Ostseekanal. Bis Rendsburg ging alles prima, und wir sahen die bekannte Schwebefähre.

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Die Schilder führten uns noch eine Weile am Westufer entlang, doch bei Nobiskrug mussten wir dann doch die Seite wechseln, um dem städtischen Gewurschtel zu entgehen. Doch dort war es erst auch sehr schön: Der Regen hatte zahlreiche riesige Schnecken hervorgelockt, die den Weg überquerten, und um die wir vorsichtig herumfuhren. Außerdem passierten wir nette Häuser.

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Eigentlich wollten wir bei Sehestedt wieder auf die andere Seite, aber die Schilder sagen uns etwas anderes. Nun, das würde schon seine Richtigkeit haben, und so verließen wir den Kanal und folgten den Schildern, die uns zum ehemaligen Eiderkanal, dem Vorläufer des Nord-Ostseekanals, und einem alten Sperrwerk führten. Weiter weg vom Ufer ist es nicht mehr flach, und die sanften Hügel zwischen den Feldern erinnern etwas an England.

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Dann fing es wieder an zu regnen, und wir machten Pause in einem Bushäuschen. Als der Regen nachließ, entdeckten wir Schilder, die uns nach Kiel führten, und solche, die zurück zum Kanal wiesen. Wir beschlossen, letzteren zu folgen, da wir dachten, dass wir den Campingplatz vom Kanal aus leichter finden würden. Bei Landwehr wechselten wir dann wieder an das Westufer.

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In Kiel kamen wir bei den Schleusenanlagen an der Förde heraus, fanden aber leider nur ein Schild zum Leuchtturm, wo wir nicht hinwollten, und eine detaillierte Straßenkarte hatten wir nicht. Also fuhren wir nach Gefühl in Richtung Norden und kamen durch eine Wohngegend, in der Tatortkommissar Borowski sicher schon ermittelt hatte. Auch Kiel ist keineswegs flach, sondern steht auf gefühlten sieben Hügeln. Irgendwann erspähten wir ein Umleitungsschild nach Altenholz, also in die richtige Richtung, und landeten an einer Hauptstraße. Dort holte uns eine Radfahrerin ein, die uns ein bisschen an Queenie erinnerte. Sie meinte, dass sie beim Anblick unserer Packtaschen Fernweh bekäme und teilte uns mehrere Routen zum Campingplatz mit. Wir schafften es gerade so, die einfachste zu behalten und landeten in der kopfsteingepflasterten Fußgängerzone des Stadtteils Friedrichsort. Dort fragten wir uns weiter durch und wurden auch bald in die richtige Richtung geschickt. Außerdem wünschte uns jeder besseres Wetter für den weiteren Verlauf unserer Tour.

Zehn Minuten vor Ende der Mittagspause erreichten wir den Campingplatz, und während wir auf den Platzwart warteten, lasen wir amüsiert den Aushang, dass die Wasserhähne geändert worden waren, so dass man keine Gartenschläuche mehr anschließen konnte, da die Dauercamper zu viel Wasser verbraucht hatten. Tja, so eine Gartenzwergidylle erfordert nun mal viel Pflege. Trotz der bevorstehenden Kieler Woche war es kein Problem, hier ohne Reservierung zwei Nächte zu bleiben. Wir bekamen auch einen Stadtplan und einen Fahrplan der Fördefähre, mit der wir am nächsten Tag in die Stadt fahren wollten. Nach dem Aufbauen kauften wir ein und saßen dann noch eine Weile am Ufer der Förde. Dann gingen wir ins Restaurant bei der Rezeption und ließen den Abend mit einem leckeren Essen und ein paar Bierchen ausklingen.

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Am nächsten Morgen frühstückten wir gemütlich und hielten ein Schwätzchen mit unserem Nachbarn, der schon seit Anfang Mai unterwegs und jetzt wieder auf dem Heimweg war. Wir plauderten über die etwas ungünstige Gewichtsverteilung bei seinem Anhänger, Werften und Schiffsbau und die Reise, die hinter ihm lag. Dabei stellte sich heraus, dass er die Strecke, die uns vorschwebte, in umgekehrter Richtung zurückgelegt hatte, und er schenkte uns seine Radkarten: „Jetzt habe ich 300 g weniger Gepäck!“ Im weiteren Verlauf der Reise waren wir ihm mehrfach sehr dankbar, denn solche Karten braucht man in der Gegend auch.

Dann fuhren wir los und suchten den Fähranleger Friedrichsort. Erst gab es tatsächlich ein Schild, doch dann verlor sich die Spur im Nichts. Wer nicht weiß, wo der Anleger ist, hat es wohl auch nicht verdient, ihn zu finden. Ein paar nette Einheimische halfen uns weiter: Vor der Motorenfabrik Caterpillar rechts abbiegen, beim Ufer links und da ist er dann. Eigentlich ganz einfach.

Nach einer Weile kam die Fähre und brachte uns in die Stadt. Unterwegs studierte ich noch einmal den Fahrplan und plötzlich wurde mir bewusst, dass morgen ja Samstag war und somit andere Fahrzeiten gelten! Außerdem legt die Fähre morgens dann nicht in Friedrichsort, sondern in Falckenstein an. Gut, dass ich das gesehen hatte, denn sonst wären wir zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen und hätten doof aus der Wäsche geschaut. Also mussten wir am Abend noch den anderen Fähranleger suchen.

Beim Seegarten stiegen wir aus und sahen uns erste einmal um. Natürlich lagen zahlreiche Schiffe im Hafen, am Schweden- und am Norwegenkai lagen die Stena Germanica nach Göteburg und die Color Fanatsy nach Oslo. Da packt einen doch gleich das Fernweh!

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Wir konsultierten einen Umgebungsplan und gingen in die Altstadt, die sich auf die Kieler Woche vorbereitete: Überall wurden Stände mit Fressalien und anderen Dingen aus aller Herren Länder aufgebaut. Morgen würde es hier sicher rundgehen, aber da würden wir schon wieder unterwegs Richtung Osten sein.

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Wir besuchten die Nikolai-Kirche, ein Bauwerk der im Ostseeraum üblichen Backsteingotik, über die wir im Lauf unserer Reise noch einiges erfahren würden. Im Krieg war sie schwer beschädigt und in den 50er Jahren modern und schlicht wieder aufgebaut worden, wovon auch der vorwiegend weiße Innenraum zeugt.

Dann wärmten wir uns kurz in der Einkaufspassage Holstentörn auf, gingen über den Exerzierplatz und zum alten Rathaus, wo ebenfalls zahlreiche Stände aufgebaut wurden. Dort stärkten wir uns mit einem Fischbrötchen, das fast Norden-Qualität hatte. Dann statteten wir dem Kleinen Kiel, einem flachen Binnengewässer, einen Besuch ab.

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Danach wurde es Zeit für etwas Kultur, und wir gingen ins Schifffahrtmuseum in der ehemaligne Fischhalle. Dort erfuhren wir zu unserer Freude, dass die Eintrittskarte auch für das Stadtmuseum und einige Schiffe an der Museumsbrücke gültig ist. Das Schifffahrtmuseum zeigt in vielen verschiedenen Nischen unterschiedliche Themenbereiche zur maritimen Geschichte der Stadt: Fischerei, Seefahrt, Schiffbau und Marine.

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Dann besichtigten wir den dampfbetriebenen Tonnenleger Bussard, der bis 1979 zur Wartung der Seezeichen eigensetzt wurde, und das Feuerlöschboot Kiel. Während wir uns an Deck umsahen, stand im Hafen eine Hochzeitsgesellschaft, bereit für das Fotoshooting. Die Braut in ihrem weit ausgeschnittenen Kleid war wirklich nicht zu beneiden, denn es hatte gerade mal 16 Grad. Aber da muss man halt durch.

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Wir besuchten noch das Stadtmuseum im Warleberger Hof, dem ältesten noch erhaltenen Kieler Adelshof. Das Gebäude mit seinem beeindruckenden Kellergewölbe und den bemalten Barockdecken an sich ist schon sehenswert, und auch die zahlreichen Gemälde zur Stadtgeschichte sind sehr interessant.

Danach fanden wir, dass es Zeit wurde, zum Campingplatz zurück zu fahren, und gingen zurück zur Seebrücke. Während wir auf die Fähre warteten, tutete es plötzlich laut und anhaltend: die Color Fantasy legte ab. Eine Weile fuhr sie vor unseren Fähre her, bis sie am Horizont verschwand.

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Als wir Friedrichsort erreichten, schien die Sonne, und wir gingen erst einmal ein Eis essen und dann zum Supermarkt. Dann machten wir uns auf die Suche nach dem Fähranleger Falckenstein, von wo wir am nächsten Tag die Förde überqueren wollten. Er ist gar nicht weit weg vom Campingplatz und über einen schmalen Weg am Ufer zu erreichen. Prima, den würden wir auf jeden Fall finden.

Auf dem Campingplatz lasen wir gemütlich die Zeitung. Das Wetter würde in der nächsten Zeit eher durchwachsen bleiben, aber der Wind blies immer noch aus der richtigen Richtung. Zum Abendessen gingen wir noch einmal ins Restaurant, und danach bummelten wir noch eine Weile am Ufer der Förde entlang, da ich unbedingt die Stena Germanica noch ausfahren sehen wollte. Nach einer Weile kam sie tatsächlich vorbei und setzte Kurs auf Schweden.

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Dann verkrochen wir uns ins Zelt, lasen noch eine Weile und schliefen dann ein. Nachts gegen zwei Uhr wurden wir jedoch wach, da einige Leute zu unserem Nachbarzelt gingen, um Alkoholnachschub zu holen. Dabei redeten und lachten sie in einer nicht mehr nachtruheverträglichen Lautstärke – sie hatten wohl schon kräftig getankt. Wo sind die kräftigen Regenschauer, wenn man sie mal braucht? Wie meistens bei solchen Gelegenheiten überlegte ich, morgens um sechs Uhr vor ihrem Zelt ungefähr acht Mal aus Versehen das Kochgeschirr fallen zu lassen, aber dazu bin ich zu faul und zu friedfertig. Nach einer Weile fand die Truppe den Alkohol und verzog sich wohl in einen Wohnwagen, denn man hörte plötzlich nichts mehr. Und so schliefen wir ungestört weiter.

Kategorien: 2015 - Ostseeradtour | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Ostseeradtour 2015 – Teil 2

  1. Ah, da werde ich auch lang fahren. Von Brunsbüttel nach Rendsburg und am nächsten Tag nach Kiel (Fischbrötchen essen 🙂 Wie cool, schon mal einen Einblick bekommen zu haben.

    Wie lang sind eure Tagesetappen?

    • Nicht so extrem lang, meistens so um die 70 km. So bleibt auch noch was vom Tag übrig, und wir sind ja im Urlaub und nicht auf der Flucht.

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